Neustadt-Geflüster

Dresden Neustadt von Anton Launer

Artikel-Schlagworte: „Knöllchen“

Von strengen Kontrollen und ein wenig Nachsicht

„Jetzt fahren sie ihren Wagen schon woanders hin.“ Es ist ein Ordnungshüter, der das zu mir sagt und ich habe echt Glück gehabt. Kein Strafzettel.

Dabei hätte ich Stunden vorher ins Lenkrad beißen können. Schon die zweite Runde durch die Neustadt und immer noch kein Parkplatz in Sicht. Kurz entschlossen stellte ich das Vehikel in der Böhmischen Straße ab, direkt vor ein Halteverbotsschild. Das Schild steht nur provisorisch, ist leicht zu verschieben und hat einen kleinen weißen Pfeil, dessen Bedeutung mir ein Rätsel war.

Später bummle ich dann die Böhmische entlang und sehe den Mann vom Ordnungsamt. Na klar, jetzt bekomme ich ein Ticket. Also hin, mal nachfragen. „Was wäre denn, wenn das Schild vorhin hinter meinem Auto gestanden hätte?“ – „Dann gäbe es auch einen Strafzettel.“ Der Ordnungshüter erklärt mir, dass der kleine Pfeil nach rechts den Beginn des Halteverbotes signalisiert. Fein, dann stehe ich jetzt ja doch nicht drin. „Nein, denn am Anfang der Straße ist ja auch ein Schild…“ – „Aber warum bekommen die anderen dann keine Zettel?“ Jetzt wird es kompliziert. Das Schild sei eigentlich nur falsch aufgestellt und müsste eigentlich das Ende signalisieren. Das kann mir doch aber egal sein, ich will keinen Strafzettel. Wieder der Hinweis mit dem Schild am Anfang der Straße. Ich suche nach Ausflüchten. „Wenn ich aber aus dieser Ausfahrt kam…“ und weise auf die Durchfahrt zur Bautzner Straße. „Egal, nach Gerichtsurteil soundso müssen sie sich überzeugen.“ Das leuchtet ein.

Einmal in Fahrt gekommen legt er dann richtig los. Überhaupt die Böhmische Straße, da dürfte auch ohne Schilder eigentlich keiner parken. Die ist viel zu schmal. Das Gesetz verlangt mindestens drei Meter Durchfahrbreite. Die gibt es hier nicht, deshalb muss die Müllabfuhr auch immer über den Bordstein fahren. Wahrscheinlich sehe ich inzwischen ziemlich betroffen aus und stammle noch etwas von „aber irgendwo muss ich mein Auto doch abstellen“. Der Mann zeigt sich gnädig und zieht er den eben geschriebenen Zettel wieder aus seiner Tasche. Die Chance lasse ich mir nicht entgehen und fahre los. Diesmal hab ich mehr Glück, auf der Alaunstraße ist ein Plätzchen frei.

Von großen Ideen und kleinen Haken

„Von wegen Luft ablassen, anzünden müsste man die.“ Gregor, den ich im Oscar auf der Böhmischen Straße traf, war nicht so angetan von meinen Gedanken zum Parken in der Neustadt. „Diese Blechkarren stehen doch nur im Weg rum.“ Zur Erinnerung: Vor zwei Wochen hatte ich berichtet, wie ein Hausmeister über falsch parkende Autos denkt. Dabei fiel auch die Idee mit dem Luft ablassen.

Viel größere Ideen hat der Dresdner Martin Schramm, der zwar gerade in Wien weilt, doch in Gedanken noch in der Neustadt ist. Per E-Mail schickte er mir seine Visionen eines autofreien Szene-Viertels. Ein Parkhaus am Rande sollte her, und alle Autos dort hinein, denn zu Fuß sei die Neustadt viel schöner. Soweit kann ich folgen. Doch dann geht es weiter. Statt der Parkgebühr könnte der Autofahrer doch gleich auf sein Vehikel verzichten und eine Monatskarte für die Straßenbahn erwerben. Große Ideen fordern Taten. Also lasse ich das Auto mal stehen und probier es mit Laufen. Alle Wege in der Neustadt sind kein Problem, doch was ist wenn ich über die Elbe will. Zum Fußball vielleicht, Dynamo lockt. Die Linie 13 fährt dahin, soweit ich bisher wusste eine gute Viertelstunde. Doch was muss ich nun erleben, die fährt doch wirklich mit der Kirche ums Dorf, über Johannstadt und Hauptbahnhof – fast dreimal so lange. Gut das ist ´ne Ausnahme, aber irgendwie ist es doch immer so, wenn ich die Tram brauche, ist sie immer gerade abgefahren. Alles nur Zufall. Doch die kleinen Haken an der großen Idee lassen mir keine Ruhe. Herr Schramm erklärt, dass man in der Bahn ein Buch lesen könne und dabei entspannen. Habe ich so noch nie erlebt. Wenn ich ausnahmsweise in die gelb-schwarzen Gefährte einsteige, ist entweder kein Platz frei oder nach spätestens einer Haltestelle steigt eine Rentnerin mit Krückstock zu, der ich dringend meinen Platz anbieten muss, um mir dann neben johlenden Kinder die Beine in den Bauch zu stehen.

Aber schön wäre es schon mit der Neustadt ohne Autos. Dann vielleicht doch die Variante mit dem Parkhaus. Dort müssten dann auch Mietschirme zu haben sein, falls es mal regnet, und gleich ein großer Plan mit allen Kneipen drauf. Rund um die Neustadt werden Tore aufgestellt, damit sich auch kein einzige Wägelchen hineinverirrt. Ein Grenzschild wäre auch nötig. „Erlebnispark Äußere Neustadt“. Da würden dann auch die brennenden Autos hinpassen und für den Dresdner Altstädter wäre wieder ganz klar: In der Neustadt ticken sie doch nicht ganz richtig.

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