Ausstellung: Aufstand der Zwerge

Zwerge im Aufstand? Stehen die nicht sonst irgendwo in Vorgarten rum? Vermengt mit etwas Kitsch und schlechtem Geschmack gelten sie oft als der Inbegriff des Spießbürgertums. Das Kraszewski-Museum wirft einen anderen Blick auf die Gartenzwerg-Kultur. Eine Sonderausstellung mit 42 Fotografien, Flugblättern und Plakaten zeigt: Der Zwerg ist ein Symbol des bunten Protests in Polen.

Kuratorin Magdalena Paluska blickt auf den Zwerg, den die BRN von der O.A. geschenkt bekam.
Kuratorin Magdalena Paluska blickt auf den Zwerg, den die BRN von der O.A. geschenkt bekam.

Eine kleine Geschichte über den Aufstand der Zwerge

Alles fing damit an, dass am 13.Dezember 1981 in Polen das Kriegsrecht ausgerufen wurde. Politisches Engagement wurde so unter Strafe gestellt – als einziges Mittel blieb den Systemkritiker*innen die Schrift. Die Oppositionellen verteilten antikommunistische Aussagen auf Mauern und Wänden in ganz Polen– die sofort von der Polizei mit weißer Farbe vertuscht wurden. Und da kommt nun zum ersten Mal der Zwerg ins Spiel. Im August 1982 übermalten die Künstler Waldemar Frydrych und Wieslaw Cupala die weißen Flecken mit subversiven Zwergmotiven – wie sollte denn die Polizei nun damit umgehen – denn was ist an einem Zwerg schon gefährlich?

Doch bei den Zwergen wollten es die Systemkritiker*innen nicht belassen. Und so entstand in den Mitte der 1980er Jahren die polnische Schüler- und Student*innenbewegung „Orangene Alternative“. Mittels künstlerischer humorvoller Aktionen sollte den Menschen die Angst vor Polizei und Staatsgewalt genommen werden, die sich seit der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen verbreitet hatte.

Die Bewegung bediente sich dafür des Happening-Formates – eine Kunst, die 1959 von Allan Kaprow begründet wurde. Das Happening sollte die Grenze zwischen Publikum und Kunstwerk aufbrechen, und die Betrachter*innen in das Kunstwerk miteinbeziehen. Doch wie kann solche Kunst in Protestaktionen funktionieren?

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Zum Beispiel in dem man die Polizei als Kunstfigur inszeniert. In dem man Feste erfindet und Revolutionen nachspielt, indem man das Alltägliche des öffentlichen, staatlich kontrollierten Raums aufbricht, den Karneval auf die Straße bringt.

„Das sozialistische System wurde durch den Kakao gezogen“, sagt Kuratorin Magdalene Paluska

Die Revolution der Zwerge am 1. Juni 1988 Foto: Museum
Die Revolution der Zwerge am 1. Juni 1988 Foto: Museum

Das größte Spektakel bot dazu die „Revolution der Zwerge“

Am 1. Juni 1988 verkleideten sich etwa 15.000 Menschen als Zwerge und feierten in Wroclaw den Tag der Kinder, sangen Lieder, verteilten Süßigkeiten und protestierten subversiv gegen die Zwänge des sozialistischen Systems. Da sind sie wieder diese harmlosen Zwerge – ist das nicht etwas lächerlich, Zwerge zu verhaften? Welcher Blöße gibt sich denn da die Staatsgewalt?

„Das war ein riesiges Spiel“, sagt Kuratorin Magdalene Paluska.

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Die humorvolle Protestform breitete sich von ihrem Ursprungsort Wroclaw in immer mehr polnischen Großstädten aus. In Krakau, Warschau, Danzig, Łódź, Posen und Bialystock wurden die Schüler*innen und Student*innen aktiv.

Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. Da gab es zum Beispiel den Aufruf, sich als Geheimagent*in zu verkleiden und Jagd auf verdächtige reale Funktionäre zu machen. Plötzlich standen sich Geheimagent*in und Polizist*in gegenüber und verlangten gegenseitig ihre Ausweise.

„Der Erfolg der Orangene Alternative basierte vor allem auf der mobilisierenden Kraft des Humors“, so Paluska

Kuratorin Magdalena Paluska führt letztmalig am 23.2. durch die Ausstellung.
Kuratorin Magdalena Paluska führt letztmalig am 23.2. durch die Ausstellung.

Die karnevalesken Protestaktionen hielten bis 1990 an.

„Die Protestform funktionierte nur solange, die Polizei Widerstand leistete“, erklärt Kuratorin Paluska. Das System schwächelte mehr und mehr, die Polizei hielt sich mehr und mehr raus. Am 1.6.1990 löste sich die Orangene Alternative auf, mit einer letzten Aktion: Dem Begräbnis der Zwerge.

Begraben wurden die Zwerge aber nicht gänzlich – seit den 2000ern vermarktet sich die Stadt Wroclaw als „Stadt der Zwerge“ und schenkte seiner Partnerstadt Dresden zum 60. Jubiläum (2019) ebenfalls einen Zwerg.

Die Orangene Alternative besteht nur noch in seinen Fotografien weiter, die Zwerge stehen weiterhin in Vorgärten rum. Schüler*innen und Student*innen gehen aber auch heutzutage wieder auf die Straße – vielleicht kann sie aus solchen vergangenen Happening-Bewegungen lernen, denn eines wissen wir alle: Lachen verbindet – ach über Zwerge.

Wer jetzt neugierig geworden ist, sollte noch schnell die Sonderausstellung im Kraszewski-Museum besuchen – sie endet am Sonntag, den 23.Februar 2020.

Am Freitag ist der Eintritt in das Kraszewski-Museum ab 13 Uhr kostenlos.
Am Freitag ist der Eintritt in das Kraszewski-Museum ab 13 Uhr kostenlos.

Sonderausstellung im Kraszweski-Museum

  • Die Sonderausstellung „Aufstand der Zwerge“ endet am 23. Februar 2020 mit einer Finissage und Kuratorenführung um 15 Uhr.
  • Für Kurzentschlossene ab 13 Jahren gibt es vom 10. und 11. Februar einen Graffiti-Workshop über Stencil-Technik, Plakatgestaltung und Siebdruck. Anmeldung unter: www.stadtmuseum-dresden.de/kraszewski-events
  • Öffnungszeiten des Kraszewski-Museums: Mittwoch bis Sonntag 13 bis 18 Uhr, Eintritt 4 Euro, ermäßigt 3 Euro, Am Freitag ist der Eintritt ab 13 Uhr kostenlos.
  • Weitere Informationen unter: www.stadtmuseum-dresden.de/kraszewski-museum

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