Neustadt-Geflüster

Dresden Neustadt von Anton Launer

Artikel-Schlagworte: „Mirko“

Blue-Note-Chef schreibt offenen Brief an OB Orosz

Mirko Glaser
Rudolf-Leonhard-Straße 13
01097 Dresden

Helma Orosz
Oberbürgermeisterin der Stadt Dresden
per Email

Sehr geehrte Frau Orosz,
gestatten sie mir ein paar in Worte zum Thema Kultur und der Umgang mit ihr in Dresden. Ich selbst, um sie nicht unaufgeklärt zu lassen, betreibe in Gemeinschaft den Jazzclub BLUE NOTE in der Dresdner Neustadt und bin auch sonst sehr kulturinteressiert, aber dieser Fakt tut hier wenig zur Sache. Den Meldungen der letzten Tage entnahm ich, daß sie vorhaben, die Dresdner Werbung- und Tourismus GmbH aufzulösen, ein Vorhaben, bei welchem ich sie nur tatkräftig unterstützen kann. Allerdings aus vermutlich anderen Beweggründen. Doch dazu später. Der Umstand, welcher mich veranlaßt, ihnen diesen Brief zu schreiben, ist ein anderer.
Soeben kam ich, wohlgemerkt zu Fuß, aus dem ALTEN SCHLACHTHOF, und mußte mit Verwunderung feststellen, daß nahezu alle in unmittelbarer Nähe dieser Lokalität geparkten Autos ein sogenanntes Knöllchen am Scheibenwischer klemmen hatten. Einerseits verstehe ich natürlich, daß es in einer sozialen Gemeinschaft, und als solche begreife ich natürlich auch meine Heimatstadt, gewisse Regeln geben muß, ohne deren Einhalt ein Zusammenleben kaum denkbar wäre, andererseits sollte es selbst bei strenger Einhaltung der Regeln, wofür wir deutschen ja immerhin weltweit bekannt sind, einen gewissen Spielraum geben. Obwohl selbst unbetroffen vom Fleiß der Polizeibehörde, machte ich mir die Mühe, einige Straßen abzuschreiten, um mich zu vergewissern, inwiefern eine etwaige Behinderung eventuell notwendiger Einsatzfahrzeuge vorgelegen haben könnte. Und sieh an, kaum eines der Fahrzeuge stand in irgendeiner Art und Weise irgendjemandem bei der Ausführung seiner Tätigkeit im Wege. Die Fahrzeuge wurden ab ca. 19:00 Uhr geparkt und wurden gegen 23:30 Uhr weggefahren. Andere Parkmöglichkeiten gibt es im Umkreis nicht. Das läßt bei mir nur den Schluß zu, und zwar nicht erstmalig, denn ich beobachte diese Art Umgehensweise mit „Sündern” schon des längeren, daß hier offensichtlich ganz gezielt Personal des Ordnungsamtes geschickt wird, und zwar nicht um der Ordnung willen, sondern explizit um das Stadtkässel zu füllen.
Eine Stadt wie Dresden sollte meines Erachtens froh darüber sein, ein kulturell breites Spektrum abdecken zu können, wohl wissend, daß ein großer Teil dessen aufgrund privatwirtschaftlicher Initiativen geschieht, ohne jeden Cent städtischer oder staatlicher Fördermittel. Vielmehr wird durch die Stadt Gewerbesteuer kassiert und auch sonst jede Möglichkeit genutzt, um sich jeden auch noch so geringen Aufwand geldwert vergüten zu lassen.
