Neustadt-Geflüster

Dresden Neustadt von Anton Launer

Artikel-Schlagworte: „Krawall“

Ein ganz normaler Abend

Freitagabend. Die Neustadt ist voll. Die Alaunstraße verstopft mit Autos, irgendwas muss da unten wohl los sein. Ich sehe einen Polizeibus quer auf der Straße stehen. Oh weh, es wird doch wohl nicht wieder Krawalle geben.

Als ich näher komme, ist die Polizei schon wieder abgezogen, nichts brennt, die Straße liegt voller Scherben und Jugendliche stehen in Scharen auf den Wegen und der Straße herum, ein ganz normaler Freitag Abend eben.

Im Spätshop vom Ararat drängeln sich die Kunden vor vollen Bier-Regalen. An der Tür hat der Betreiber zwar die Selbstverpflichtung der Initiative Neustadt angebracht, doch ausgeschenkt wird munter weiter. Zwei junge Burschen, bei denen ich arge Zweifel hätte, ob sie schon das 16. Lebensjahr erreicht haben, bekommen zwei kleine Feiglinge. Einen Ausweis lässt sich der Verkäufer jedenfalls nicht zeigen.

Draußen auf der Straße geht das wilde Treiben unterdessen weiter. Ein paar Jungs, nach meinem Laienverständnis würde ich sie als Skinheads bezeichnen, haben eine Bio-Tonne angezündet, die auf kleiner Flamme vor sich hinfackelt. Ein junger Bursche mit Basecap sieht das und löscht entschlossen das Feuer. Dafür fängt er sich wilde Beschimpfungen und Kopfstöße ein, doch obwohl er eher ein schmächtiger Typ ist, lässt er sich nicht unterkriegen.

Ein paar Meter weiter funkelt ein über und über bepiercter Mann böse mit seinen Augen, er hält den Kopf leicht gesenkt, fehlte noch, dass er mit den Hufen scharrt. Sein Ärgernis ist ein junger Mann im grünen Pullover, den er wild gestikulierend vor sich hertreibt. Aus den Rufen einer hysterischen jungen Frau entnehme ich, dass dem grünpulloverten vorgeworfen wird, ein Zivil-Polizist zu sein. Ein anderer, etwas beleibter, glatzköpfiger Mann hält den bepiercten am Arm. Er scheint eine Respektperson zu sein, denn der eben noch einem wilden Stier gleichende Bursche wird auf einmal lammfromm und lässt den vermeintlichen Zivil-Polizisten ziehen.

Im selben Moment heult ein Motor auf, dann quietschen Bremsen. Ein Auto will die vollbesetzte Straße entlang und versucht es auf die wohl unsinnigste Variante. Mehrere Burschen und auch Mädchen strömen nun direkt vor das Auto. Fahrer und Beifahrer steigen aus. Es sieht so aus, als würde gleich eine riesige Schlägerei beginnen, doch alles endet friedlich, wieder ist der Feuerlöscher von vorhin, der Junge mit dem Basecap da, zieht die Leute von der Straße und das Auto kann durch. Auch der beleibte Glatzkopf greift regelnd mit ein.

Inzwischen stehe ich schon eine Weile vor dem Ararat und irgendwie muss das aufgefallen sein. Mein schütteres Haar macht mich wahrscheinlich verdächtig. Neben mir wird getuschelt, einige Leute starren mich seltsam an. “Das ist doch auch ein Zivi.” Also verzieh ich mich wohl lieber.

Von wilden Chaoten und besonnenen Neustädtern

Es brennt mal wieder. Flammen schlagen aus den Papiercontainern. Eine wilde Horde Jugendlicher steht auf der Straße und wirft mit Flaschen nach den Feuerwehrleuten und der Polizei. Später im Fernsehen wird es so aussehen, als sei in der Neustadt mal wieder Krieg ausgebrochen.

An anderer Stelle, es ist später in der Nacht. Unbekannte sind unterwegs mit Silicon-Spray und Bauschaum. Sie wollen die neuen Parkscheinautomaten zerstören. In einer Nacht müssen über dreißig leiden, bei einer weiteren Attacke wird noch mal mehr als ein halbes Dutzend beschädigt. Der Schaden bewegt sich inzwischen fast im fünfstelligen Bereich.

Was ist los mit der Neustadt?

