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Von Wachhunden vor Wahllokalen

Da steht er nun. Angebunden zwar, doch wer weiß, ob diese dünne Leine tatsächlich hält. Was tun? Trau ich mich vorbei? Oder will ich feige warten, bis der Halter dieses Hundchens kommt und ihn mitnimmt. Ich stehe vor der 103. Grundschule, die den schönen Namen “Unterm Regenbogen” trägt. Hier ist mein neues Wahllokal. So richtig begreife ich das System der Wahllokal-Zuordnung nicht. Ein Freund von mir, er wohnt auf der Prießnitzstraße, er darf auf der Görlitzer in die 15. zum Wählen gehen, ich aber werde in das Niemandsland zwischen Neustadt und Preußischem Viertel geschickt obwohl ich auf der Görlitzer wohne. Nun, so kleine Schikanen können mich nicht abhalten, immerhin will ich mir hinterher auf die Schulter klopfen und sagen, diesen Stadtrat hast Du mitbestimmt. Auch wenn ich wahrscheinlich nur mal wieder die Opposition gestärkt habe. Aber noch ist es ja nicht so weit. Noch steht ja das kleine Hundchen da, er guckt mich noch nicht einmal an. Offenbar bin ich kein würdiger Gegner, gelangweilt und lässig hechelt er vor sich hin. Ob den hier ein wüster Antidemokrat platziert hat, um rechtschaffene Bürger abzuwimmeln? Diesen Beitrag weiterlesen »
Von ersten Herbstgefühlen und vielen neuen Kneipen
Ein kühler Wind zwackt mir in die Waden. Frisch geworden ist es nach den vergangenen sehr heißen Tagen, die Zeit der kurzen Hosen scheint nun endgültig vorbei.
Im Radio tönt treffend ein Song der Band Die Art: „Sommer has gone away and the Fall begins.”
Und dass der Sommer nun wirklich vorbei ist, merke ich nicht nur an den Temperaturen. Erste goldgelbe Blätter flattern mir entgegen, die Filmnächte sind vorbei, der Schaubudensommer schon so lange her, dass die Erinnerungen schwinden. Und ein kleiner Laden auf der Görlitzer Straße hat das Wort Sommerschlussverkauf durchgestrichen und daraus einen Wintervorverkauf gemacht.
Doch auch der Herbst hat so seine Vorzüge im Szene-Viertel ist das traditionell die Jahreszeit der Neueröffnungen. Und die Neustadt wird wieder etwas bunter: Zum Max auf der Louisenstraße gesellt sich jetzt das Café Moritz auf der Alaunstraße. Außerdem ziehen verruchte Namen ins Viertel ein. Coco-Bar, so heißt die neueste Attraktion auf der Görlitzer Straße, so heißt aber auch eine der angesagtesten Table-Dance-Bars in Leipzig. Gibt es jetzt einen Hauch von Rotlicht in der Neustadt und das genau gegenüber vom Blue Note? Noch verruchter könnte es am Ende der Louisenstraße werden, dort hat seit Kurzem eine Bar mit Namen Seitensprung eröffnet. Ob ich mich da jemals hineintrauen werde?
Und weitere neue Kneipen sind in Sicht, der Betonklotz an der Alaun-/Ecke Louisenstraße wächst ja immer weiter. So richtig mexikanisch sieht das noch nicht aus, eher nach Bunker mit Schießscharten, aber ich will ja nicht voreilig sein. Mit einem bisschen Farbe kann sich da noch viel ändern.
Kneipeneröffnungen im Herbst haben Tradition, viele Betreiber hoffen im prallen Wintergeschäft genügend Gewinn zu machen, um den darauf folgenden Sommer überstehen zu können. Denn ohne Biergarten wird das Geschäft dann ganz schwer. Wenn ich mir was wünschen dürfte, würde ich um eine Wiedereröffnung des kleinen Cafés neben dem Projekttheater bitten. Als „Herr Rosso und sein Hund“ ist es bekannt und durch seinen unglaublich guten Espresso berühmt geworden. Jetzt hat es schon seit geraumer Zeit geschlossen und der Zettel der nach einem neuen Betreiber gesucht hat, ist auch verschwunden. Für einen Neustart wäre jetzt genau der richtige Zeitpunkt.
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An der Stelle des Herr Rosso und sein Hund betreibt das Projekttheater jetzt ein Café, siehe auch hier.
