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Putzen im Nebel
Heute Morgen, kurz vor Acht. Der Alaunplatz liegt im Nebel des Grauens. Nur langsam lösen sich die Schwaden vom Rasen. Doch darunter glänzt es grün. Herrlich wiegen sich die Halme im Herbstwind. Oder was bläst da so? Nein, kein Wind, es ist der Laubstaubsauger der Stadtreinigung. Ein kleines Heer mit Schutzwesten in grellem Orange tut geschäftig, hier und da werden die Wege neu gebügelt. Damit der Platz-Charakter des A-Parks (so nennen ihn die, die ihn benutzen) wieder etwas besser hervorgehoben wird.
Von buntem Laub und losen Blättern
Wie ein Barbar fällt er über mich her. Zwackt mich in die Wangen, reißt mir am Hals und versucht mir die Mütze vom Kopf zu ziehen. Und das Schlimmste, er kommt unverhofft und plötzlich. Und wie zum Hohn begießt er mich erst mit buntem Laub und dann mit Nieselregen. Die Rede ist vom Herbst, der ja eigentlich auch wunderschön sein kann. Dem geneigten Leser sei an dieser Stelle ein Ausflug in die derzeit wunderbunte Heide empfohlen. Doch in der Neustadt zwischen den Häuserschluchten ist er, der Herbst, gar widerlich. Der Wind nutzt die ganze Länge der Straße, um alle Kraft zusammen zu nehmen und arglosen Passanten ins Gesicht zu blasen. Und wer die Neustadt kennt, der weiß, hier hat der Wind ordentlich was auf zu sammeln. Da ein Plakatfetzchen, dort eine Döner-Serviette, hier ein Knöllchen, dass nicht ordentlich unterm Scheibenwischer festgemacht wurde. Und wenn es doller pustet, fliegt auch schon mal die eine oder andere Dose mit.
Meine Laune sinkt auf den Tiefpunkt als mir ein so genannter Flyer ins Gesicht klatscht, die Infos darauf sind schon uralt und nun sehe ich die Quelle des Übels. Auf der Alaunstraße vor dem Parkplatz haben vor Jahren ein paar Experten die Papiersammelstelle ins Unterirdische verlegt. Und offenbar hat der gemeine Neustadt-Bürger so gar keine Lust, sich so tief zu bücken, denn stets liegt das Altpapier in riesigen Bergen neben der High-Tech-Sammelstelle und bietet jetzt dem Herbstwind gutes Futter.
Geschwind entferne ich mich von diesem Ort, zu sehen, ob es anderswo besser ist. Und wieder einmal schafft es die Neustadt, sich binnen Sekunden zu verwandeln. Die Wolken haben sich verteilt, die Sonnen blinzelt mir ins Gesicht und ich blinzle geblendet zurück. Ein frecher Duft von frischem Brot lockt mich die Straße entlang. Minuten später können mich diejenigen, die nicht mürrischen Blickes durch das Viertel hasten, fröhlich pfeifend mit einem duftendem Mehrwegbeutel voller Köstlichkeiten die Louisenstraße entlang schlendern sehen. Und der Barbar, der Herbst, der kann mir nun nichts mehr anhaben, soll er doch erstmal seinen Pflichten nachkommen, und das restliche Laub einfärben.
Von ersten Herbstgefühlen und vielen neuen Kneipen

Herr Rosso und sein Hund auf der Louisenstraße.
Im Radio tönt treffend ein Song der Band Die Art: „Sommer has gone away and the Fall begins.” Und dass der Sommer nun wirklich vorbei ist, merke ich nicht nur an den Temperaturen. Erste goldgelbe Blätter flattern mir entgegen, die Filmnächte sind vorbei, der Schaubudensommer schon so lange her, dass die Erinnerungen schwinden. Und ein kleiner Laden auf der Görlitzer Straße hat das Wort Sommerschlussverkauf durchgestrichen und daraus einen Wintervorverkauf gemacht.
Doch auch der Herbst hat so seine Vorzüge. Im Szene-Viertel ist das traditionell die Jahreszeit der Neueröffnungen. Und die Neustadt wird wieder etwas bunter: Zum Max auf der Louisenstraße gesellt sich jetzt das Café Moritz auf der Alaunstraße. Außerdem ziehen verruchte Namen ins Viertel ein. Coco-Bar, so heißt die neueste Attraktion auf der Görlitzer Straße, so heißt aber auch eine der angesagtesten Table-Dance-Bars in Leipzig. Gibt es jetzt einen Hauch von Rotlicht in der Neustadt und das genau gegenüber vom Blue Note? Noch verruchter könnte es am Ende der Louisenstraße werden, dort hat seit Kurzem eine Bar mit Namen Seitensprung eröffnet. Ob ich mich da jemals hineintrauen werde?
Und weitere neue Kneipen sind in Sicht, der Betonklotz an der Alaun-/Ecke Louisenstraße wächst ja immer weiter. So richtig mexikanisch sieht das noch nicht aus, eher nach Bunker mit Schießscharten, aber ich will ja nicht voreilig sein. Mit einem bisschen Farbe kann sich da noch viel ändern.
Kneipeneröffnungen im Herbst haben Tradition, viele Betreiber hoffen im prallen Wintergeschäft genügend Gewinn zu machen, um den darauf folgenden Sommer überstehen zu können. Denn ohne Biergarten wird das Geschäft dann ganz schwer. Wenn ich mir was wünschen dürfte, würde ich um eine Wiedereröffnung des kleinen Cafés neben dem Projekttheater bitten. Als „Herr Rosso und sein Hund“ ist es bekannt und durch seinen unglaublich guten Espresso berühmt geworden. Jetzt hat es schon seit geraumer Zeit geschlossen und der Zettel der nach einem neuen Betreiber gesucht hat, ist auch verschwunden. Für einen Neustart wäre jetzt genau der richtige Zeitpunkt.
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Anmerkung Dezember 2004: An der Stelle des Herr Rosso und sein Hund betreibt das Projekttheater jetzt ein Café, siehe auch hier.
Anmerkungen August 2009: Aus der Coco-Bar ist das Zille geworden. Siehe hier.
Von lauen Herbstnächten und sonnigen Tagen
Schon seit einigen Tagen schleicht der Altweibersommer mit Sonnenstrahlen und lauen Temperaturen durch das Viertel. Das scheint doch viele Szenegänger zu ermuntern, mal wieder in die Neustadt zu pilgern. Selbst in den sonst so flauen Nachmittagsstunden herrscht neuerdings reges und buntes Treiben. Auf den Außenplätzen der Cafés tanken Genießer die letzten wärmenden Sonnenstrahlen bevor bald der Winter hereinbricht. Diesen Beitrag weiterlesen »







