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Kleine Beobachtung am Rande
Manchmal bin ich ein wenig stolz auf mich. Wenn es mir zum Beispiel gelingt allen Mut zusammenzureißen und trotz ekligstem Herbstwetter meine gut geheizte Wohnung zu verlassen. Wie groß dieser Mut, vielleicht sollte man auch von Übermut sprechen, wirklich ist, zeigt ein Blick auf die Straßen. Louisen- und Alaunstraße, sonst ein Tummelplatz für kleine und große Gruppen vergnügungssüchtiger Menschen, sind leergefegt. Also ob der Herbstwind nicht nur Blätter, sondern auch Menschen verwehen könnte. Apropos Blätter, in der Neustadt fliegen normalerweise nicht die üblichen gelben und roten Blätter von Kastanie, Eiche oder Linde. Nein hier fliegen vor allem giftgrüne und schreiend blaue Blätter, normalerweise im handlichen Format. Die heute hier nicht vorhandenen Menschen würde schlau von Flyern sprechen, die normalerweise von emsigen Verteiler-Trupps unter Schweibenwischer geklemmt werden. Doch heute nicht, der Wind ist zu stark und reißt die bunten Fetzelchen von den Autos und klatscht mir eines davon mitten ins Gesicht.
Nun, sich empören hat keinen Zweck. Weit und breit kein Mensch, dem ich Schuld zuweisen könnte. Also schlucke ich den Ärger hinunter und kratze mir das in diesem Falle überwiegend rote Blatt aus dem Gesicht. Nachdem auch die Brille wieder sauber ist, versuche ich die Botschaft zu lesen. „Die besten Weihnachtspartys. Bestell jetzt Deine Karten!“ Hm, hat mir der Wind den Verstand vernebelt, nein. Das wäre unlogisch. Also nochmal und tatsächlich über den fetten Lettern ist auch noch eine leicht bekleidete Weihnachstmännin zu erkennen. Ich wende den leicht aufgeweichten Zettel hin und her, eine Internet-Adresse ist auch angegeben, kein Hinweis auf einen Joke. Die machen also echt schon im September Weihnachtswerbung. Mir huscht ein Lächeln übers Gesicht, der Ärger über die böse Klatsche ist fast vergessen und der Regen hat auch nach gelassen. Doch der Wind braust weiter. Höchste Zeit mal wieder im Blue Note einzukehren. Nachdem ich vor einiger Zeit geschrieben hatte, dass dies meine Lieblingskneipe bei regnerischem Wetter ist, muss ich mir vom Wirt immer Sprüche anhören, ob´s denn mal wieder regnet und das dies schon lange nicht der Fall gewesen sei. Aber egal, wenigstens wird hier wohl kein leicht bekleideter Weihnachtsmann lauern.
Von feuchten Tropfen und einer beschlagenen Brille
Es ist einer dieser unmöglichen Abende. Statt sommerlicher Temperaturen ist es ungemütlich kalt und ein feiner Nieselregen vermiest Spaziergängern die Tour durch die Neustadt. Trotzdem sind wieder viel Menschen auf Alaun- und Louisenstraße unterwegs. Meist pilgern sie in kleinen Grüppchen, immer auf der Suche nach einem hübschen Lokal mit freien Plätzen.
Neuerdings herrscht besonders vor dem Schwalbennest ein großer Andrang. An besseren Abenden, also solchen ohne Regen, bleiben die Passanten gern an der Kreuzung stehen und beobachten die Rekel-Künste der leicht bekleideten Damen im Obergeschoss. Gogo-Tänzerinnen, die sich zum dumpfen Beat bewegen. Doch heute steht keiner und guckt, dafür herrscht am Eingang Gedränge. Dort wechseln sich die ab, die schon einen Blick ins Lokal geworfen haben und nach verzweifelter Suche keinen Platz gefunden haben mit jenen, die eben erst hereinkommen und noch frohen Mutes sind.
