Neustadt-Geflüster

Dresden Neustadt von Anton Launer

Artikel-Schlagworte: „haus“

BürgerDinner im Kleinen Haus

Es geht um Leben und Tod. Hebammen und Bestatter treffen sich, um sich auszufragen, gemeinsam zu soupieren und zu duellieren (letzteres hoffentlich nur mittels Worten). Hinterher spielt der Hund mit dem Herrn Lehmann am Plattenteller, es darf getanzt werden. Entgegen anderslautenden Gerüchten gibt es noch ausreichend Karten.

Festival "Literatur jetzt!" ab Dienstag

Am Dienstag beginnt die zweite Ausgabe des Festivals “Literatur Jetzt!”. Hier die Termine in der Neustadt:

25.11, Dienstag, 20 Uhr, Kleines Haus – Beat Poetry mit Nora-Eugenie Gomringer und Günter Baby Sommer, Eintritt: 6,- Euro
26.11, Mittwoch, 21 Uhr, Scheune – Gipfeltreffen der Lesebühnen mit Ahne, Jochen Schmidt,
Julius Fischer und André Herrmann, Eintritt: 7,- Euro
27.11, Donnerstag, 19.30 Uhr und 22 Uhr, Scheune – Wladimir Kaminer (19.30-Uhr-Vorstellung ist ausverkauft), Eintritt: 11,- Euro
28.11, Freitag, 21 Uhr, Scheune – Poetry Slam: Dead or Alive, Eintritt: 8,- Euro
Weitere Veranstaltungen in ganz Dresden unter: www.literatur-jetzt.de

Wenn das Dach nicht mehr hält

Irgendwann musste es ja mal passieren. Am vergangenen Sonntag ist auf der Görlitzer Straße ein Dachgiebel eingestürzt. Glücklicherweise waren gerade keine Passanten an dieser Stelle. Der Wirt des Dönerladens nebenan ist mit dem Schrecken davon gekommen. Den Steinhagel hätte er wahrscheinlich nicht überlebt.

Obwohl in den vergangenen Jahren ein großer Teil der Häuser in der Neustadt saniert wurde, gibt es noch einige Bruchkandidaten. Die Görlitzer Straße hieß bei Taxifahrern früher nur Görlitzer Allee, weil so viele Bäumchen in den Dachrinnen wuchsen. An einigen Häusern stehen heute noch Holzgerüste, die das Gemäuer halten sollen, doch manche verrotten vollkommen unkontrolliert vor sich hin.

So erging es auch dem Haus, dessen Dach am Sonntag auf die Straße stürzte. Die letzten Mieter sind schon vor Ewigkeiten ausgezogen, das Dach war undicht und die Mauern wurden langsam feucht. Irgendwann gaben die Steine dann nach.

Durch die herunterfallenden Steine wurden drei Autos beschädigt, die Halter können nur hoffen, dass der Eigentümer gut versichert ist. Die Polizei war schnell vor Ort, sperrte weiträumig ab. Eilig herbei gebrachte Gitter sollten zu mutige Neugierige vor Torheiten schützen. Doch damit nicht genug, die Zäune wurden die ganze Nacht von einem Polizeiwagen bewacht. Sehr zum Ärger der angrenzenden Kneipen, denn die mussten sich so an die Lärmschutzvorschriften halten und ab 22 Uhr Türen und Fenster verschließen.

Inzwischen steht ein Gerüst am Haus. Statiker und Bauprofis untersuchen das Haus und versuchen zu retten, was zu retten ist. Mancher Eigentümer versucht so, um die aufwendige Sanierung herumzukommen. Einfach ewig nichts am Haus tun, dann feststellen, dass eine Sanierung nicht mehr möglich ist. Und im Handumdrehen ist das alte Haus abgerissen und ein schicker Neubau ziert das Viertel, jetzt mit ein paar Etagen mehr und effektivem Grundriss.

Nun will ich das nicht jedem Hauseigentümer unterstellen, manchem fehlt vielleicht einfach das Geld, doch für die Sicherung des Daches sollte es schon reichen. Denn solch ein Zusammenbruch muss nicht immer so glimpflich ausgehen.