Jedoch schickt die Stadt, die sich als Kulturstadt zu vermarkten sucht, ihre Bediensteten aus, um auch noch zu später Stunde am Kulturinteresse der Bürger zu profitieren. Pfui! sage ich da, das gehört sich nicht. Ich kann nicht einerseits so tun, als läge mir als Kommune etwas an Kultur, andererseits tue ich ebensowenig dafür, daß Gäste derselben sich wohlfühlen. Verstehen sie mich, verehrte Frau Orosz, nicht falsch. Ich rufe keinesfalls zum wahllosen Falschparken 24 Stunden rund um die Uhr auf, aber ich kann mich mit dem Gedanken nicht anfreunden, daß Ordnungsamtsbedienstete extra losgeschickt werden, um bei größeren Veranstaltungen im Interesse der Stadt Knöllchen zu verteilen. Ich nähere mich dem Ausgangspunkt. Ein Vorgehen dieser Art ist mir nicht zum ersten Mal aufgefallen. Insgesamt mangelt es der Stadt Dresden meines Erachtens nicht nur an behördlicher Toleranz, insbesondere bei Großveranstaltungen, nein, mein geliebtes Dresden leidet auch darunter, in der Außenwirkung an Attraktivität zu verlieren. Dazu tragen soeben genannte Dinge bei, ebenso wie die bisherige Konzentration auf Dresden als Barock, als Semperoper, als Grünes Gewölbe. Diese Stadt lebt, und das wissen wahrscheinlich die wenigsten Menschen dieser Welt, von ihrer Kreativität, von den Menschen, die außerhalb der DWT, außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung, etwas tun, um sich kulturell zu verwirklichen. Es gibt viele Beispiele, die ich ihnen gern nenne, falls ihrerseits Interesse besteht, aber ich denke, es ist der falsche Weg, Menschen, die ob ihres kulturellen Interesses keinen Hehl machen, die vielmehr aus der Ferne Anreisen, dies im übrigen ein Unterfangen, welches mittels Bahn und ÖPNV aufgrund mangelnder Abdeckung kaum noch machbar ist (versuchen sie mal, gegen 17 Uhr in Kamenz loszufahren, um gegen 20 Uhr in Dresden ein Konzert sehen zu können und danach einen Anschlußzug nach Hause zu erreichen…), durch Stadtangestellte abzustrafen. Einfacher wäre es, ein sinnvolles Parkkonzept zu erstellen, bei dem auch private Veranstalter integriert werden könnten. Ebenso wäre eine Ausweitung des Werbekonzeptes der Stadt Dresden auf das Unentdeckte, auf die Subkultur, auf alles, was sich außerhalb der wiederhergerichteten Altstadt abspielt durchaus von großem Wert. Glauben sie mir, wenn ich ihnen sage: ein großer Teil der jüngeren Touristen kennt Dresden nur zufällig, weil es am Wege liegt. Kleiner Stop zwischen Prag und Berlin gefällig? Ah, Dresden, we know Dresden China. Doch damit ist Meißner Porzellan gemeint. Kaum ein Tourist unter 35 weiß, daß es in der sächsischen Landeshauptstadt eine kreative (Untergrund-)Szene gibt, kaum ein Besucher nimmt vor seinen zufälligen Entdeckungen war, daß Malerei, Musik, Theater & Kino nicht nur im 26er Ring vorhanden sind. Letztendlich schließt sich der Kreis nun endlich. Natürlich brauchen wir keine DWT, die sich ausschließlich der Vermarktung des Barock verpflichtet fühlt. Umsomehr brauchen wir tragfähige Konzepte um diese Stadt attraktiver zu machen. Dazu gehört die Schaffung sinnvollen Parkraums ebenso wie die Ausweitungen des Marketings auf andere Teile der Stadt und vieles andere mehr. Neustadt, Laubegast, Striesen, Hechtviertel und alle anderen Quartiere sind voller entdeckenswerter Dinge. Man muß sich nur die Mühe machen, diese entdecken zu wollen.
Diese Stadt lebt jetzt und nicht vor 300 Jahren!

