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Von der Wehmut
Zisch. Mit diesem Geräusch verabschiedet sich der Kerzenschein von unserem Tisch. Nun ist es zwar nicht dunkler, aber wahrscheinlich ungemütlicher. Eine neue Kerze bekommen wir nicht mehr, wir haben immerhin schon bezahlt und meine Begleiterin will das Lokal auch schnell verlassen. Dafür hat sie auch einen guten Grund. Schlechtes Gewissen, weil sie die Suppe nicht mal annähernd zur Hälfte geleert hat. Und der Wirt im brasilianischen Restaurant zweifelt nun an den Künsten seiner Köchin, dabei war einfach nur die Portion zu groß. Aber das klingt zu sehr nach einer höflichen Ausrede. Die peinliche Situation erlosch mit der Kerze, denn für uns war das ganz klar das Zeichen zum Aufbruch. Jetzt noch schnell ein Bier. Leichter gesagt als getrunken.
Irgendwie hat sich die Neustadt verändert in den vergangenen Wochen. Mir fehlte die Lust an nächtlichen Streifzügen und fern lag es mir kleine, niedliche Geschichten zu schreiben, während sich nur wenige Meter entfernt Kummer und Sorgen breit machen. Und, ehrlich gesagt, all zu viel ist in der Neustadt auch nicht passiert. Die Wirte, die schon immer klagten, jammern noch ein bisschen lauter und anderswo waren die Lokale trotz Katastrophenalarm gut gefüllt.
Aber irgendwas ist anders. Erstaunlich viele Türen blieben mir verschlossen, möglicherweise lag es am späten Sonntag Abend, doch verglichen mit den Wochenenden im Juli scheint mir die Neustadt sehr ruhig und leer. Dahinein passt auch das Ende eines hübschen Kapitels Neustädter Geschichte. Das französische Restaurant auf der Alaunstraße, das La Vie en Rose, hat seit August seine Pforten geschlossen. Auf weißem Papier danken die Betreiber noch einmal ihren Gästen und mich beschleicht ein wenig die Wehmut. Lecker war es immer und auf der Terrasse konnte man so herrlich das Treiben im benachbarten italienischen Restaurant beobachten. Also auch unter dieser Adresse heute kein Wein und Gesang, mürrisch sagte ich meiner Begleitung und dem Sonntag Lebwohl und wollte von der ganzen Neustadt nichts mehr wissen.
Doch normalerweise folgen auf solche Abende stets ganz andere, bereits am Montag musste ich staunend feststellen, dass die Menschen schon wieder scharenweise durchs Viertel strömen und in diversen Biergärten kaum noch Sitzgelegenheiten frei waren. Das vergnügliche Treiben geht also weiter und die nächste Kerze wird von einer fixen Kellnerin angezündet, doch das ist dann wohl schon wieder ein ganz andere Geschichte.
Von leeren Straßen und einer vollen Kneipe
Tiefschwarz und leer wie ein Höllenschlund in einem überdrehten Science-Fiction-Film liegt sie da. Die Autos, sonst dicht gedrängt im Halteverbot parkend, sind geflüchtet. Ein eisiger Wind weht durch die Görlitzer Straße, die Fahnen am La vie en Rose flattern hoffnungslos. Es ist Weihnachten in der Neustadt, die Bewohner sind fast alle verschwunden, ausgeflogen, zu Eltern und Onkeln, zu Tanten und Christstollen, heim zum Gänsebraten mit Rotkraut, wer kann schon mit Traditionen brechen. Und keiner feiert hier, soll das Szene-Viertel zum Fest der Liebe ganz allein bleiben, arme Neustadt.
Noch am Vormittag des 24. gab es geschäftiges Treiben, der Geschenke-Kauf-Rausch, pausenlos treffe ich bekannte Gesichter auf der Straße, alle in Eile und mit dicken Taschen unterwegs, im Konsum auf der Alaunstraße treffen sich die Hiergebliebenen. Ich höre von gemütlichen Feiern im kleinen Kreis: „Komm doch mal vorbei.“ Gut zu wissen, dass nicht alle verschwinden. Selbst noch auf Geschenksuche streife ich durch die Plattenläden, im Hard Wax auf der Rothenburger Straße überfällt mich wieder der typische Weihnachtsduft. „Kann ich Dir irgendwie helfen, oder willste vielleicht ein Stück Stollen – Kaffee?” So viel Kundenfreundlichkeit überrascht mich dann doch, hier hat das Fest seine Bestimmung gefunden, Gemütlichkeit, gepaart mit angenehmer Musik. So bezaubert irre ich weiter durch die Straßen der Neustadt.
Doch mit der einsetzende Dunkelheit wird es immer leerer und mitten in der Nacht dann das: Der Wind pustet abgerissene Plakatstückchen vor sich her. Zu gruselig für meinen Geschmack.
Also biege ich in die Louisenstraße ein. Dort finde ich einen Ort pulsierenden Lebens. Im Heavy Duty ist der Teufel los. Harter Rock dringt aus den Boxen, der Zigarettenqualm erschwert die Sicht. Schwere Jungs mit langen Haaren und Bärte lümmeln am Tresen. Es wird gefeiert, nein nicht Weihnachten, heute hat Lemmy Geburtstag. Lemmy ist der Sänger der Kult-Band Motörhead. Grund genug für all die Rocker, heftig zu saufen. Tequilla, brauner Rum und Bier, Gläser klirren, ab und zu fällt eins zu Boden. Hier wird gelebt bis in die frühen Morgenstunden, wenn die harten Burschen einsam wankend den Heimweg antreten.
Die nächsten Tage sind hart, die Neustadt bleibt leer, Parkplätze im Überfluss. Vorbereitungen laufen an, für die große Party. Silvester steht vor der Tür. Die Neustädter Kneipen sind gewappnet. Spätestens dann wird es hier wieder voll und alle sind wieder da.