Von kleinen Nörgeleien und der großen Zufriedenheit
Neulich auf einer kleinen Party im so genannten engeren Kreis. Die Feier stieg mitten in der Neustadt, die Gäste waren aus dem gesamten Stadtgebiet angereist. Erstes Thema natürlich mal wieder die Parkplatznot. Doch daraus entspann sich im Handumdrehen eine Diskussion über Vor- und Nachteile des Wohnens im Szene-Viertel. An mir rauschten Argumente vorbei: zu eng, viel zu laut, und für Kinder ist das hier doch gar nichts, überall dieser Dreck. Ich halte mich zurück und lasse noch einmal meinen Tag Revue passieren.
Da war am Vormittag meine Weltreise zum nächsten Kreditinstitut – zehn Minuten. Auf dem Rückweg habe ich schnell noch meinen Lieblingsblumenladen besucht – fünf Minuten Umweg. Später wollte ich nur ein bisschen Luft schnappen – auf zum Alaunplatz. Zu einem richtigen Spaziergang gehört auch ein Espresso, wie schön, dass sowohl Herr Rosso als auch sein Hund an meinem Weg lagen. Und beim Bäcker auf der Alaunstraße schnappte ich mir fix noch ein Baguette und trudelte fröhlich summend heimwärts. Gesenkten Blickes, der Hundehäufchen wegen, marschierte ich so vor mich hin. Eine Stimme rief meinen Namen: ein Bekannter. Er erzählte mir neueste Gerüchte aus der Kneipenszene. Kurz vor der Haustür passte mich dann noch mein Hausmeister ab und erklärte wieder einmal die Müllproblematik und dass ich doch bitte künftig keinen Bio-Müll mehr in die gelbe Tonne werfen soll. Ob ich das wirklich je gemacht habe? Egal, während des kurzen Schwätzchen sah ich mit Freuden, wie die Politessen Knöllchen verteilen. So ist es fein, schließlich ist hier der Anwohnerparkbereich. Am Abend dann war ich binnen kurzer Zeit bei eingangs geschilderter Party und auch ein Gläschen mehr könnte ich mir gönnen, der Heimweg ist ja kurz.
„Also ich könnte hier nicht mehr wohnen, bei uns in Striesen ist es viel schöner.“ Die junge Frau, die das sagt, ist felsenfest überzeugt. Und mir fehlen die Argumente. Zu banal scheinen mir die Vorzüge des Viertels, als dass ich sie je in einer Diskussion in den Vordergrund rücken möchte. Doch als die Stimmung auf der Party zu sinken droht, ziehe ich mich einfach zurück, gönne mir im Blue Note noch ein Einschlaf-Bierchen und bin wieder einmal glücklich, in der Neustadt zu wohnen.
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Anmerkung August 2004: Leider hat Herr Rosso und sein Hund inzwischen geschlossen
Anmerkung August 2005: Das Projekttheater hat inzwischen das Kneipchen übernommen. Siehe auch hier.
Von Hund und Herrchen
Er ist klein, knuffig, weiß mit schwarzen winzigen Flecken und seine vier Beine reichen trotz ihrer Kürze genau bis zum Boden. Das Gesicht ist ein einziger Haufen aus Falten, wirkt aber dennoch sehr jugendlich und frisch. Ich bin gerade am Bahnhof Neustadt unterwegs, um ein paar Sonntagsbrötchen zu erstehen. Der kleine Hund ist an einem Geländer angeleint und wartet brav. Ich nehme mir ein bisschen Zeit und lauere auf sein Herrchen, um die im Titel beschriebene Phrase bestätigen zu können.
Wenig später kommt er, ungefähr 25 Jahre alt, und trägt zwei Baguette unterm Arm, blondes, mittellanges Haar, blaue Jeans und einen helle Sweater von H & M, leger über die Schultern geworfen. Er leint das Hundchen ab: „Komm, Mops“ und gemeinsam dackeln sie zu einem metallicblauen Golf III. Der Leser mag selbst entscheiden, ob hier ein Fall von beiderseitiger Anpassungsfähigkeit vorliegt oder nicht.
