Neustadt-Geflüster

Dresden Neustadt von Anton Launer

Artikel-Schlagworte: „Zigarette“

Von einem bisschen Angst und ordentlichen Schnorrern

Eine gefährlich aussehende Gestalt wankt auf mich zu. Zerzaustes Haupthaar, zerzauster Bart, durchgescheuerte Jeans und ein übler Geruch nähern sich mit ihm. Im schummrigen Licht der Straßenlaterne kann ich seine blutunterlaufenen Augen sehen und seine ausgetretenen Schuhe. Mit einem geschickten Tritt zur Seite kann ich gerade noch ausweichen und er wankt an mir vorüber. Innerlich fällt mir ein Stein vom Herzen, da dröhnt oder besser krächzt es hinter mir: „Heh, Mann, haste mal ’ne Zigarette.“

Ich bin noch nicht weit genug weg, um den Ruf zu ignorieren. Normalerweise bin ich zu solchen Schnorrern ganz cool und sage immer mein übliches Sprüchlein auf: „Tut mir leid, aber ich rauche nicht.“ Und normalerweise zünde ich mir dann direkt eine Zigarette an und signalisiere so ganz deutlich, dass ich nicht im Geringsten gewillt bin, dem Schnorrer auch nur irgendetwas zu kommen zu lassen. Das funktionierte bisher immer hervorragend und ich hatte jedes Mal das Gefühl Herr der Lage zu sein.

Doch diesmal ist die Situation anders. Langsam drehe ich mich um, die Straße ist leer, weit und breit kein Mensch zu sehen. Und der Typ, er schwankt zwar und ist zerzaust, doch ein Schwächling ist er sicher nicht. Was ist, wenn er mehr will. Was, wenn er jetzt ein Messer zieht.

Langsam kommt er wieder näher, da ist auch wieder der unangenehme Geruch und der Schein der Laterne fällt direkt in sein Gesicht. Die Blässe und der gelbliche Bart unterstreichen noch das Rote in seinen Augen. Mir scheint als belauere er meine Bewegungen.

In Kürze werden meine Beine zu zittern beginnen. Zeit zum Handeln. Forsch ziehe ich die Zigarettenschachtel aus der Tasche, strecke weit den Arm aus und gebe ihm eine. In dem Moment als er sie nimmt, verwandelt sich sein Gesichtsausdruck in Bruchteilen einer Sekunde. Die angespannte, fast lauernde Miene erschlafft, fast möchte ich ein Lächeln erkennen. Auch seine ganze Körperhaltung entspannt sich, seine Schultern sacken herab und er stößt mühsam ein Danke hervor. Schon will er sich wieder abwenden, doch ich bin mutiger geworden. „Heh“, rufe ich nun meinerseits „brauchst Du nicht noch Feuer“. Er sieht mich noch einmal an, die Zigarette hat er schon irgendwo in den vielen Taschen seiner Kluft verborgen. Nein, sagt er. „Ich bin ein ordentlicher Schnorrer, Feuer hab ich selber.“

Von ein paar Groschen und geschnorrten Anleihen

Eine zerzauste Gestalt wankt auf mich zu. Auf dem Rücken eine uralte Gitarre, über den Schultern eine abgewetzte Decke, die wohl in besseren Zeiten mal ein Parka war. „Haste mal ein paar Groschen“, sagt er zwar nicht direkt zu mir, doch schon irgendwie in meine Richtung. Ich gebe mir die größte Mühe, das Wesen zu ignorieren und steuere zielstrebig in die Scheune. Das Gesicht kenne ich, der lungert hier fast jeden Tag rum, erbettelt sich so seinen Lebensunterhalt. Manchmal taucht er auch in irgendwelchen Kneipen auf und quatscht die Leute an den Tischen an. Aber immer so scheu und indirekt, dass ich kaum an einen Erfolg glauben kann. Doch manchmal sieht man ihn auch in einer Döner-Bude, zahlend. Irgendwie scheint es also doch zu klappen. Andere sind da viel aggressiver und auch geschickter. Vorm Istanbul auf der Louisenstraße hat mich mal ein ziemlich wüster Punk angequatscht.

„Eh, haste mal ´ne Lulle.“ Als ich ihm die Zigarette gab, wollte er noch einen Schluck Bier und war auch sofort bereit, eine Diskussion anzufangen. Das zwar zum Einen früher alles besser war, aber er trotzdem ständig von der Stasi verfolgt wurde, nur wegen seiner roten Haare. Die Äußerungen waren so wirr, wie seine Haartracht, die noch nicht mal mehr einen Hauch von Rot ausstrahlten. Schließlich um das zunehmend lästiger werdende Gespräch zu beenden, drücke ich ihm die Bierdose in die Hand und bekomme zum Dank eine handfeste Umarmung. Dabei läuft die Dose auch noch aus und ich habe künftig allen Grund, solchen Gestalten aus dem Wege zu gehen. Dabei trifft man sie täglich vor dem Konsum auf der Alaunstraße, dort wurde jetzt extra der Wachschutz verstärkt, doch die schnorrenden Typen werden wahrscheinlich nie verschwinden. Nachdem ich nun schon lange dachte, gegen solche Attacken gefeit zu sein, wurde ich kürzlich mal wieder überrascht. Erst der Standard-Spruch, der mit den Groschen; dann als das nichts fruchtete, rief mir das von zwei Hunden umgebene Wesen noch nach: „Ich nehm’ auch Aktien, Rentenpapiere und Options-Scheine.“ Da war ich dann doch etwas baff. So viel Kreativität hätte ich einem Punk nun wirklich nicht zugetraut.

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