Neustadt-Geflüster

Dresden Neustadt von Anton Launer

Artikel-Schlagworte: „Rundgang“

Architektenstraße

Architektenstraße

Was es nicht alles gibt. Vernissagentag, Tag des offenen Ateliers, Kneipenkulturnacht – und nun also auch noch die Architekten.

Jedes Jahr am letzten Juniwochenende öffnen sich die Architekturbüros der Dresdner Neustadt und zeigen ein abwechslungsreiches Programm aus Bürovorstellungen, Beratungen, Führungen und Filmen. Infos zu den Initiatoren gibt es unter architektenstrasse.de.

Von beruhigendem Morgenlicht und hektischen Neustädtern

Breit und gelb schiebt sich die Sonne durch den morgendlichen Herbstnebel. Sie beleuchtet die noch feuchte Straße, der Bischofsweg spiegelt sich und es riecht herrlich frisch vom Alaunplatz her. Es ist kurz nach Acht und ich gönne mir die Freude eines Morgenspaziergangs. Umso weiter ich von der Königsbrücker Straße weg komme, umso ruhiger wird es. Nun biege ich in die nachts so wilde und laute Alaunstraße ein und plötzlich ist alles ganz still. Hinter der Polster-Werkstatt fegt jemand das erste Herbstlaub zusammen, vor dem Bäcker wartet ein Hund.
Ruhe.
Doch plötzlich fliegt wenige Meter vor mir eine Tür auf. Ein junger Mann schiebt ein klappriges Fahrrad heraus, springt auf selbiges und tritt mit lautem Quietschen in die Pedalen. Hektisch rast er die Alaunstraße hinunter. Das Bild wiederholt sich: Autos verlassen ihre Parklücken, Haustüren werden geöffnet. Eilige Menschen ziehen durch die Straße. Ich trolle mich in den Kunsthof, hier ist es wieder ruhig. Nur am Blumenladen wird schon gearbeitet, eine frische Lieferung ist gerade gekommen. Auf der Görlitzer Straße dann lebt die Neustadt auch schon zur Morgenstunde. Die Straßenbahn donnert vorbei und vor der Schule albern die Kinder herum.
Dann wieder Ruhe in der Sebnitzer Straße, dort scheint mir die inzwischen noch ein bisschen gelber gewordene Sonne ins Gesicht. In diesem Teil der Neustadt scheint alles noch fest zu schlafen. Wenig später gelange ich zur Bautzner Straße, hier ist die Hölle los. Die Autos reihen sich Stoßstange an Stoßstange, es quietscht, rumpelt und hupt in einer Tour. Die wenigen Fußgänger eilen an mir vorbei. Mein gemütlicher Schlenderschritt wirkt hier deplatziert und störend. Die Verkäufer richten ihre Geschäfte her. Ein Buchhändler rollt seine Sonderangebote heraus und die vietnamesischen Obstverkäufer sortieren ihre Lieferung. Die guten Pfirsiche kommen ins Regal, die angestoßenen in eine große Obstkiste. Auch im unteren Teil der Alaunstraße hat jetzt das ganz normale Leben begonnen, die ersten schnorrenden Punker sitzen vor den Supermärkten. Jetzt, es ist inzwischen um Neun geworden, ist die Neustadt endlich richtig erwacht.

Von neuen Eindrücken und Altbekanntem

Prinz-Chef Andreas Wengel

Prinz-Chef Andreas Wengel

Kaum sitze ich, steht schon ein Kellner neben mir. Ich versuche einen Scherz: „Das dauert ja ewig, bis man hier bedient wird.“ Der Kellner, ein schlanker Bursche Ende 20, ist weder beleidigt, noch versucht er zu kontern. Er setzt sein freundlichstes Lächeln auf und meint, dass er sich die größte Mühe gibt. Ich habe mich mit einer langjährigen Freundin getroffen, die etliche Jahre fern von Dresden weilte und habe nun die Aufgabe ihr die Veränderungen in der Dresdner Neustadt zu zeigen. Natürlich muss ich mit der neuesten Kneipe anfangen. Im Prinz auf der Alaunstraße ist es sehr hübsch, adrette Stühle und Tische, warme Farben, leise und unaufdringlich klingt die Musik aus den Lautsprechern. Wir können prima über alte Zeiten plaudern, dass hier an dieser Stelle mal der legendäre Alaungarten war, den wir immer für einen verkappten Puff gehalten hatten. Nur weil die Fenster so schummriges Licht abgaben, dabei war es eine ganz normale Kneipe. Allerdings hatte die Freundlichkeit der Kellner damals ein anderes Niveau. Mein einziger Besuch wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Als ich nach zehn Minuten mein Bier immer noch nicht geleert hatte, fragte der Kellner, ein Mittfünfziger mit prächtigem Schnauzbart auf seine ganz eigene Art und Weise, ob ich nun zum Nuckeln oder zum Trinken gekommen wäre. Erschrocken trank ich aus und seitdem habe ich mich nie wieder hineingetraut.
Wir müssen weiter ziehen, ich möchte bei der Freundin gern noch ein paar Erinnerungen wecken. Unser nächstes Ziel ist der Biergarten im Oosteinde an der Prießnitz, den gab es zwar Anfang der Neunziger noch nicht, doch hier treffen wir alte Bekannte aus einer gemeinsamen Vergangenheit. Weiter geht es im historischen Rundgang, auf zur “Hundert” auf die Alaunstraße. Da war ich schon lang nicht mehr und behaupte kühn, dass die sich kein Stück verändert hat. Und bis auf ein bisschen Farbe und neues Personal stimmt das wohl auch. Am Ende des Abends sind wir im neuen Hieronymus angelangt. Daran will sie sich partout nicht erinnern. Erst als ich den Namen Tivoli, so hieß die Kneipe früher mal, einwerfe, erinnert sie sich. Stimmt, das war doch auf der Louisenstraße, mit den legendären Partys bis zum frühen Morgen. Inzwischen etwas angeheitert erklärt sie mir, dass sie die Neustadt noch ganz gut wiedererkannt hätte. Nur die erste Kneipe …, na ja werfe ich ein, die ist eben für die Touristen, irgendjemand muss hier schließlich auch mal Geld verdienen.

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