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Der Punk der CDU
Am Rande der gestrigen Kneipennacht hatte die Neustädter CDU zu einem Diskussionsforum eingeladen. Thema: „Dresden ist mehr als Zwinger oder Semperoper“. Mit dabei waren CDU-Neustadt-Chef Patrick Schreiber als Moderator, der schwärzeste CDU-Kandidat Dresdens und Partveranstalter Abdulaye Baldé, die kulturpolitische Sprecherin der CDU Stadtratsfraktion, Aline Fiedler und Johannes Vittinghoff, einer der drei aus der PAN GmbH (Veranstalter der Filmnächte). Diesen Beitrag weiterlesen »
Ottostraßenfest etabliert

Ich war gestern nur kurz da, wichtige Gespräche zogen mich in die Neustadt, aber der kurze Eindruck war folgender: Erscheinungsbild wie im Vorjahr, viele Kinder, viel Kreide auf der Straße, viele Hunde, alternatives Bier, vegane Hot-Dogs, Punks, wilde Musik. Auch die stellvertretende Parteivorsitzende der Linken, Katja Kipping, gab sich vor Ort die Ehre. Gefühlt waren es wohl etwa genauso viele Leute, wie im vergangenen Jahr.
Von großen Spießerinnen und kleinen Täuschungen
Von lungernden Punks und verdrängten Erinnerungen
Eilig komme ich am Vormittag aus der Stadt. Genervt vom Stau, wieso musste ich auch wieder mit dem Auto fahren. Nun aber schnell rechts ran, einen Brief will ich einstecken in den Kasten an der Post auf der Königsbrücker. Dann ein Ruf. Irgendwer kennt meinen längst verschollen geglaubten Spitznamen. Und dann der Spruch hinterher: „Du hast es ja wohl geschafft. Glückwunsch.“ Und der Rufer deutet auf den Stern auf der Motorhaube meines Autos. Ich will etwas erwidern, etwas in der Richtung von 14 Jahre alt und gebraucht gekauft, doch er ist schon außer Hörweite und außerdem mit seinen zwei Hunden beschäftigt, die der Größe nach zu urteilen bestimmt mehr Unterhalt kosten als mein kleines Automobil. Gedankenverloren strebe ich nun dem Briefkasten zu, wer war der dreiste Rufer. Wen kann ich kennen, mit so langen Haaren und einem Rock über der Hose im klassischen Hippie-Look.
Später fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Mit dem Typen habe ich eine Zeitlang im gleichen Haus gewohnt. Damals hatte er die Haare noch raspelkurz und musste sich verstecken, da er gerade aus der ostsächsischen Neonazi-Szene ausgestiegen war. Die Verwandlung ist perfekt, denke ich. Doch habe ich mich auch so verwandelt?
Noch später, am Abend, ich trotte die Alaunstraße entlang und sehe Jugendliche, herumlungernde Punks mit wilden Frisuren, zerrissenen Jeans und Lederjacken. Leise stöhne ich, weil mich bestimmt gleich wieder einer anschnorren wird. Mein Begleiter stupst mich an: „Sei mal nicht so intolerant. Immerhin hast du früher hier auch herumgelungert.“ Sogleich muss ich lautstark protestieren. Damals, Anfang der 90er standen hier noch keine Häuser und wir haben immer auf der Wiese gelegen. Aber ob das nun unbedingt wesentlich zivilisierter ist? Denn zerrissene Jeans und Lederjacken, das hatten wir auch vor 15 Jahren schon, nur zum Schnorren, da war ich mir stets zu fein. Dann fällt mir der Spruch vom Vormittag wieder ein. Vielleicht habe ich ja doch etwas geschafft. Denn einige meiner Weggefährten aus vergangenen Tagen sind böse abgestürzt: Drogen, Knast und Gewalt. Da bin ich schon froh, dass der Bursche vom Vormittag mich wieder erkannt und offenbar mit solchen Problemen nichts mehr zu tun hat.
Von Problemen mit dem Wasser lassen
Im Vergnügungsviertel Neustadt gibt es deutlich mehr als 100 Kneipen, Cafés, Bars und Restaurants. Und jede dieser Einrichtungen hat eine Toilette. Also sollte das Problem mit dem Urinieren doch wohl keins sein. Immerhin braucht der potenzielle Wasserlasser von keiner Stelle im Szene-Viertel weiter als 500 Meter zu laufen und schon gibt es die Möglichkeit, gepflegt und hygienisch den Strahl ins Becken zu halten. Immerhin rund 50 Prozent der Besucher schaffen das auch problemlos. Sogar in extremen Situationen, wie zur Bunten Republik oder während des Schaubudensommers. Lange Schlangen vor den Damentoiletten haben ja auch etwas Kommunikatives. Ganz anders sieht das nun bei den Herren aus. Ich will hier niemandem zu nahe treten, aber an welchen Stellen da der Lümmel herausgeholt wird, also bitte.