Hochachtungsvoll

Mirko Glaser


Blue Note Dresden
www.jazzdepartment.com

Die Bagles erneut im Blue Note

Wenn mir mal was gefällt, muss ich es auch immer gleich weitererzählen. Am Sonnabend, 10. Mai, spielen Die Bagles im Blue Note. Los gehts um 21 Uhr. Hier könnt ihr schon mal reinhören. Hier gibts einen Bericht vom letzten Auftritt in Mirkos kleiner Musik-Kneipe.

Von fernen Gartenlokalen und nahen Konzerthallen

Die Saloppe ist brechend voll an diesem Freitag Abend. Über Hundert Leute haben den weiten Weg aus der Neustadt heraus gefunden. Auf der Bühne stehen „Hardworkin’ Raoul & The Lazy Boys“, sie spielen Rock´n´Roll. Mirko, vielen bekannt als Barkeeper im Blue Note, steht am Mikro und versucht mit kleinen Späßchen und Scherzchen über die desolate technische Situation hinweg zu kommen. Erst fällt der Kontrabass aus, dann das Piano, dann wieder der Kontrabass. Der Stimmung tut das keinen Abbruch. Die versammelte Neustädter Szene vom Raskollnikoff-Koch bis zum Eisgrotten-Chef ist begeistert und klatscht nach jedem Titel.

Szenen-Wechsel. Ein Tag später in der Scheune auf der Alaunstraße spielen die „Lazy Boys“ wieder, diesmal als Vorband für das „Jim Wayne Swingtett“.

Doch irgendwie will die Stimmung nicht so recht aufkommen, vielleicht liegt es an der Technik, die einfach nur funktioniert. Oder ist die Bühne schuld, die Abstand schafft zum Publikum. Die Musik ist jedenfalls wieder Klasse und auch hier klatschen die Leute nach jedem Titel, doch die Scheune wirkt recht leer, niemand tritt mir auf die Füße und die Chance Bier über die Hose geschüttet zu bekommen ist gleich Null.

Ganz anders in der Saloppe. Dort musste ich mich durch die Massen kämpfen, um ein Bier zu ergattern. Und als Entschädigung für die schlechte Technik gab es eine Runde Tequilla, natürlich nicht fürs Publikum sondern für die Band. Und Mirko konnte wieder Sprüche machen: „Das wird uns bestimmt von der Gage abgezogen.“

Von knappen Trinkgeld und Gratis-Kondomen

„Zahlen Bitte!“, dröhnt der Typ vom Nachbartisch. Als ob er damit seine weibliche, etwas schüchterne Begleitung beeindrucken will. „Komme, gleich“, grummelt Landi, und blinzelt mir zu: „Der nervt, willst Du noch einen?“. Danke, mein Glas ist noch halbvoll, verneine ich und versinke wieder in Gedanken. Portwein weckt die Phantasie, der schmeckt nach Wärme und Ozean. Doch leider werde ich schnell wieder aus meinen Erinnerungen gerissen. Der unangenehme Typ ist aufgestanden und zum Tresen gegangen. „Hier hast Du zwanzig Mark, vom Rest kannst Du Dir einen schönen Abend machen“ lacht er mit seiner lauten röhrenden Stimme, die das ganze Hieronymus ausfüllt. Landi greift den Zwanziger und sagt kein Wort. Kein Danke, kein Tschüß. Jetzt bin ich neugierig geworden. Als das ungleiche Pärchen verschwunden ist, frage ich nach. „Tja, es waren 60 Pfennige Trinkgeld“ rechnet mir Landi vor. Was für ein Typ denke ich mir.
Wahrscheinlich war er beleidigt, dass der Kellner nicht gleich auf den ersten Zuruf gesprungen kam. Aber das kann man Landi nun wirklich nicht zumuten. Meinen zweiten Portwein habe ich jedenfalls schneller als gedacht und Landi trinkt gleich einen mit. Es ist immer das Gleiche“, erzählt er „diese Jungs wollen vor den Mädels angeben, also bezahlen sie“. Beim Trinkgeld wird gespart. Richtig dickes Trinkgeld bekommt man nur von Kollegen, oder von einsamen Typen mit großem Kummer.
Ich überlege, Trinkgeld, das ist eigentlich ganz klar. Entweder 10 Prozent und dann auf die nächste Mark aufrunden oder gar nichts, wenn die Bedienung lausig war.
Aber normal ist das wohl nicht. Dabei denke ich an die Geschichte von Mirko aus dem Blue Note: Da war so ein Typ, der hatte ne Rechnung von 49,50 Mark, gibt mir nen Hunderter und sagt „Fünfzig“. Da hab ich ihm 50,50 Mark wieder gegeben und ein Kondom oben drauf gelegt: „Damit sich so was Geiziges wie Du nicht vermehrt.“ – Solche Geschichten gibt es aber glaube ich nur im Blue Note zu vorgerückter Stunde.

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