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BRN 2008 Fazit
Nun ist sie also wieder vorbei. Der Sonntag hat ja immer so eine Art Versöhnungsfunktion, nachdem man sich über den zu vollen und zu lauten Sonnabend geärgert hat. Aber so schlimm war es diesmal gar nicht, vor allem wegen folgenden Sätzen: “Wenige Stunden vor Ende der diesjährigen Bunten Republik Neustadt (BRN) können wir ein positives Fazit ziehen. Es blieb friedlich. Die Kooperation der Veranstalter mit Stadt und Polizei trug entscheidend dazu bei.” Der dies gesagt hat, ist der leitende Polizeidirektor Horst Zimmermann. Und das bei geschätzten 100.000 Besuchern. Diesen Beitrag weiterlesen »
BRN – Der erste Abend
Die wichtigste Nachricht vorweg: Es ist friedlich geblieben. Die Polizei hat nur ein paar einzelne Radaubrüder festgenommen. Der deeskalierende Regen hat offenbar wieder mal seine Wirkung gezeigt.
Musste eigentlich erst die BRN kommen, damit wir in Dresden einen Tunnel kriegen? Von der Böhmischen Straße 32 geht es dank beleuchtetem Tunnel blitzschnell zum Lustgarten, wetterfest und beleuchtet, daran sollten sich die Elbüberquerstrategen mal ein Beispiel nehmen.
Ansonsten sind mir so ein paar Kleinigkeiten aufgefallen, zum Beispiel das aus dem Gelbfüssler auf der Alaunstraße jetzt eine Ampel geworden ist, und das in die Räume der ehemaligen Galerie am Alaunplatz jetzt ein Laden namens Treibgut eingezogen ist. Darüber hinaus füllte sich die BRN nur langsam, erst in den Abendstunden war wieder das gewohnte Treiben zu erkennen. Mal sehen, was die restlichen zwei Tage so bringen.
Bunte Nachbarschaft 2008
Die Bunte Republik steht unmittelbar bevor. Das war heute zwischen 16 und 18 Uhr wieder ganz deutlich zu hören und zu sehen. Denn mit fröhlichen Klängen zog der Büger Courage e.V. wieder durch die Straßen der Neustadt.
Das Ziel der Aktion, die schon zum vierten Mal statt findet: An jedes Fenster soll ein »persönliches Statement« angebracht werden. Damit die Neustadt ein buntes Zeichen gegen Gewalt, rechtsextremistisches Denken und und vor allem gegen den Alltagsrassismus setzt.

Am Straßenrand immer das gleiche Bild. Menschen an ihren Fenstern, erst neugierig ob des Krachs, dann begeistert. Nicht wenige nehmen die Transparente an, auch wenn es nicht immer einfach ist, diese zu fangen.

Prominente Begleiter bei dem Umzug: OB-Kandidatin Eva Jähnigen, die dann aber schnell zurück musste zu ihrem Info-Stand vor der Scheune und OB-Kandidat Friedrich Boltz samt scharzem Schaf. Hier geht es zum Video.
Bunte Republik Neustadt 2008 – Programm

Sehr übersichtlich, fast vollständig und mit Insiderkenntnissen gemacht. Erich hat sich sehr viel Mühe gegeben und das ist dabei heraus gekommen: BRN-Programm 2008
Wer zu den Terminen immer noch ein paar Links zu den Bands haben möchte, muss mit der nicht ganz so übersichtlichen Seite von mir vorliebnehmen.
Übrigens, hier zum nachlesen. So war es 1999.
Bunte Republik Neustadt

Zur Einstimmung
Von traurigen Melodien und lustigen Musikern
Wehmütig ziehen die Klänge durch den Hof in der Katharinenstraße. Der Akkordeon-Spieler lässt sein Instrument die Melodie einer Mafia-Saga seufzen. Der Bassist scheint fast eingeschlafen, doch schafft er es trotzdem immer noch rechtzeitig die Saiten zu zupfen. Am Keyboard, der Entertainer der Band, er hofft auf ein Ende des Liedes, doch immer als er es endlich verkünden will, beginnt das Akkordeon von neuem. Die Zuschauer sind entzückt, nur ein Hund jault von irgendwo.
