Neustadt-Geflüster

Dresden Neustadt von Anton Launer

Artikel-Schlagworte: „Republik“

Von geplanter Vorsicht und spontaner Nachsicht

Da ist er wieder. Mist. Auch heute gelingt es mir wieder nicht, mich an ihm vorbei zu schmuggeln. Mein Hausmeister, heute ist er damit beschäftigt, hässliche Graffiti der vergangenen Nacht an der Hauswand zu übertünchen und wie immer muss er mir auch heute wieder ein Gespräch aufs Auge drücken. „Na, denken Sie dran, am Wochenende ihr Auto außerhalb zu parken.“ Logisch, es ist doch Bunte Republik und da geht es in der Neustadt immer ein bisschen drunter und drüber, aber er ist immerhin die Vorsicht in Person und dafür hat er auch seine Gründe. „Voriges Jahr hat ja hier die halbe Straße gebrannt.“

Falsch, denke ich und muss dann doch was sagen: „Nee, das war vor zwei Jahren, da hab ich doch selber noch gelöscht.“ Das war ein Fehler, denn jetzt kann ich nicht mehr einfach weitergehen, immerhin bin ich auf sein Gesprächsangebot eingegangen. Also erzählt er mir, dass diese Chaoten schon seit zehn Jahren immer im Juni die Neustadt verwüsten würden. Er denkt wahrscheinlich immer noch, dass ich erst in der Neustadt wohne, seit ich in dem von ihm betreuten Hause Mieter bin. Zaghaft werfe ich ein, dass es die BRN schon viel länger gibt und dass es auch nicht in jedem Jahr Krawalle oder Randale gab. Er wehrt ab und verweist auf die unglaubliche Lautstärke des Festes. Jetzt wäre eigentlich ´ne prima Gelegenheit, mich bei ihm zu beschweren, denn immerhin hat er mitsamt Familie mir den Sonntag Abend zur Hölle gemacht. Beim Grillfest im Garten dröhnten die Schlager so laut, dass ich mich beim besten Willen nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren konnte. Aber er lässt mich ja nicht zu Wort kommen, jetzt erzählt er von der Polizei und dass die ihn vor zwei Jahren gar nicht nach Hause lassen wollte. Er hätte sich aber so aufgeregt, dass die Beamten schließlich klein beigegeben hätten. Das wiederum glaube ich ihm aufs Wort. Wahrscheinlich haben die ihn sogar ganz schnell weitergeschickt, weil er ihnen mit seinem Geschwätz auf die Nerven ging.

Irgendwie schaffe ich es dann doch, mich loszureißen, als ich später die Straße entlang bummele, beschließe ich, ihm sein aufdringliches Verhalten nach zu sehen. Immerhin ist er so was wie ein Neustädter Original und ich nur der Zugezogene.

Von kleinen Unwahrheiten und großen Märchen

Es war einmal ein friedlicher kleiner Stadtteil. Jahr für Jahr versammelten sich die Bewohner zu einem Feste. Gesetze wurden gemacht, Geld eingeführt und jeder Bürger bekam einen Pass. Jeder soll Spaß haben und kräftig feiern. Jahr für Jahr wurden die Feierlichkeiten größer und lauter.

Eines schönen Tages trat ein preußischer Junker auf den Plan und verkündet, dass dieser kleine Stadtteil zu Höherem geschaffen sei. Von diesem Tage an nahm er die Organisation des Festes in die Hand, und es wurde noch größer und noch lauter. Die Bewohner des Stadtteils blieben weg, dafür kamen aber viele andere aus der Stadt und den Provinzen. Anno 2000 waren es über 100 000, die sich Alkohol, Bratwurst und Vergnügen hingaben. Ein Jahr später kamen noch mehr, der kleine Stadtteil quoll förmlich über. Zufrieden schritt der preußische Junker mit seinen Rittern durch die geschmückten Straßen. Bunte Stände boten allerlei Waren feil und Musikanten aus den angrenzenden Ländern sorgten für Unterhaltung. Duft von Gegrilltem und Verbranntem durchzog die engen Gassen des Viertels.

Nur hatte der Junker die Rechnung ohne den bösen Wolf gemacht. Am Sonntag des Festes stürmte er mit seinen grünen Jägern mitten in die Festgesellschaft. Die schlugen wahllos auf die Besucher ein, um dem fröhlichen Treiben ein schnelles Ende zu setzen. Tags darauf waren schlimme Bilder im ganzen Land zu sehen. Jeder musste denken, dass der kleine Stadtteil voller unfolgsamer Bürger war, die unerlaubt Feuerwälle auf ihren Straßen und Gassen errichteten, um den Wolf zu ärgern.

Der Junker, der für das Fest verantwortlich war, hatte die Nase voll und sagte, dass er nie wieder für die Bürger des Stadtteils etwas organisieren wolle und verließ das Festkomitee. Aufgebrachte Bürger setzten sich zusammen und versuchten zu ergründen, warum das sonst so friedliche Fest plötzlich so brutal geworden war. Auch der Wolf versprach Aufklärung, die Prügeleien der Jäger sollten untersucht werden. Viel wurde geredet und es wurde vertagt. Bis Anno 2002, da packten endlich einige Beiräte des kleinen Stadtteils den Mantel aus, den Mantel des Schweigens, der so groß war, dass alles darunter passte, auch die noch immer aufgebrachten Bürger. Der preußische Junker ist immer noch Vorsitzender des Festkomitees und schwingt wieder Reden und die Rufe nach Aufklärung wurden immer leiser und leiser. Es gibt ja viel zu verteilen und viel zu verdienen bei diesem Fest. Und wie heißt es so schön bei jedem Märchen: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kehren sie noch heute – und zwar unter die Gehsteige der Neustadt.

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