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Von Urlaubsträumen und erlebten Tropfen
Tropf. Es ist gnadenlos heiß. Der Schweiß rinnt mir von der Stirn und soeben hat sich ein erster Tropfen gelöst und ist mit dem dafür typischen Geräusch auf der Tischtuchserviette gelandet. Ich hatte keine Chance ihn rechtzeitig wegzuwischen. Draußen auf der Straße fallen die Tropfen so reichlich, dass könnte Regen sein. Doch der ist weit weg. Hier drin ist es noch immer so schwül und heiß und der Kellner mit meinem Bier will einfach nicht kommen.
Tropf. Manchmal frage ich mich, wo der Körper die Flüssigkeit noch hernimmt, ich muss doch schon gänzlich ausgetrocknet sein. Da kommt endlich das Bier. Der kleine Italiener entschuldigt sich auch gleich für die Verspätung und weist vielsagend in die Runde. Naja, so voll ist das Lokal nun auch wieder nicht. Mit vorgetäuschter Hektik nimmt er unsere Bestellung auf, wischt sich gerade noch rechtzeitig die Stirn ab und verschwindet in der Küche.
Da mir mein Zeitplan in diesem Jahr bisher noch keinen Urlaub gegönnt hat, tröste ich mich mit italienischen oder türkischen Restaurants. Die derzeitigen Temperaturen erleichtern es natürlich ungemein sich in subtropische Gefilde zu versetzen. Nun und hier im Vecchia Napoli auf der Alaunstraße ist es schon ganz schön italienisch. Die Gäste benehmen sich, als wären sie am Gardasee und verwenden ihre umfangreichen Fremdsprachenkenntnisse: „Due Esspressi, brego.“ Nun, der Kellner versteht es, zur Not kann er ja auf Deutsch noch einmal nachfragen.
Tropf. Mir wäre aber in diesem Moment ein Kellner, der schlechter Deutsch kann und dafür einfach fixer ist, tausend mal lieber. Die Rechnung hat er mir schon gebracht. Sie ist jetzt durch einen kleinen Schweißfleck verziert. Und meine Geldscheine hat er auch mitgenommen, aber wo bleibt das Wechselgeld? Drei Schweißtropfen später ist er endlich wieder da, entschuldigt sich mal wieder und lächelt: „Ciao, Ciao.“
Tropf, Tropf, Tropf. Tatsächlich es regnet wirklich. Fast möchte ich tanzen, die Alaunstraße glitzert im nächtlichen Schauer. Wozu soll ich da noch in den Urlaub fahren?
Von einem leeren Laden
Ein trüber Herbsttag vermiest mir die Laune. Regentropfen klatschen fett in die Pfützen und auf meine Nase. Ich stülpe den Kragen hoch und eile durch die Straßen, dringende Besorgungen verhindern, dass ich zu Hause und im Sessel bleibe. Ein solcher Tag, ganz ohne beglückende Sonnenstrahlen, ein solcher Tag drückt auf das Gemüt. Ein Auto spritzt mich voll, ich springe zur Seite, schrecke auf und nehme meine Umgebung wieder war. Es regnet gar nicht mehr. Mein Blick wandert befreit zur anderen Straßenseite. Ein oranges Schild fesselt meinen Blick. “Zu vermieten” – das ist nicht neu, oft zu lesen in der Neustadt. Ob an sanierten Häusern, leeren Läden oder Kneipen.
Zwei einfache Worte, doch hier steht mehr dahinter. Hier auf der Louisenstraße 22 war der Uhrmacher und Juwelier Theodor Scholze. Zweimal habe ich hier meine Uhr reparieren lassen. Immer war er freundlich, auch die Mitarbeiter. Beide Male konnte er helfen und beide Male zeigte er sich erstaunt: “Dieses Modell habe ich noch nie gesehen.” Was beim zweiten Mal offensichtlich eine Lüge war und sicherlich eine kleine Schmeichelei. Wie oft hat mir nachts, wenn ich aus der Planwirtschaft kam, die große Uhr gezeigt, dass es schon wieder viel zu spät ist. Diese Uhr, die ein paar freche Bengel im Winter mal mit Schneebällen beworfen haben, sie hängt draußen vor der Tür und zeigte die Zeit, peinlich genau. Jetzt ist sie weg, ebenso die Glastafeln, nur auf dem Putz steht noch der Name. Und dieses Schild: “Zu vermieten”, grausam und orange.
Jetzt schimmert die Sonne doch noch durch die Wolken, hilft vergessen. Hilft, nach vorne zu schauen. Ich drehe mich einfach nur um. Fleischer, Blumenladen, eine Drechslerei und eine Lederwerkstatt, Läden gibt es jede Menge in der Neustadt. Hoffentlich auch noch genug Leute die da einkaufen. Denn wenn hier nur noch Kneipen sind, werden am Tage die Bürgersteige hochgeklappt und das Szene-Viertel wird zur Gastromeile.
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Anmerkung 2006: Nach einiger Zeit ist ein anderer Neustadtklassiker in diese Räume gezogen – das Zentralohrgan. Fleischerei, Lederwerkstatt und Blumenladen sind immer noch da.