Mir geht es prächtig. In der Hand einen großer Becher Pfirsichsaft stehe ich im Hof der Groovestation mit vielleicht zwanzig weiteren Kulturinteressierten, auf der kleinen Bühne spielen Robert & TheRoboters, wohl eine der beliebtesten Neustädter Bands. Und ich kann jetzt gegen Ende dieser doch recht anstrengenden Bunten Republik endlich etwas entspannen.
Stundenlang bin ich an den vergangenen Tagen hin- und hergelaufen, ständig erreichten mich Tipps, was ich mir unbedingt noch ansehen müsste. Da ich dies versuchte und aber auch gleichzeitig möglichst viele Freunde und Bekannte treffen wollte, gesellten sich zum Umherlaufen noch zwei weitere Tätigkeiten: Warten und Telefonieren.
Letzteres konnte ich ziemlich häufig auch bei anderen Besuchern beobachten. Im Laufe des Abends war ich dazu übergegangen, die Ortsbeschreibungen zu präzisieren. Denn die Aussage „stehe an der Alaun-/Ecke Louisenstraße“ hätten ungefähr 200 Personen treffen können, also verzierte ich meine Ortsangabe mit dem Zusatz „Mitte der Kreuzung“. Solche präzisen Angaben führten zwar in der Regel dazu, dass ich alle Leute treffen konnte, aber die Begegnungen waren meist nicht von langer Dauer, da immer wieder jemand im Gewühl unterging. Der Treffpunkt an der Alaunstraße hatte auch den Vorteil, dass ich dort über einen längeren Zeitraum einer ziemlich bekannten Neustädter Band lauschen konnte. Die waren so lustig drauf, dass sogar die traurige Melodie einer Mafia-Saga irgendwie fröhlich klang. Na klar, auch am Sonnabend spielten die Roboter, hier allerdings ohne Akkordeon. Dieses Instrument haben sie jetzt auch beiseite gelegt und ein Zuschauer ruft auch gleich nach schnelleren und lauteren Tönen. Das wird mir zu viel, glücklicherweise ist der Pfirsichsaft geleert und ich kann diesen lauten und unruhigen Ort verlassen. Insgeheim wünsche ich mir für die nächste Bunte Republik ein bisschen mehr Gemütlichkeit.
Von geplanter Vorsicht und spontaner Nachsicht
Da ist er wieder. Mist. Auch heute gelingt es mir wieder nicht, mich an ihm vorbei zu schmuggeln. Mein Hausmeister, heute ist er damit beschäftigt, hässliche Graffiti der vergangenen Nacht an der Hauswand zu übertünchen und wie immer muss er mir auch heute wieder ein Gespräch aufs Auge drücken. „Na, denken Sie dran, am Wochenende ihr Auto außerhalb zu parken.“ Logisch, es ist doch Bunte Republik und da geht es in der Neustadt immer ein bisschen drunter und drüber, aber er ist immerhin die Vorsicht in Person und dafür hat er auch seine Gründe. „Voriges Jahr hat ja hier die halbe Straße gebrannt.“
Falsch, denke ich und muss dann doch was sagen: „Nee, das war vor zwei Jahren, da hab ich doch selber noch gelöscht.“ Das war ein Fehler, denn jetzt kann ich nicht mehr einfach weitergehen, immerhin bin ich auf sein Gesprächsangebot eingegangen. Also erzählt er mir, dass diese Chaoten schon seit zehn Jahren immer im Juni die Neustadt verwüsten würden. Er denkt wahrscheinlich immer noch, dass ich erst in der Neustadt wohne, seit ich in dem von ihm betreuten Hause Mieter bin. Zaghaft werfe ich ein, dass es die BRN schon viel länger gibt und dass es auch nicht in jedem Jahr Krawalle oder Randale gab. Er wehrt ab und verweist auf die unglaubliche Lautstärke des Festes. Jetzt wäre eigentlich ´ne prima Gelegenheit, mich bei ihm zu beschweren, denn immerhin hat er mitsamt Familie mir den Sonntag Abend zur Hölle gemacht. Beim Grillfest im Garten dröhnten die Schlager so laut, dass ich mich beim besten Willen nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren konnte. Aber er lässt mich ja nicht zu Wort kommen, jetzt erzählt er von der Polizei und dass die ihn vor zwei Jahren gar nicht nach Hause lassen wollte. Er hätte sich aber so aufgeregt, dass die Beamten schließlich klein beigegeben hätten. Das wiederum glaube ich ihm aufs Wort. Wahrscheinlich haben die ihn sogar ganz schnell weitergeschickt, weil er ihnen mit seinem Geschwätz auf die Nerven ging.
