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Kleiner Sonntagsstreifzug
Hinter den Betonblocks, die seit Mitte der 80er Jahre die linke Seite des Eingangs vom Albertplatz bilden habe ich ihn entdeckt:
Ein paar Schritte weiter konnte ich entdecken, wie die Umbauarbeiten im ehemaligen Sparmarkt voranschreiten. Die Drogerie von gegenüber will hier Anfang August einziehen. Zurzeit Diesen Beitrag weiterlesen »BRN – Sonntag und Fazit

Danke Uwe für das Foto
Von Morgentau und Erdbeeren
Eigentlich sollte es nur ein kurzer Ausflug zum Bäcker werden. Doch der Morgen ist so herrlich ruhig, dass ich noch ein paar weitere Runden durch die Neustadt drehe. Es ist Sonntag, kurz vor acht Uhr. Der größte Teil des Viertels schläft noch. Nur wenige sind unterwegs. Vor dem Café Europa sitzen die Unentwegten, die mit den geröteten Augen, die wahrscheinlich die ganze Nacht durchgetanzt haben und sich jetzt erst einmal ein kräftige Frühstück gönnen. Direkt daneben zwei Männer in Malerkluft, ihre Augen sind zwar nicht rot, dafür winzig klein. Die sind gerade erst aufgestanden, müssen offensichtlich gleich arbeiten und das zum Sonntag.
Schnell ziehe ich weiter und kann auf dem Fußweg gerade noch einem kräftigen Wasserschwall ausweichen. Eine Putzfrau kippt ihren Wassereimer aus und spült so den letzten Dreck aus der Kneipe, die im leuchtenden Morgenlicht so vollkommen unromantisch wirkt. Grübelnd frage ich mich, ob es wirklich das selbe Lokal war, in dem ich neulich zu einem verführerischen Abendessen eingeladen war.
Der Gedanke verfliegt, ich werde massiv abgelenkt von einem struppigen, bellenden Schäferhund. Der will dringend an der Wand entlang streifen, doch da stehe ja ich nun schon. Ich gebe nach und der Struppige kann weiter streifen, von einem Herrchen weit und breit keine Spur. Aber grundsätzlich scheint das jetzt eine gute Zeit zum Gassi gehen zu sein. Vor allem für die Anwohner mit den etwas kleineren Hunden. So kommt mir ein Dackel entgegengewatschelt, der einen Herren mit sehr imposanten Schnauzbart hinter sich herzieht. Dessen violetter Jogginganzug bringt mich dazu stehen zu bleiben und den beiden ein Weilchen hinterher zu schauen.
Kaum ist er um die Ecke verschwunden, erscheint von der anderen Straßenseite eine ältere Dame mit einem Kleinstpudel, der neben seiner nicht vorhandenen Größe vor allem durch eine gewagte rosa Schleife auffällt. Solcherlei Kleintiere sieht man in der Neustadt nur selten, normalerweise dominieren größere Kaliber, wie der struppige Herrenlose. Als auch die rosa Schleife um die nächste Ecke gebogen ist, fällt mir das ursprüngliche Ziel meines morgendlichen Ausflugs wieder ein. Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass mein Blick auf einer Tafel hängen bleibt. „Frische Erdbeerschnitten.“ Wer kann da schon widerstehen.
Wenn der Vater mit dem Sohne
Immer sonntags fällt mir auf, dass auf den Spielplätzen der Neustadt Hochbetrieb herrscht. Nicht, dass die Klettergerüste und Rutschbahnen sonst leer wären. Doch sonntags ist immer eine ganz besondere Menschengruppe unterwegs: Väter mit Kindern. Während alltagsgeplagte Mütter in der Woche eher entspannt und zurückgezogen am Rande der Krabbelkisten sitzen und sich gegenseitig die neuesten Geschichten aus dem Viertel erzählen, sind die Väter immer mitten im Geschehen. Klein-Paul ist nun schon das dritte Mal vom Holzpferd gefallen. Doch kein Schmerzensschrei durchdringt die sonntägliche Ruhe. Tapfer lässt er sich vom Vater, den er Papi nennt, wieder hoch helfen. Und Papi zeigt vollen Einsatz, denn das Holzpferd steht mitten im Sand, und jedes mal wenn Klein-Paul runterfällt, muss er sich auf den feucht-körnigen Untergrund knien.
