Neustadt-Geflüster

Dresden Neustadt von Anton Launer

Artikel-Schlagworte: „Urlaub“

Von karibischen Gefühlen im Sommersturm

Der Wind peitscht die Bäume wie dünne Ruten zu Boden. Papierfetzen fliegen durch die Luft. Blitze zucken am Himmel, noch ist vom Donner nichts zu hören, noch lässt der erste Regentropfen auf sich warten. Geschwind suche ich Unterschlupf. Auf der Görlitzer Straße steht noch eine Tür auf. Flink schlüpfe ich in das Lokal und bin im Handumdrehen in einer anderen Welt. Der Sturm ist draußen geblieben, dafür erwartet mich hier karibisches Flair. Die schöne, braungebrannte Kellnerin weist mir ein Plätzchen zu. Ein Gast am Tresen zutscht am Strohhalm einen Mojito. Hinter meinem Rücken lacht ein junger Mann laut und herzlich, sein T-Shirt scheint Programm für das Lokal. In fetten weißen Lettern prangt Havanna von seiner Brust. Seine Begleiterin, eine üppige schwarze Schönheit lässt ihre strahlend weißen Zähne funkeln und ihr riesiges Dekolleté wippen. Die Buchstaben auf ihrer Brust zwingen mich länger darauf zu starren. Tatsächlich, da steht Germany. Und sie trägt es mit einem gehörigen Stolz vor sich her, jetzt möchte ich gern die Gesichter anderer stolzer Deutscher sehen, die ihre Hühnerbrust gern mit einem Deutschland-Schriftzug markieren.

Die Kellnerin reißt mich aus meinen Phatasien. Ob ich denn etwas trinken und essen möchte. Meine Kehle ist trocken, der Magen leer und ich habe noch keinen Blick in die Karte geworfen. Das hole ich nun schnell nach und ordere vorsichtshalber ein Wasser und einen braunen Havana Club, damit kann man nicht viel falsch machen. Dann blättere ich in der Speisekarte: Patatas fritas, Bratkartoffeln mit filete de cerdo Schweinesteak. Da läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Schnell gebe ich der Kellnerin meine Wünsche mit auf den Weg, denn immer neue Gäste füllen das kleine Lokal. Nicht das der Koch erst eine riesige Liste abarbeiten muss, bevor er mein Gericht zubereiten kann.

Ich habe Glück schon wenige Minuten später stellt mir die freundliche Kellnerin einen riesigen Teller hin und ich versinke für eine Weile in dem herrlich gewürzten Gericht. Dazu der Rum und ein in seine Lektüre versunkener Che Guevara auf einem alten Foto an der Wand. Jetzt fühle ich mich fast schon wie in Kuba. Doch jeder Traum muss irgendwann enden, spätestens als ich der Rechnung wegen zum Tresen steuere und sich ein junger Bursche an mir vorbeidrängt und sich beschwert, dass es am Zigarettenautomaten keine F6 gäbe, ist mir klar, dass ich wieder in Dresden angekommen bin. Gemütlich mache ich mich auf den Heimweg und versuche im warmen Nieselregen, der inzwischen eingesetzt hat, das Fernweh noch ein bisschen zu kultivieren.

Von Urlaubsträumen und erlebten Tropfen

Tropf. Es ist gnadenlos heiß. Der Schweiß rinnt mir von der Stirn und soeben hat sich ein erster Tropfen gelöst und ist mit dem dafür typischen Geräusch auf der Tischtuchserviette gelandet. Ich hatte keine Chance ihn rechtzeitig wegzuwischen. Draußen auf der Straße fallen die Tropfen so reichlich, dass könnte Regen sein. Doch der ist weit weg. Hier drin ist es noch immer so schwül und heiß und der Kellner mit meinem Bier will einfach nicht kommen.