Irgendwie schaffe ich es dann doch, mich loszureißen, als ich später die Straße entlang bummele, beschließe ich, ihm sein aufdringliches Verhalten nach zu sehen. Immerhin ist er so was wie ein Neustädter Original und ich nur der Zugezogene.
Von kleinen Unwahrheiten und großen Märchen
Es war einmal ein friedlicher kleiner Stadtteil. Jahr für Jahr versammelten sich die Bewohner zu einem Feste. Gesetze wurden gemacht, Geld eingeführt und jeder Bürger bekam einen Pass. Jeder soll Spaß haben und kräftig feiern. Jahr für Jahr wurden die Feierlichkeiten größer und lauter.
Eines schönen Tages trat ein preußischer Junker auf den Plan und verkündet, dass dieser kleine Stadtteil zu Höherem geschaffen sei. Von diesem Tage an nahm er die Organisation des Festes in die Hand, und es wurde noch größer und noch lauter. Die Bewohner des Stadtteils blieben weg, dafür kamen aber viele andere aus der Stadt und den Provinzen. Anno 2000 waren es über 100 000, die sich Alkohol, Bratwurst und Vergnügen hingaben. Ein Jahr später kamen noch mehr, der kleine Stadtteil quoll förmlich über. Zufrieden schritt der preußische Junker mit seinen Rittern durch die geschmückten Straßen. Bunte Stände boten allerlei Waren feil und Musikanten aus den angrenzenden Ländern sorgten für Unterhaltung. Duft von Gegrilltem und Verbranntem durchzog die engen Gassen des Viertels.
Nur hatte der Junker die Rechnung ohne den bösen Wolf gemacht. Am Sonntag des Festes stürmte er mit seinen grünen Jägern mitten in die Festgesellschaft. Die schlugen wahllos auf die Besucher ein, um dem fröhlichen Treiben ein schnelles Ende zu setzen. Tags darauf waren schlimme Bilder im ganzen Land zu sehen. Jeder musste denken, dass der kleine Stadtteil voller unfolgsamer Bürger war, die unerlaubt Feuerwälle auf ihren Straßen und Gassen errichteten, um den Wolf zu ärgern.
Der Junker, der für das Fest verantwortlich war, hatte die Nase voll und sagte, dass er nie wieder für die Bürger des Stadtteils etwas organisieren wolle und verließ das Festkomitee. Aufgebrachte Bürger setzten sich zusammen und versuchten zu ergründen, warum das sonst so friedliche Fest plötzlich so brutal geworden war. Auch der Wolf versprach Aufklärung, die Prügeleien der Jäger sollten untersucht werden. Viel wurde geredet und es wurde vertagt. Bis Anno 2002, da packten endlich einige Beiräte des kleinen Stadtteils den Mantel aus, den Mantel des Schweigens, der so groß war, dass alles darunter passte, auch die noch immer aufgebrachten Bürger. Der preußische Junker ist immer noch Vorsitzender des Festkomitees und schwingt wieder Reden und die Rufe nach Aufklärung wurden immer leiser und leiser. Es gibt ja viel zu verteilen und viel zu verdienen bei diesem Fest. Und wie heißt es so schön bei jedem Märchen: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kehren sie noch heute – und zwar unter die Gehsteige der Neustadt.