Von blauem Licht und grünen Wagen

blaulichtGrell blinken mich die Blaulichter auf der Lutherstraße an. Vier dunkelgrüne Einsatzwagen sind gerade eingebogen – Bundesgrenzschutz. Neugier macht sich breit, nichts wie hinterher. Die Gedanken überschlagen sich: Am Nachmittag gab es Fußball und Demonstrationen, gibt es wieder mal Krawall in der Neustadt. Die Wagen biegen von der Pulsnitzer vorsichtig in die Louisenstraße. Vor ein paar Jahren waren solche Fahrzeuge noch viel öfter hier unterwegs. Als irgendwelche bedepperten Glatzköpfe mitten in der Nacht das besetzte Haus in der Louisenstraße angriffen und mit fliegenden Flaschen begrüßt wurden. Damals war ich gerade mit dem Rad unterwegs und konnte das Treiben aus sicherer Entfernung beobachten. Die grünen Wagen kamen nach einer ganzen Weile angebraust, und der Pulk löste sich ziemlich schnell auf. Fünf Minuten lang heulten noch die Sirenen bis auch der letzte Neustädter seine Nachtruhe abgeschrieben hatte und eine ältere, leicht bekleidete Dame lautstark um Ruhe bat. Daraufhin zogen sie wieder ab.
Heute bin ich dichter dran, wäre beinahe aufgefahren, als die BGS-Truppe an der Kreuzung zur Rothenburger unvermittelt stoppt. In dem dichten Sonnabend-Verkehr aus Party-Suchenden und heimlichen Aus-der-Neustadt-Flüchtenden müssen auch die Beamten bremsen. Trotz der leuchtenden Signale. Denn noch immer drehen sich die Blaulichter auf den Dächern, und mir kommt ein leiser Verdacht. Wenn es wirklich ernst wäre, warum tönt dann kein Martinshorn. Kein Tatü-Tata, sie sind sehr leise unterwegs. Außerdem, meist sind solche Einsatztruppen aus anderen Städten, aus Chemnitz oder Leipzig. Und wirklich, nachdem der kleine Konvoi von der Rothenburger wieder auf die Bautzner Straße biegt, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Die haben sich einfach nur verfahren, keine Randale, keine Überfälle. Nur ein BGS-Trupp auf Abwegen.

Vorm Albertplatz stellen sie sich dann brav in die Schlange und ein Beifahrer blättert hektisch in einem Atlas. Über Schleichwege fahre ich zum Bahnhof Neustadt. Dort stelle ich fest, dass die grünen Neustadt-Besucher auch gerade ankommen und nun, nach erfolgreicher Mission, ihre Lichter ausschalten. Meldung an den Einsatzleiter: Die Neustadt ist zwar nicht ruhig, aber sehr friedlich.

Von Hausbesitzern und Hausbesetzern


Am Wochenende haben wieder mal ein paar Jugendliche Häuser besetzt. Mancher dachte schon, dieses Kapitel der Neustadt-Geschichte wäre seit ein paar Jahren endgültig geschlossen. Nun blüht er noch mal auf, der illegale und kriminelle Ruf der Neustadt. Ein Ruf, der schon vor über 15 Jahren entstanden ist und Manchen von der anderen Elbseite immer noch davon abhält, hier her zu kommen.
Hausbesetzungen haben in der Äußeren Neustadt eine lange Tradition. Schon zu Zeiten der strengen Kontrolle und Wohnungsknappheit in der DDR gab es hier die ersten Schwarzmieter. Meist waren es Studenten, die nicht in den Acht-Bett-Zimmern der Plattenbau-Wohnheime nächtigen wollten. Aber auch Künstler und Intellektuelle zog der verfallene und illegale Charme der Neustadt an.
Nach der Wende besetzten Jugendliche ganze Häuser, um darin zu wohnen, zu feiern und eine neue Revolution zu planen. Die Häuser auf dem Bischofsweg, der Louisen- und Lutherstraße waren berühmt und berüchtigt. Die Pläne sind gescheitert, die Häuser legalisiert, die Jugendlichen angepasst und die große Revolution wird eingestellt. Nadelstreifenträger haben die ganze Neustadt vermarktet. Die ganze – Nein noch gibt es Nischen, Nischen mit Mietergenossenschaften und begrünten Dächern, soziale Vereine und ein paar Kneipen, die nicht nur auf die Jungen, die Dynamischen und die Angepassten zugeschnitten sind.
Wahrscheinlich werden hier immer wieder Häuser besetzt, solange noch einige leer stehen. Die Neustadt zieht doch immer noch die kriminellen Elemente an.

Anmerkung 2007: Besetzungen haben weiter Tradition am 10. März war es mal wieder so weit.

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