Tropf. Manchmal frage ich mich, wo der Körper die Flüssigkeit noch hernimmt, ich muss doch schon gänzlich ausgetrocknet sein. Da kommt endlich das Bier. Der kleine Italiener entschuldigt sich auch gleich für die Verspätung und weist vielsagend in die Runde. Naja, so voll ist das Lokal nun auch wieder nicht. Mit vorgetäuschter Hektik nimmt er unsere Bestellung auf, wischt sich gerade noch rechtzeitig die Stirn ab und verschwindet in der Küche.

Da mir mein Zeitplan in diesem Jahr bisher noch keinen Urlaub gegönnt hat, tröste ich mich mit italienischen oder türkischen Restaurants. Die derzeitigen Temperaturen erleichtern es natürlich ungemein sich in subtropische Gefilde zu versetzen. Nun und hier im Vecchia Napoli auf der Alaunstraße ist es schon ganz schön italienisch. Die Gäste benehmen sich, als wären sie am Gardasee und verwenden ihre umfangreichen Fremdsprachenkenntnisse: „Due Esspressi, brego.“ Nun, der Kellner versteht es, zur Not kann er ja auf Deutsch noch einmal nachfragen.

Tropf. Mir wäre aber in diesem Moment ein Kellner, der schlechter Deutsch kann und dafür einfach fixer ist, tausend mal lieber. Die Rechnung hat er mir schon gebracht. Sie ist jetzt durch einen kleinen Schweißfleck verziert. Und meine Geldscheine hat er auch mitgenommen, aber wo bleibt das Wechselgeld? Drei Schweißtropfen später ist er endlich wieder da, entschuldigt sich mal wieder und lächelt: „Ciao, Ciao.“

Tropf, Tropf, Tropf. Tatsächlich es regnet wirklich. Fast möchte ich tanzen, die Alaunstraße glitzert im nächtlichen Schauer. Wozu soll ich da noch in den Urlaub fahren?

Von guter Stimmung und leckeren Würstchen

Den ganzen Tag schon bin ich richtig gut gelaunt – ich verreise nämlich für einige Tage. Seit Wochen rede ich mir ein, dass ich den Urlaub auch verdient habe. Mein motorisiertes Gefährt habe ich auf der Alaunstraße abgestellt, genau fünf Zentimeter neben dem Bürgersteig und mit reichlich Platz zum Vorder- und Hintermann. Eben war ich noch den Luftdruck in seinen vier Reifen prüfen, die verschlierten Scheiben von Mückenresten befreien und tanken. Einen Kaffee will ich noch trinken gehen, dann werden die Reisesachen verladen und ab ins Blaue. Das Meer ist mein Ziel. Ich werde es sehen, mein Auto allerdings nicht; doch davon ahne ich noch nichts.
Der Milchkaffe in der Kunsthofpassage im El Perro schmeckt wie immer cremig. Bekannten, die ich im Café treffe, erzähle ich von meinen Urlaubsplänen – ob sie es wissen wollen oder nicht. Mit Zelt, Proviant und etwas Kleingeld an die Küste, Sonnenuntergänge genießen, Rotwein trinken und vielleicht auch mal ins Fischrestaurant. Die kühlen Fluten
will ich erobern, am Strand spazieren gehen, bis die Füße schmerzen und vielleicht mal mit einem Fischerboot raus fahren. Die zwei Stunden in der warmen Sommerluft vergehen wie im Fluge. Auf dem Weg zu meinem treuen Blechgefährten sehe ich einen dicken schwarzen Wagen, der quer auf dem Bürgersteig steht. Als ich näher komme, steigt daraus eine Dame: „Ist das Ihr Auto?“, fragt sie mich mit etwas zittriger Stimme. Dann sehe ich auch schon die Bescherung – mein Auto steht nicht mehr so da, wie ich es verlassen habe. Hinten hat es eine mächtige Beule, die vordere Hälfte steht auf dem Bürgersteig und das quietschgelbe Auto vor meinem ist auch lädiert. „Ist nur ein kleiner Schaden, oder?“, sagt die Frau zögerlich.
Ich bin da etwas anderer Meinung – das eine Hinterrad steht jedenfalls irgendwie schräg. Dann erklärt sie mir, wie es dazu kommen konnte. Ganz langsam sei sie in die Alaunstraße eingebogen und musste plötzlich einen gerade einparkenden Kleinwagen umzirkeln. Was dann passierte, weiß sie selbst nicht mehr so genau: Irgendwie lenkte sie nicht schnell genug zurück und fuhr ungebremst in mein Heck. Mein Auto machte ungewollt einen Satz nach vorn auf das nächste. Gut, dass keiner verletzt wurde. Der Rest ist Sache der Versicherungen. Wenigstens keine Fahrerflucht, denke ich als die grünen Helfer eintreffen. Deren Funkgerät knarzt unentwegt und sie scheinen froh zu sein, dass es hier nur einen Blechschaden zu regeln gibt. Die „Aufnahme der Personalien“ dauert eine Viertelstunde, zwei Fotos macht der Beamte und erklärt dann im besten Sächsisch, dass sie “nu alles hädd’n, was ‘mer bräuschden”.
Jetzt sollte eigentlich mein Urlaub beginnen, wenn ich ein fahrbereites Auto hätte. Zum tausendsten Mal entschuldigt sich die Dame für ihre Unachtsamkeit. Dann vertraut sie mir an, dass sie eine Fleischerei hier in der Neustadt hat. Bevor wir uns verabschieden, verspricht sie mir, dass ich immer ein Wiener Würstchen geschenkt bekomme – wenn ich in ihren Laden komme. Das macht zwar mein Auto nicht wieder ganz, ist aber auch nicht schlecht.