Nun sitzt Paul wieder oben, und Papi streift sich zum dritten Mal den Sand von der Kordhose. Er ärgert sich wahrscheinlich, dass er nicht doch die Schlumper-Jeans angezogen hat. Aber es ist ja Sonntag, und da macht man sich doch schick, auch wenn der Ausflug nur bis zum Sandkasten geht.
Die kleine Sofia weint, irgendein böser Junge ist über ihre Sandburg gelaufen, alles futsch, nun sitzt sie vor den Trümmern ihres Werks. Dabei wollte sie den Papa doch beeindrucken, der hat nun Sorgenfalten im Gesicht und weiß nicht so recht, wie er seine Tochter trösten soll. Der böse Bube ist längst über den nächsten Zaun gehopst und davon. Nach etlichen Schluchzern von Sofia kommen ihm zwei geniale Ideen. Er nimmt sein Taschentuch, trocknet die Tränen, streicht seine Sorgenfalten mit einem Lächeln weg, klaubt die Werkzeuge zusammen und beginnt, eine neue Burg zu bauen. Dies betreibt er so dilettantisch, dass Sofia nicht länger weinen kann. Sie nimmt dem Vater die Schaufel aus der Hand und baut selber weiter. Das Taschentuch dient jetzt als Unterlage, und Papa sitzt und wirft drohend Blicke um sich. So will er weitere böse Buben abschrecken.
Ob das gelingt, ist fraglich, auch der kleine Paul ist schon wieder vom Holzpferd gefallen. Bei Muttern wäre das nur einmal passiert, aber die Väter sind schließlich immer mitten im Geschehen.
Von wärmenden Strahlen oder in den Hof geblickt
Nein, ein flotter Feger ist sie wirklich nicht. Die Frau aus dem Nachbarhaus ist eher eine ziemlich propere Person. Und die läuft jetzt mit einer hellblauen Kittelschürze und einem riesigen Wäschekorb über den Hof. Am Wäscheplatz angekommen, stellt sie ihn recht forsch hin. Dann schaut sie sich prüfend um. „Andi“, mit mächtiger Stimme ruft sie nach ihrem Sohn, der verträumt in die Wolken blinzelt. Andi soll den Klammerbeutel bringen. Der Junior schreckt hoch und eilt zur Mutter. Die schimpft: „Dass du immer so rumtrödeln musst.“ Die Wäsche muss auf die Leine. Denn warme Sonnenstrahlen und frischer Wind trocknen noch am Besten.
Diese Sonnenstrahlen sind auch schuld, dass ich Mutter und Sohn beobachten kann. Wenn der Sonntag zum Sonnentag wird, nutze ich gern den Balkon an der Hofseite. Denn hier ist die Neustadt nicht das schicke und moderne Viertel wie auf Louisen- oder Alaunstraße. In den Höfen geht es meist gemütlicher zu. Statt bauchfreier T-Shirts und Dreiviertel-Hose sieht man hier eben Kittelschürzen oder Männer in Latzhosen.
Einer von denen steht im angrenzenden Grundstück über seinen Wartburg gebeugt. Er scheint fast im Motorraum zu verschwinden. Nach einer kleinen Weile kommt der Kopf wieder zum Vorschein. Er scheint unzufrieden, steigt ins Auto und versucht den Motor zu starten. Doch so richtig will es nicht gelingen. Dafür wird die Dame mit dem Wäschekorb aufmerksam. „Muss denn das sein, immerhin ist Sonntag.“ Aha, der Ruhetag gilt also nur für Autoschrauber, sie hingegen darf auch weiterhin lautstark nach ihrem Sohn rufen. Nun, jeder hat seine eigene Vorstellung von Ruhe. Der Schrauber mit der Latzhose lässt sich jedenfalls auf keinen Streit ein. „Hat sowieso keinen Zweck“, ruft er zurück. „Ich höre jetzt auf.“ Wahrscheinlich hat er schon Erfahrungen und will sich auf keinen Streit einlassen.
Die propere Mutter hat inzwischen auch ihre Wäsche komplett auf die Leine gebracht und ruft schon wieder nach Andi. Denn der zankt sich inzwischen mit einer schwarzen Katze um einen kleinen Gummiball. Doch der Kleine ist gut erzogen und folgt der Mama zurück ins Haus.
Auch der Mann mit der Latzhose packt seinen Kram zusammen, schiebt den Wartburg in die Garage und verlässt den Hof. Ich genieße noch die letzten Sonnenstrahlen, bevor mich eine frische Brise vom Balkon vertreibt.



