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Sind die Grünen jetzt FDP?

Was ist denn das? Mit nem riesigen Schild direkt vor der Ampel wird dem rasanten Autofahrer vermittelt, dass “Grün” sei, er also auf die Tube drücken kann. Normalerweise ist doch die FDP (siehe Ausbaupläne Königsbrücker Straße und Stauffenbergallee) der Freund der Autofahrer. Wollen die “Grünen” jetzt auch noch deren Wähler gewinnen?
In meinem Fall folgte an der Ampel dem grünen Schild das gelbe und dann ziemlich plötzlich das rote Licht. Dank einer Vollbremsung überlebten die querenden Fußgänger. Der Abrieb an meine Reifen hat sicherlich die Feinstaub-Belastung an dieser Stelle um etliche Prozente nach oben getrieben. Irgendwie ungrün.,
Von rauen Randalierern und frustrierten Polizisten
Wir hetzen zur Königsbrücker Straße. Nichts zu sehen. „So weit können sie eigentlich noch nicht sein, vielleicht an der Haltestelle.“ Dort sind zwar ein paar Jugendliche, aber die von uns gesuchten nicht. Schade, meint der junge Mann, wir eilen zum Tatort zurück, denn inzwischen ist die Polizei angekommen. „Sind Sie der Zeuge?“ Der Polizist, er ist vielleicht Mitte 30 und in seinem Element: „Kommen Sie mal in den Wagen, wir müssen ein Protokoll aufnehmen“.
Der junge Mann verschwindet im Polizei-Auto, für mich bleibt Zeit den Schaden zu begutachten. Auf der vorangegangen erfolglosen Verfolgungsjagd hatte mir der junge Mann, ich hab nicht einmal nach seinem Namen gefragt, erzählt, was passiert war. Zwei dreiste Burschen, möglicherweise betrunken, waren nur so zum Spaß über die Dächer der am Straßenrand geparkten Autos gesprungen. Dummerweise gab es dabei nicht nur die eine oder andere Beule, bei meinem Auto splitterte die Heckscheibe unter den Tritten des Übeltäters.♦John Travolta, der Schauspieler, hat in einem Film sinngemäß mal gesagt, dass ein Mann der sich am Wagen eines anderen Mannes vergeht, das wohl Feigeste sei, was er sich vorstellen könnte. An diesem Abend möchte ich ihm uneingeschränkt recht geben. Nichts gegen ein bisschen Spaß am Leben, aber wenn man Mist baut, sollte man auch dazu stehen und nicht einfach auf die billige Tour die Kurve kratzen.
Der Polizist hat inzwischen die Ermittlungen am Tatort aufgenommen. Erst fotografiert er den Wagen von verschiedenen Seiten, dann nimmt er mit einer Spezialfolie den Schuhabdruck von der Kofferhaube ab. Viel verspricht er sich nicht davon. „Wenn Sie uns den dazu passenden Schuh, mit dem dazugehörigen Fuß liefern, dann kriegen wir auch den Kerl.“ Sein Humor klingt bitter. “Denn dann müssen wir nur nach nem Einbeinigen suchen.” Dennoch macht er die Arbeit genau und lässt sich auch nicht von neugierigen Passanten stören.
Die Zeugen-Vernehmung ist beendet, dankend drücke ich dem jungen Mann noch einmal die Hand, dann werde ich befragt. So langsam verstehe ich den Frust des Polizisten. Als ich vorsichtig nachfrage, wie es denn aussieht, ob der Täter vielleicht gefasst wird, platzt es aus ihm raus. Bis zu 20 Sachbeschädigungen haben sie in der Neustadt pro Abend und falls mal einer gefasst wird, verurteilt würde dann doch keiner.
Inzwischen hat meine Nachbarin mitgeholfen den Wagen provisorisch mit einer Folie abzudecken, für den Rest der Nacht kann ich das Auto in einem Hof abstellen und ich denke jetzt ernsthaft darüber nach, eine Garage zu mieten.