Von schwankenden Ungetümen und brüllenden Männern

Gemütlich schlendere ich durch die anlässlich des Dixielandfestivals fast menschenleere Neustadt. Vielleicht bemerke ich sie deswegen überhaupt, denn auf meinem Weg zur Elbe sind sie mir nicht aufgefallen: rostige Kotflügel, abgefahrene Reifen, bunt angemalt und hier und da eine Beule. Die Urlauber auf Rädern sind wieder da. In den Straßen der Neustadt parken umgebaute Kleinbusse, alte Lkws und ausgemusterte Militärfahrzeuge mit Fahrradgepäckträgern.
Auf der Louisenstraße nimmt ein solches Ungetüm, das auch schon bessere Zeiten gesehen hat, gleich zwei oder drei Parkplätze weg. Abgeschleppt werden die sicher nicht, aber mancher Kneipenbesucher scheint sie auf seiner Parkplatzsuche schon zu verwünschen. Ich finde sie jedenfalls toll, vielleicht bin ich auch etwas neidisch: Ein langer, billiger und spannender Urlaub. Von Stadt zu Stadt ziehen, neue Leute kennen lernen und immer zu wissen: Wo ich parke, kann ich auch schlafen.
Fast trifft mich die auffliegenden Tür. Ein bärtiger Geselle tritt aus dem schwankenden Ungetüm und brüllt hinein: „Dann fahre ich eben mit Fred, blöde Kuh.“ Ich muss wohl etwas verdutzt dreinblicken – „Hab‘ ich dich getroffen“, fragt er. Ich verneine und er ist sogleich weg. Kurz darauf erfahre ich wieso; wieder fliegt die Tür auf. Eine Frauenstimme schreit: „Brauchst dich nicht wieder her zu trauen.“ Rums, Tür zu.
Auf so engem Raum können die Wochen wohl recht lang werden: Wer zahlt den Sprit, wer kauft Essensvorräte, wer säubert die chemische Toilette, wer entsorgt den Müll.
Aber es geht auch harmonisch: zum Beispiel auf der Aussichtsplattform oberhalb des Alaunplatzes. Dort stehen drei solcher selbstgebauter Camper-Fahrzeuge. Der kleine Fuhrpark hat schon bessere Tage gesehen, dafür haben sie das Flair der weiten Welt. Eine Plane ist zwischen den mobilen Untersätzen gespannt, aus einem Ofenrohr am Heck säuselt eine kleine Rauchfahne, aus dem Inneren dringt Musik, die Fahrräder lehnen am Kleinbus. Außerdem ist hier der beste Rastplatz der Neustadt: Die Aussicht wäre ohne den Nieselregen herrlich. Und der hat längst meine Jacke durchweicht.
So schön das wilde Reisen ist, jetzt freue ich mich auf meine Wohnung: fließendes Wasser, Heizung, Wäscheleine auf dem Dachboden und Bier im Kühlschrank. Die bunte Mischung von Menschen, das Flair von Kunst und Lebensart habe ich schließlich direkt vor der Haustür. Warum also reisen.