Wenige Stunden später auf der Alaunstraße, ein struppiges, grau-braunes Etwas rempelt mich an und huscht vorbei. Sieht aus, wie eine Mischung aus einem Schäferhund und einem Spitz, aber wahrscheinlich sind noch viel mehr Rassen für das Hundchen verantwortlich. Er reicht mir ungefähr bis zu den Knien und statt eines Halsbandes trägt er ein rotes Tuch. „Streuner, komm her“ – die Stimme scheint sich bald zu überschlagen, dabei fällt mir auf, dass ich diesen Ruf fast jedes Mal höre, wenn ich hier entlang schlendere. Neugierig drehe ich mich um, der Ruf kommt aus dem Munde eines Mädchens, vielleicht 20, vielleicht noch jünger. Sie sitzt vor dem Konsum, und wenn sie nicht nach Streuner ruft, bettelt sie Passanten um Kleingeld an. Ihre Haare sind ziemlich zerzaust, das einzig akkurate ist der drei Zentimeter breite abrasierte Streifen über dem linken Ohr.
Am Abend schlendere ich noch einmal durchs Viertel, mir entgegen kommt ein älterer Mann, so um die 60, mit einer Pilotenjacke mit Emblem der US-Airforce, dunklen Jeans und trotz der abendlichen Dunkelheit mit einer dicken Sonnenbrille auf der Nase. Sein Schritt ist stramm und an seiner Seite stolziert ein reinrassiger Boxer, frisch gebürstet glänzt das Fell im Abendlicht. Obwohl die Leine etwa zwei Meter lang ist, weicht der Boxer nicht von Herrchens Seite und setzt sich brav an jeder Kreuzung. Ein kurzes „Los“ reicht aus, damit er weiter läuft.
Doch keine Serie ohne Ausnahme, wenige Tage später sah ich einen durchtrainierten, jungen Mann, Marke Türsteher mit einem winzig kleinen wuschlig weißen Wollknäuel vor dem Blumenau stehen.
Von Hundedreck und Reinigungsgeräten
Schlurp. Es klingt wie eine Mischung aus schlürfen und ploppen. Das Geräusch, wenn jemand eine Flüssigkeit schlürft kennt wahrscheinlich jeder, es ist eklig genug und muss hier nicht noch einmal wiedergegeben werden. Weniger bekannt ist jedoch das Ploppen. Es gibt auch verschiedene Arten davon. So kann zum Beispiel einer sachgemäß geöffneten Sektflasche mit einem eleganten Plopp der Korken entfernt werden. Wesentlich lauter ploppt es, wenn man beim Staubsaugen ein Stück Papier aufsaugt, das eigentlich nicht durchs Rohr passt und nur mit Mühe und der höchsten Stufe gezwungen wird.
Schlurp. Da ist es wieder. Jetzt kann ich auch die Quelle des Geräusches orten. Zwei orange gekleidete Männer sind mit einem riesigen fahrbaren Staubsauger auf den Fußwegen und Straßen der Neustadt unterwegs. Das Gerät sieht lustig aus. Ganz in orange gehalten leuchtet es, der schwarze Rüssel wird vom Saugerführer immer wieder auf die Straße getunkt. Fehlt nur noch das an der Vorderseite ein kleines Gesichtchen aufgemalt ist, dass sich bei jedem Saugvorgang vor Ekel zusammenzieht. Nun, dass ist leider nicht so, denn der orange Freund ist ja eben doch nur eine Maschine.
Schlurp. Die beiden Reinigungsmänner sind echt fleißig, mit dem Maschinchen geht es auch recht zügig voran. Bisher kannte ich hier immer nur Großreinigungseinsätze mit Kehrmaschinenen und abgesperrten Straßen. Da ist doch so ein kleines Gerät viel flexibler. Außerdem werden so auch die Fußwege mitgereinigt. Dafür sind zwar eigentlich die Hauseigentümer verantwortlich, aber über deren Verantwortungsbewusstsein hatte ich mir schon zu Zeiten vereister und ungestreuter Fußwege Gedanken gemacht. Andererseits ist es natürlich auch keine schöne Aufgabe, den Hundedreck zu beseitigen.
Schlurp. Doch mit solch einer Rüsselmaschine ist auch der hartnäckigste braune Haufen kein Problem. Manchmal muss der Rüsselführer ein bisschen stochern, doch meist geht es ganz fix. Nach dem Schlürfgeräusch zu urteilen, muss die Saugmaschine auch mit ordentlich Power ausgestattet sein Das Schlurp kommt sehr kraftvoll und überzeugend daher. In Gedanken klatsche ich Beifall und freue mich, dass endlich diejenigen die immer an der Neustadt rumnörgeln, „Da ist ja überall nur Hundedreck“ ein paar braune Argumente weniger haben.