Keine Reifen mehr oder ein Rückblick
Zugereisten und eingefleischten Altstädter gegenüber lobe ich gern die Vorzüge der Äußeren Neustadt. Einer dieser Vorzüge ist sicherlich die hohe Dichte an kleinen Läden und Dienstleistern. So kann ich zu Fuß hervorragend wichtige Einrichtungen erreichen. Schlüsseldienst und Messerschleifer sind in der Nähe, eine Wäscherei nicht weit, diverse Autowerkstätten, die Liste könnte endlos fortgeführt werden.
Doch nun wurde meinem persönlichen Wohlbefinden ein tiefer Stich versetzt. Der Reifenhändler Geneuß verkauft nicht mehr. Keine hübschen Reifenstapel dekorieren die Kreuzung zwischen Louisen- und Alaunstraße. Die Bohr- und Schraubgeräusche sind verschwunden. Stille, eisige Stille und ein kleiner Zettel. Reifen können Sie ab sofort in unserer Filiale am Ende der Welt kaufen. Gut, ich will fair bleiben, vom Ende der Welt stand da nix. Aber auf jeden Fall ein Straßenname, der deutlich signalisierte: ganz weit weg. Jetzt ist es ruhig an der einst so belebten Ecke. Solange ich denken kann, war hier der Reifenhändler. Hier gab es aber nicht nur die für Autos so wichtigen Gummi-Überzieher, sondern auch heiße Partys zu diversen Neustadt-Festen.
Mit einem bisschen Wehmut denke ich an meinen letzten Reifenkauf. Das Reserverad brauchte dringend einen neuen Mantel. Beim Ausladen geschah das Unvermeidliche, eine dicke schwarze Schicht überzog meine Hände. Kein Problem, extra für diese Gelegenheit gab es dort ein kleines Waschbecken. Also fix abgeschrubbt und mit dem nagelneuen Reserverad in den Urlaub gedüst. Dann, weit entfernt von der Heimat, fiel mir auf, dass meine Uhr fehlt. Liegengelassen am Waschbecken. Ich bin mir sicher, in jeder anderen Werkstatt wäre das gute Stück einfach verschollen. Nicht so beim Neustädter Reifenhändler. Eine Freundin konnte die Uhr am nächsten Tag problemlos abholen.
Es sind solche kleinen Geschichten, die mir die Neustädter Betriebe so ans Herz wachsen lassen. Umso trauriger, dass die Werkstatt jetzt schließen musste. Einziger Trost, der Auto-Klempner um die Ecke bietet auch Reifen an.
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Anmerkung 2006: An der Ecke ist inzwischen eine recht beliebte Feierstelle entstanden: Katy´s Garage
Löcher in der Straße oder ein Stadtteil versackt
Einfach abgesackt, weggerutscht. Ein neues Loch ist entstanden. Mitten auf dem Martin-Luther-Platz sind mehrere Pflastersteine etwa 30 Zentimeter nach unten gesackt. Rot-weiße Warnbaken markieren die Katastrophen-Stelle. Ein dickes Loch prangt dort, wo früher Straße war.
Dass man in der Neustadt hervorragend versacken kann, müsste eigentlich klar sein, diverse Kneipen locken mit hochprozentigen Getränken. Und nach reichlichem Genuss bleibt der eine oder andere Alkohol-Liebhaber schon mal unterm Tisch liegen. Doch dass neuerdings auch Pflastersteine versacken, ist schon ein ziemlich starkes Stück. Dabei ist das Vorkommnis am Martin-Luther-Platz nicht das erste seiner Art. Vor reichlich einem Jahr haben sich auf der Schönfelder Straße schon einmal ein paar Steinchen in den Untergrund verabschiedet. Damals reagierte das Straßenbauamt wesentlich drastischer. Zur Strafe wurde die halbe Straße gesperrt. Rote Karte, zwei Wochen Pause, keine Autos, keine LKW, die übrigen Steine der Straße wurden in einer Art Sippenhaft gleich mit bestraft.
Nach Ablauf der Sperrfrist wurden die Übeltäter aus ihrer Tieflage befreit, neuer Sand im Untergrund sollte weiteres Absacken verhindern, bis heute erfolgreich. Stellt sich nun die Frage ob, die Abrutsch-Aktion am Martin-Luther-Platz eine Solidaritäts-Demonstration ist, oder ob dort einfach nur dem Druck von oben nachgegeben wurde.
