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Von alten Kneipen
Am kommenden Sonnabend wird in der Äußeren Neustadt mal wieder ein Kneipenfest gefeiert. Jetzt schon zum neunten Mal. Früher hieß das mal Kneipen- und Kulturfest. Naja, die Kultur ist wohl auf der Strecke geblieben. Für mich aber mal ein guter Anlass einen genaueren Blick auf die Neustädter Kneipenlandschaft zu werfen. Die Straßen zwischen Albertplatz und Bischofsweg werden in fast jedem Reiseführer als Szene-Viertel geführt. Der Ursprung dessen liegt in den späten 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals bevölkerten wilde Studenten, Alternative, Langhaarige und Punks zunehmend die heruntergekommenen Altbauten. Und nach ersten geheimen Treffs in Wohnzimmern entstanden Ende 1989 die ersten Szene-Kneipen wie das Stillos im Hechtviertel, die Bronxx auf der Alaunstraße, das Tivoli auf der Louisenstraße oder das La Mitropa auf der Böhmischen. Herrliche Zeiten für Hobby-Wirte. Die DDR-Staatsmacht war zusammengebrochen und von der Einheit war noch nix zu spüren. Kein Hygiene-Amt, das kontrollierte, keine Steuereintreiber. Man konnte einfach ne leer stehende Wohnung besetzen, ein paar Tee-Kisten hineinstellen, wilde Graffitis an die Wände sprühen und fertig war die Kneipe. Doch auch damals schon gab es Gourmet-Tendenzen. Im La Mitropa beispielsweise standen zwar auch die obligatorischen Kisten vor besprühten Wänden, jedoch gab es sehr oft sehr leckeres Essen. Diesen Beitrag weiterlesen »
Von richtig alten Kneipen

Konzertklause
Von schwarzer Kohle und heißen Öfen
Hoppla, was landet denn da vor meinen Füßen? Mit reichlich Schwung ist soeben der Laster um die Ecke gebogen und hat einen Teil seiner Last verloren. Und diese rollte mir nun in ihrer ganzen schwarzen Pracht vor die Füße. Eine Kohle, manche mögen auch Brikett sagen, doch dafür ist sie zu klein. Nur was mag der Kohle-Laster in der Neustadt wollen, gibt es denn überhaupt noch Häuser mit Ofenheizung?
Es war vor etwas mehr als zehn Jahren, ich wohnte in der damaligen Otto-Buchwitz heute Königsbrücker Straße, der größte Teil der Neustadt wurde noch mit Briketts befeuert. Und die großzügige Jugendstilwohnung verfügte über mehrere Kachelöfen und sogar einen Badeofen. Der war recht einfach zu bedienen. Mit Zeitungspapier und trockenem Holz ordentlich anfeuern, dann zwei bis drei große Briketts drauf und nach einer kleinen Weile die Lüftungsklappe schließen. So eingeheizt erwärmte das gute Stück Badewasser für mindestens zwei Personen. Nur leider war der reinigende Effekt des Bades mit dem Entsorgen der Asche wieder dahin.
Äußerst praktisch war auch das im Hausflurboden angebrachte Kellerloch. Falls wir uns den Luxus leisteten Kohlen zu bestellen, konnten die mit etwas Geschick ohne großes Geschaufel in den Keller bugsiert werden. Doch viel romantischer und vor allem billiger waren meine damaligen Streifzüge durch leerstehende Häuser und deren Keller. In den meisten waren noch riesige Kohle-Vorräte, die offensichtlich niemand mehr nutzen wollte. Bewaffnet mit Leiterwagen und Schaufel zogen wir damals im Schutz der Nacht auf Pirsch und leerten so manchen schummrigen Keller.
All dies fällt mir jetzt im Anblick der rollenden schwarzen Kohle wieder ein, doch noch immer frag ich mich, wo denn noch ein Haus steht, dass tatsächlich noch befeuert wird. Die Antwort werde ich erst später, am Abend, finden. Denn im Hebedas werde ich mich gemütlich an den warmen Kachelofen kuscheln, den der fleißige Kellner bereits am Nachmittag angeheizt hat.
Von neuen Feiern und alten Räumen
Mitternacht war schon vorüber. Die vollen Kneipen der Neustadt hatte ich links liegen gelassen. Ich folgte einem sogenannten Insider-Tipp. Am Nachmittag hatte mir ein Bekannter erzählt, dass heute in dem ehemaligen Malerladen wieder eine wilde Party steigen würde. Schon vor einigen Wochen war ich auf dieses kleine Ecklädchen aufmerksam geworden, tagsüber verhält es sich meist still und unauffällig, doch an manchem Wochenende erwacht hier das Leben.
Inzwischen bin ich angekommen und stoße mit Mühe die Tür auf. Ein dichter Schwaden aus Alkohol und Zigarettenqualm empfängt mich. Der Duft von frischen Fettbemmchen steigt mir in die Nase und meine Brille zeigt noch immer das übliche Winterverhalten, sie beschlägt. Der kluge Brillenträger baut vor und ich habe für solche Gelegenheiten immer ein kleines Taschentuch parat. Binnen weniger Sekunden kann ich alles haarscharf sehen. Es scheint als wäre ich in einem Hinterzimmer gelandet, neben mir ein Büfett mit den Fettbemmchen und einigen Salaten, in einer Ecke verschiedene Kästen mit Bier. Selbstbedienung ist angesagt.
Männlich ausgestattet mit Zigarette und Bier kämpfe ich mich durch das Menschenknäuel bis vor mir ein fast leerer Raum auftaucht. Laute, rockige Klänge schlagen an mein Ohr und ein ziemlich kräftiger Mann dreht sich hingebungsvoll im Kreise. Ich habe die Tanzfläche erreicht, zu späterer Stunde wird sie ihrem Namen noch alle Ehre machen.
Hinter dem einsamen Tänzer zeichnet sich das DJ-Pult und der Disc-Jockey lümmelt lässig in einem Sessel und wiegt im Rhythmus mit.
Ich suche mir ein freies Fleckchen an einer Wand und beobachte die Leute. Zeitweilig fühle ich mich um rund zehn Jahre zurück versetzt. Das Flair und die Menschen hier ähneln den Anfangsjahren des Szene-Viertels äußerst stark. Lederjacken und zerschlissene Jeans dominieren die Kleiderordnung. Die Gespräche drehen sich um Musik und Biersorten.
Der DJ wechselt die Musik, lateinamerikanische Klänge und prompt stürmen die Mädchen auf die jetzt zu Recht so genannte Tanzfläche. Die Illusion zerplatzt mir wie eine Seifenblase. Auf dem Heimweg auf der Louisenstraße, vor mir steigen zwei elegante Herren aus ihrer schwäbischen Luxuskarosse. Der eine fragt halblaut, ob das jetzt hier das Szene-Viertel wäre. Nein, denke ich, nicht mehr. Und wenn doch dann wirst Du es nicht finden.