Energische Geschäftsleuten können ob solchen obskuren Benehmens schon mal explodieren. Ich erinnere da gern an den Auftritt des Geschäftsführers eines Supermarktes anlässlich des damals hochbrisanten Themas „Punker auf der Alaunstraße“. Der Herr lief puterrot an und beschimpfte einen der verzottelten Jugendlichen: „Und du, du hast an meine Toreinfahrt gepinkelt.“ Eigentlich hätte ja jetzt der andere rot anlaufen müssen, doch der grinste nur. Seit jenem Eklat vor Jahren hat sich niemand wieder getraut, auf das Problem hinzuweisen, dabei stinkt es gewissermaßen zum Himmel. An anderer Stelle auf der Alaunstraße hat ein findiger Hausmeister jetzt ein Stahlgitter angebracht, um die ungebetenen Gäste und ihre Abwässer aus dem Hinterhof herauszuhalten. Auf der Jordanstraße ist der Hausmeister fast jeden Morgen mit einem Wasserschlauch im Einsatz und spült die Überreste ins Erdreich. Meine Nase dankt es ihm.
Also meine Herren, so weit kann es bis zur nächsten Kneipe nicht sein. Und Eintritt, wie in einigen Cafés in der Altstadt, kostet es hier fast nirgendwo. Im Gegenteil in einigen Kneipchen kann der Ausflug zur Toilette zu einem richtigen kleinen Abenteuer werden. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.
Von kleinen Punkern und großem Kino
Ich bin geblendet. Ein Scheinwerfer leuchtet mir mit seinen 300 Watt voll ins Gesicht. Und das am frühen Morgen. Was geht hier vor? Ist dem Konsum ein Licht aufgegangen? Doch dann, ich traue meinen Augen kaum, bin ich etwa noch geblendet, läuft ein Punk durchs Gemüseregal. Das kann doch nun wirklich nicht sein, ich reibe mir erst die Augen, dann schaue ich auf die Uhr. Es ist kurz nach Acht Uhr früh. Für Punker beginnt normalerweise jetzt die Tiefschlafphase, hier im Konsum auf der Alaunstraße habe ich zumindest um die Zeit noch keinen gesehen. Ich tue also so, als würde ich mich auch für Obst und Gemüse interessieren und trete etwas dichter heran. Dann sehe ich eine riesige Kamera, ein paar Schienen und einen hektischen Assistenten, der mich wieder zurückdrängt. „Gehen Sie doch bitte aus dem Licht.“ Doch jetzt bin ich erst richtig neugierig geworden und erkenne, der Punk ist gar keiner, dafür hat er viel zu saubere Fingernägel und der Irokesenschnitt auf dem Kopf ist auch viel zu akkurat. Außerdem ist die Lederjacke zu teuer. Na, das wird wohl ein Schauspieler sein. Der Assistent ruft und die Punkeratrappe läuft ein paar Schritte, greift sich einen Apfel und der Kameramann zieht ne Grimasse. Alles noch mal auf Position. Fehlt nur noch, dass hier jemand mit ´nem Regiestuhl und so ´ner Filmklappe rumläuft.
Eine Verkäuferin verrät mir, dass hier ein Werbespot gedreht wird für den Markt, der soll dann bei den Filmnächten gezeigt werden. Ich bin gespannt, was dabei rauskommt und ob nur mir der Schwindel auffallen wird. Die Verkäuferin lächelt verschmitzt: „Dass der nicht echt ist, war mir gleich klar, um die Zeit schlafen die doch noch.“ Dann erzählt sie noch, dass sie heute alle ganz leise sein müssen, wegen der Filmaufnahmen. Ich bestelle mir flüsternd noch eine Zeitung und ziehe leise von dannen.
Wie richtige Punks aussehen, können sich die Konsummitarbeiter am kommenden Wochenende aus nächster Nähe ansehen, wenn zur Bunten Republik wieder bunt geschmückte Menschen aus aller Welt anreisen und dann statt Obst und Gemüse die ein oder andere Palette mit Bierdosen mitnehmen.
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Anmerkung 2006: Der Werbespot wurde nun schon im zweiten Jahr bei den Filmnächten am Elbufer gezeigt.
Anmerkung 2007: Die Produktionsfirma hat den Spot inzwischen auf ihre Webseite gestellt. Und wenn ich nicht so ein Kulturbanause wäre, hätte mir der Bursche auch aus dem Theater bekannt sein müssen.
Von erregten Bürgern und lautem Streit
Der große Saal im Gemeindezentrum Emmaus auf der Katharinenstraße ist voll. Alle Sitzplätze sind belegt, an den Türen herrscht großes Gedränge. Vorn ein Podium, mit dabei der Ordnungsbürgermeister und der Odrnungsdezernent.