Diesmal reagiert die zuständige Behörde nur mit einer lokalen Sperrung, vermutlich ist sogar schon ein kleiner Bautrupp beauftragt, den Untergrund zu untersuchen und weitere Absackungen zu verhindern. Doch hier muss hart und schnell gehandelt werden, die Abweichler müssen erstmal ihrem Elend überlassen werden, eine Sperrung des ganzen Platzes sollte her. Damit die anderen Pflastersteine genau wissen, wer hier Herr über Grund und Untergrund ist.
Denn wenn hier nur lokal begrenzte Strafen verhängt werden, wird es immer wieder neue Absturz-Versuche geben. Und vielleicht bilden die Pflastersteine dann auch irgendwann eine Allianz mit den wenigen Asphaltdecken auf Alaun- und Louisenstraße. Das Drama könnte ungeahnte Formen annehmen, wenn plötzlich eine ganze Straße im Untergrund verschwindet und sämtlichen Kneipen plötzlich die Laufkundschaft fehlt.
Von großen Ideen und kleinen Haken
„Von wegen Luft ablassen, anzünden müsste man die.“ Gregor, den ich im Oscar auf der Böhmischen Straße traf, war nicht so angetan von meinen Gedanken zum Parken in der Neustadt. „Diese Blechkarren stehen doch nur im Weg rum.“ Zur Erinnerung: Vor zwei Wochen hatte ich berichtet, wie ein Hausmeister über falsch parkende Autos denkt. Dabei fiel auch die Idee mit dem Luft ablassen.
Viel größere Ideen hat der Dresdner Martin Schramm, der zwar gerade in Wien weilt, doch in Gedanken noch in der Neustadt ist. Per E-Mail schickte er mir seine Visionen eines autofreien Szene-Viertels. Ein Parkhaus am Rande sollte her, und alle Autos dort hinein, denn zu Fuß sei die Neustadt viel schöner. Soweit kann ich folgen. Doch dann geht es weiter. Statt der Parkgebühr könnte der Autofahrer doch gleich auf sein Vehikel verzichten und eine Monatskarte für die Straßenbahn erwerben. Große Ideen fordern Taten. Also lasse ich das Auto mal stehen und probier es mit Laufen. Alle Wege in der Neustadt sind kein Problem, doch was ist wenn ich über die Elbe will. Zum Fußball vielleicht, Dynamo lockt. Die Linie 13 fährt dahin, soweit ich bisher wusste eine gute Viertelstunde. Doch was muss ich nun erleben, die fährt doch wirklich mit der Kirche ums Dorf, über Johannstadt und Hauptbahnhof – fast dreimal so lange. Gut das ist ´ne Ausnahme, aber irgendwie ist es doch immer so, wenn ich die Tram brauche, ist sie immer gerade abgefahren. Alles nur Zufall. Doch die kleinen Haken an der großen Idee lassen mir keine Ruhe. Herr Schramm erklärt, dass man in der Bahn ein Buch lesen könne und dabei entspannen. Habe ich so noch nie erlebt. Wenn ich ausnahmsweise in die gelb-schwarzen Gefährte einsteige, ist entweder kein Platz frei oder nach spätestens einer Haltestelle steigt eine Rentnerin mit Krückstock zu, der ich dringend meinen Platz anbieten muss, um mir dann neben johlenden Kinder die Beine in den Bauch zu stehen.
Aber schön wäre es schon mit der Neustadt ohne Autos. Dann vielleicht doch die Variante mit dem Parkhaus. Dort müssten dann auch Mietschirme zu haben sein, falls es mal regnet, und gleich ein großer Plan mit allen Kneipen drauf. Rund um die Neustadt werden Tore aufgestellt, damit sich auch kein einzige Wägelchen hineinverirrt. Ein Grenzschild wäre auch nötig. „Erlebnispark Äußere Neustadt“. Da würden dann auch die brennenden Autos hinpassen und für den Dresdner Altstädter wäre wieder ganz klar: In der Neustadt ticken sie doch nicht ganz richtig.