Dialekte und Rocker

Fünf Tage Urlaub, 600 Kilometer Fahrt und dann sitze ich in einem Café und denke an die Neustadt. Der Milchkaffee schmeckt mir trotz reichlich Sahne nicht, die Leute hier reden einen lustigen, aber schwer verständlichen Dialekt, und es dauert ewig, bis ich auch mal eine Bestellung aufgeben kann – obwohl kaum andere Gäste da sind. In dem schicken, aber teuren Lokal einer blitzsauberen Altstadt, irgendwo zwischen Frankfurt am Main und tiefster Pfalz denke ich an die Alaunstraße und den Bischofsweg. Meine Bestellung führt zu Verständnisproblemen auf beiden Seiten: Woher soll ich wissen, dass “Grumbeere” Kartoffeln sind. Die Preise sind hoch – als würde hinter den Zahlen nicht ebenfalls Euro stehen. Vor der Kneipe ist nicht die nächste, sondern nur Geschäfte, die alle das Gleiche anbieten und zwei Kirchen.

Dabei geben sich meine Bekannten wirklich Mühe – sowohl mit dem Stadtrundgang als auch mit dem Inn-Lokal. Wenn ich dort die Augen schließe, ist es fast wie zu Hause. Leider bemühen sich am Nebentisch zwölf nicht mehr ganz taufrische Intellektuelle um ein 68′er Flair. Sie lachen laut und ungehemmt über langweilige Geschichtchen. Sie halten sich drei Stunden an einem Bier fest, und alle Minute klingelt ein anderes Handy am Tisch.

Einige Tage und Hunderte Kilometer später sitze ich wieder in Dresden. Ich überlege, wie oft ich schon an genau diesem Fenstertisch mit Schieferplatte gesessen habe. Zu meinen Füßen liegt ein riesiger Hund vom Nachbartisch und lässt sich von den herumtollenden Kindern kraulen. Sogar einen Trinknapf mit frischem Wasser holen sie ihm – es ist fast, als wäre man bei Freunden zu Besuch. Mein Bagel mit Schinken und Paprika schmeckt vorzüglich, und ich bezahle nur die Hälfte, weil der Salat gerade aus war. Entspannt genieße ich die Müßigkeit meines letzten Urlaubtages, während ich durch die Panoramascheiben des Café Reale blicke. In zwei Stunden zähle ich 23 Hunde mit Herrchen an mir vorüberziehen, zwölf Mütter mit ihren Kindern und mindestens drei verliebte Paare. Neustädter und ihre Gäste unterhalten sich gedämpft, an allen Tischen sächselt es vertraut. Jazzige Musik säuselt aus den Boxen; der Milchkaffee ist cremig. Die Bedienung versteht mich auf Anhieb und bringt mir zu dem nachbestellten Espresso auch ein Glas Wasser. An meinen Tisch setzt sich ein Kurzhaariger mit zwei Freunden. Er spielt in einer Heavy-Metal-Band und hat im Juni seine erste große Tour vor sich. “Delusive down” nennt sich die Combo, und in Kamenz werden sie zuerst einheizen. Irgendwann sehe ich sie vielleicht im Starclub oder im Bunker, vielleicht auch zur Bunten Republik Neustadt.

Meinen nächsten Kurzurlaub habe ich schon geplant: Auf der Kamenzer Straße gibt es eine Kneipe, in der ich noch nicht war, und im Alaunpark wollte ich Fußball spielen.

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