Ich weiß es besser und unternehme gar nicht erst den Versuch, obwohl ein einzelner Platz am Tresen sicher frei wäre. Doch bei Regen suche ich immer die kleinen verrauchten Kneipen. Hier wäre es mir viel zu hell und zu fröhlich. Bei einem solchen Wetter brauche ich einen gemütlichen Platz mit düsterer Stimmung. Auf der Louisenstraße stehen vor einem Café noch Tische und Stühle draußen, ob der Wirt glaubt, dass sich jemand freiwillig in den Regen stellt? Aber nein, drinnen ist es so voll, dass die Kellnerinnen vermutlich noch nicht dazu gekommen sind, das Mobiliar wegzuräumen.
Einige Unverdrossene stört auch der Regen nicht. Laut schmatzend stehen sie vorm Istanbul, den warmen Döner in der Hand. Um die Ecke habe ich mein Ziel erreicht. Das Blue Note hat den richtigen Charme für einen verregneten Abend.
Nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen habe, will es mir scheinen, als ob die Kneipe heute besonders verraucht ist. Aber es ist nur meine Brille, die durch den plötzlichen Klima-Wechsel beschlagen ist. Ein paar Minuten später sehe ich schon wieder genug, um einen freien Platz am Tresen zu entdecken. Sämtliche Schlecht-Wetter-Laune fällt von mir ab und Entspannung naht. Ein Bier, bitte!
Von Inter-Nudeln und einem Damenrad
Applaus. Die Gäste im Blue Note sind begeistert. Soeben sind die letzten Akkorde einer russischen Ballade verklungen. Die Herren Musiker deuten eine Verneigung an. Mischa stellt das Saxophon zur Seite. Viktor streift das Akkordeon von der Schulter und Juri, der Graubart, legt die Sticks sorgfältig aufs Schlagzeug, greuft zum Teee und nippt genüsslich daran. Währenddessen ist Mirko, der Barkeeper, herumgegangen und hat Geld gesammelt.
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Von lauen Filmen und heißen Diskussionen
Die Abende sind lang im Blue Note. Rauchschwaden hängen in der Luft. Traurig tönt die Mundharmonika aus den Boxen. Mario, der Barkeeper, kurzhaarig und tätowiert, hat eine Filmmusik eingelegt. „Spiel mir das Lied vom Tod.“ – Der Western schlechthin.
Zu vorgerückter Stunde treffen sich die Nachtarbeiter in der verräucherten Bar auf der Görlitzer Straße. Angeregt von Musik und Whiskey beginnen sie zu diskutieren. Auf der einen Seite argumentiert Mirko, ebenfalls kurzhaarig, ebenfalls tätowiert und einer der Chefs der Bar. Auf der anderen gestikuliert Franz, bärtiger Koch aus Leidenschaft. Dazwischen sitzen eine Frau und ein Autor, beide schweigen amüsiert.
Mirko setzt das Glas ab, leise polternd. Dann sagt er mit dem Brustton tiefer Überzeugung zu der Frau: „In dreißig Jahren ist ‘Titanic’ ein Klassiker.“ Das schreit nach Einspruch, der kommt prompt von Franz, der weiß was Klassiker sind und sagt es auch. Worte fallen und Widerworte. Casablanca, Schmachtfetzen, Panzerkreuzer Potjomkin, Steven Spielberg, Orson Welles, die beiden letzteren sind Filmemacher, ziemlich verschiedene. Der Rest der Kneipe lauscht belustigt den beiden Streithähnen, die zunehmend lauter werden.
Nebenbei höre ich noch eine Geschichte von Schweden, die russische Zigaretten in der Planwirtschaft vergaßen, oder andersrum, egal. Der Wortschwall scheint über zu schwappen, bis Mario, der Mann hinterm Tresen, die Nase voll hat. Er dreht am Lautstärkeregler und wechselt die Musik. Die Diskussion stirbt im einsetzenden Rock`n`Roll und eine neue Runde Whiskey ist fällig.