Randale gab es seit Beginn der 90er Jahre immer mal wieder. Anfangs waren es Neonazis, die hier im Viertel besetzte Häuser überfielen und zu Silvester die Bronxx auf der Alaunstraße in Brand setzten, später gab es Ärger zwischen Hausbesetzern und der Polizei. Zum Beginn des neuen Jahrtausends eskalierte die Gewalt während der BRN, ein gefährliches Gemisch aus Hooligans und Jung-Autonomen legte sich mit der Polizei an und erreichte, dass die Republik bundesweit in einem Atemzug mit den Chaostagen in Hannover erwähnt wurde. Kreisende Polizeihubschrauber und schwarze Sondereinsatzkommandos verwandelten das Viertel in ein bürgerkriegsähnliches Gebiet. Doch seit ein paar Jahren ist wieder ein bisschen Ruhe eingekehrt, selbst die BRN ist überwiegend friedlich geworden. Und nun das. Der Unmut der Anwohner über die Parkscheinautomaten, die von der Stadt gegen den Willen des Ortsbeirates durchgesetzt wurden, ist ja nachvollziehbar. Nur die Zerstörung bringt wahrscheinlich niemanden etwas. Die Kosten tragen letztlich wir als Steuerzahler alle oder aber die Stadt muss an anderer Stelle wieder irgendwo sparen. Das aufgrund der Zerstörungen die Automaten wieder abgebaut werden, wird wohl eine Illusion bleiben.

Und die Krawalle vor der Scheune. Am letzten Oktoberwochenende blieb es vermutlich wegen des Regens und der massiven Polizeipräsenz ruhig. Auch mit den zu erwartenden sinkenden Temperaturen wird sich das Problem wohl vorerst von selber lösen. Doch der nächste Sommer kommt bestimmt.

Für den Raum vor der Scheune muss dringend eine Lösung her. Am Besten eine, bei der die dort abhängenden Punks mit einbezogen werden. Ganz verdrängen wird man Krawallbrüder wohl nie, doch man kann ihren Aktionsradius einschränken.

Gedanken in einer lauen Sommernacht

Für einen gemütlichen Spaziergang durch die engen Gassen und Hinterhöfe der Dresdner Neustadt lasse ich alles stehen und liegen. Besonders, wenn die Abende so herrlich mild sind, wie in den vergangenen Tagen. Vor allem in den etwas abgelegeneren Straße ist es herrlich ruhig. Zum Glück sind nicht alle Höfe abgeschlossen, denn hier verdecken sich die wahrhaft idyllischen Plätzchen mit uralten riesigen Bäumen und Sandsteinmauern. Bilder, so friedlich, dass es schon fast kitschig ist.

Zurückgekehrt auf das pulsierende Leben auf der Louisenstraße werde ich Ohrenzeuge. Hinter mir läuft ein junges Pärchen, beide Mitte Zwanzig, Studenten vielleicht. Dem Gespräch entnehme ich, dass er wohl in der Neustadt wohnt und sie ihn hier besucht. Schon nach kurzer Zeit höre ich, dass auch die beiden über das Thema reden, welches die Neustadt seit anderthalb Wochen in Atem hält: Die Bunte Republik, die Krawalle und die Polizeieinsätze. Er erzählt, wie er riesige Umwege laufen musste, um nach Hause zu kommen und wie er zwischenzeitlich Reißaus nahm, weil er irgendwie zwischen Randalierer und Ordnungsmacht geraten war. Ich kann es förmlich spüren, wie sie den Kopf schüttelt: „Warum nur, ich versteh das nicht.“

So richtig verstehen will es keiner, die Schuld wird von einem zum nächsten geschoben. Bedauern wird ausgesprochen, aber dass irgendjemand mal aufsteht und sagt: Dieses und jenes hab ich falsch gemacht, da müssen wir drüber nachdenken.

Vielleicht kommt das aber noch. Heute Abend wäre eine gute Gelegenheit. Im Stadtteilhaus an der Prießnitzstraße treffen sich verschiedene Gruppen, denen die Neustadt am Herzen liegt. Mit dabei unter anderem die IG Äußere Neustadt, die sich seit Jahren für das Viertel und für eine schonende Sanierung stark macht, der BRN e.V., der sich als Veranstalter des Festes nach Fehlern und künftigen Konzepten fragen lassen muss und die Polizei, die nicht unbedingt die glücklichste Strategie gewählt hatte. Hoffentlich kommen auch viele engagierte Neustädter.

Das Pärchen hinter mir hat wohl inzwischen mitbekommen, dass ich lausche, jedenfalls haben sie ihren Schritt deutlich verlangsamt und ich kann nichts mehr hören. Wie zum Abschied werfe ich noch mal einen Blick zurück und sehe, wie sie heftig den Kopf schüttelt, der Pferdeschwanz wippt von Schulter zu Schulter. Vielleicht sehe ich sie wieder im Stadtteilhaus.

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