Damit ist auch das Thema klar: Es geht um Ordnung, vor allem auf der Alaunstraße. Der Mann von der Stadtverwaltung, korrekt und sauber gekleidet, berichtet von Erfolgen. Schlagworte fallen: Beutelspender, Reinigungszyklen. Erstere wurden aufgestellt, um dem Hundekot Herr zu werden, zweitere einfach erhöht (mäßiger Applaus). Dennoch sei das Problem mit den Punkern auf der Alaunstraße bekannt. Es gelte, Lösungen zu finden (starker Applaus).
Ein junger Mann, buntes Haar, schmuddlige Kleidung, ergreift das Wort. Er bekomme nichts vom Staat und müsse deshalb auf der Straße leben. Auch würde er persönlich niemanden stören (zustimmende Pfiffe und Gejohle).
Dann ergreift ein älterer Mann mit gestreiftem Hemd und Notiz-Zettel das Wort. Die Punker seien eine Zumutung (Applaus), die Hunde gefährlich (starker Applaus und Zwischenrufe) und der Dreck unerträglich. (Zwischenruf: „Dann zieh doch weg, du Spießer.“)
Die Stimmung heizt sich immer mehr auf. Anwohner und Ladenbesitzer auf der einen Seite, die Punker und Straßenkinder auf der anderen. Der Geschäftsführer vom Spar-Markt zeigt auf einen der Schmuddel-Fraktion: „Und du hast an das Tor uriniert.“ Der rastet aus, droht mit Schlägen, kann nur mühsam zurückgehalten werden. Die Versammlung wird abgebrochen, ein großer Teil der ordentlichen Fraktion verlässt den Raum.
Alles umsonst? Sind die Menschen in der Neustadt nicht in der Lage, aufeinander zu zugehen? Eine beherzte Frau mittleren Alters reißt das Wort an sich, erzählt, dass sie mit einigen der Punker ganz gut zurecht kommt, dass nicht alle so sind. Ermahnt sie mütterlich: „Ich müsst uns aber auch verstehen!“
Dann einer aus der anderen Fraktion: „Ist ja klar, bloß irgendwo müssen wir ja bleiben!“ (Die Beifallsbekundungen haben aufgehört)
Vom BRN e.V. kommt ein Vorschlag: „Die Fronten sind ja klar, die Vorstellungen auch.“ Jetzt sollte sich eine kleine Gruppe finden, mit Vertretern aller Fraktionen und nach Lösungen suchen.
Wenn Du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis.
Von ein paar Groschen und geschnorrten Anleihen
Eine zerzauste Gestalt wankt auf mich zu. Auf dem Rücken eine uralte Gitarre, über den Schultern eine abgewetzte Decke, die wohl in besseren Zeiten mal ein Parka war. „Haste mal ein paar Groschen“, sagt er zwar nicht direkt zu mir, doch schon irgendwie in meine Richtung. Ich gebe mir die größte Mühe, das Wesen zu ignorieren und steuere zielstrebig in die Scheune. Das Gesicht kenne ich, der lungert hier fast jeden Tag rum, erbettelt sich so seinen Lebensunterhalt. Manchmal taucht er auch in irgendwelchen Kneipen auf und quatscht die Leute an den Tischen an. Aber immer so scheu und indirekt, dass ich kaum an einen Erfolg glauben kann. Doch manchmal sieht man ihn auch in einer Döner-Bude, zahlend. Irgendwie scheint es also doch zu klappen. Andere sind da viel aggressiver und auch geschickter. Vorm Istanbul auf der Louisenstraße hat mich mal ein ziemlich wüster Punk angequatscht.
„Eh, haste mal ´ne Lulle.“ Als ich ihm die Zigarette gab, wollte er noch einen Schluck Bier und war auch sofort bereit, eine Diskussion anzufangen. Das zwar zum Einen früher alles besser war, aber er trotzdem ständig von der Stasi verfolgt wurde, nur wegen seiner roten Haare. Die Äußerungen waren so wirr, wie seine Haartracht, die noch nicht mal mehr einen Hauch von Rot ausstrahlten. Schließlich um das zunehmend lästiger werdende Gespräch zu beenden, drücke ich ihm die Bierdose in die Hand und bekomme zum Dank eine handfeste Umarmung. Dabei läuft die Dose auch noch aus und ich habe künftig allen Grund, solchen Gestalten aus dem Wege zu gehen. Dabei trifft man sie täglich vor dem Konsum auf der Alaunstraße, dort wurde jetzt extra der Wachschutz verstärkt, doch die schnorrenden Typen werden wahrscheinlich nie verschwinden. Nachdem ich nun schon lange dachte, gegen solche Attacken gefeit zu sein, wurde ich kürzlich mal wieder überrascht. Erst der Standard-Spruch, der mit den Groschen; dann als das nichts fruchtete, rief mir das von zwei Hunden umgebene Wesen noch nach: „Ich nehm’ auch Aktien, Rentenpapiere und Options-Scheine.“ Da war ich dann doch etwas baff. So viel Kreativität hätte ich einem Punk nun wirklich nicht zugetraut.




