Neustadt-Geflüster

Dresden Neustadt von Anton Launer

Politpredigt statt Kunst – Die Leiden des Arnold Vaatz

Bundestagskandidaten haben es derzeit schwer. Sie vernachlässigen Frau und Hund, um das Wahlvolk aufzusuchen, damit es sie wählen möge. Doch irgendwie klappt das nicht immer, musste jetzt Arnold Vaatz, CDU-Kandidat für die Neustadt, erleben.

Arnold Vaatz im Dresdner Straßenwahlkampf

Arnold Vaatz im Dresdner Straßenwahlkampf


Angekündigt und angelockt hatte ihn die Eröffnung einer Kunstausstellung im alten Stasiknast an der Bautzner Straße 112a: „OHNE UNS“-Kunst und alternative Kultur in Dresden vor und nach 1989.
Geboten wurde jedoch eine skurrile Abrechnung mit der SED. Hauptdarsteller: Frank Richter, ehemals Gymnasiallehrer, noch früher Kaplan und Gründer jener Gruppe von zwanzig Dresdner Bürgerinnen und Bürgern, die während einer Demonstration am 8. Oktober 1989 beauftragt wurden, mit den örtlichen Behörden über ihre politischen Forderungen zu verhandeln.
Heute leitet Richter die Landeszentrale für politische Bildung und offenbar auch eine bislang unbekannte Abteilung für antikommunistische Agitation.

Stasi und SED wollten die Menschen vernichten“, lautete nur eine der Thesen, die  Ex-Kaplan Richter vortrug: Weihevoll, voller Pathos und definitiv zu lang für ein Publikum, das eigentlich Kunst erwartet hatte, keine Politpredigt.
Sie hatten aber keine Chance, denn nachdem die Unruhe in deutlich schlechte Stimmung umzukippen drohte, immer mehr Besucher wissen wollten, wer der Redner da vorne sei, nahm sich Vaatz, einst selbst ebenfalls Mitglied der 20er Gruppe, eine Nebenrolle im Stück und half dem murrenden Wahlvolk mit Infos über den Redner aus. Der bedankte sich natürlich zeitgemäß- mit einer zufälligen Erwähnung des CDU-Wahlkämpfers mitten im Satz. Der Abend schien gut zu werden für Vaatz.

Das änderte sich als Richters Predigt irgendwann zu Ende ging und auch eigentlich keiner Zugabe bedurfte. Auch nicht von Vaatz, der sich trotzdem meldete, um das “Premierenpublikum” mit einer Aufzählung quasi aller Stasiknäste zu beglücken – 16, allein in Deutschland und angeblich stehen im Ausland auch noch ein paar Gebäude rum.

Ein Ex-Kaplan ist Chef der Landeszentrale für politische Bildung

Proteste des Wahlvolks halfen da nichts. Im Gegenteil: Der Ton wurde stattdessen rauer: „Heute darf hier jeder etwas sagen, auch ich“, meckerte Vaatz einen Besucher rüde an, der sich den Wahlkampf im Stasiknast verbat. Vaatz wütete zurück: „Sie wissen doch nichts” und spielte damit auf seine einjährige Haftzeit wegen Reservewehrdienstverweigerung an.
Die Wählerbeschimpfung ging allerdings unter, denn jetzt war tatsächlich so etwas wie Kunst angesagt. Fünf Frauen hatten 1989 die Erfurter Stasizentrale besetzt und das zwanzig Jahre später in Form einer Tanzperformance aufgearbeitet. Eine spannende Idee, wenn die ehemaligen Politfrauen nicht mittlerweile zur Esoterik übergetreten wären, Namen wie Anomatey und Rakuna trügen und auf die Kraft von Kreisen setzten, die mütterliches Heilwissen sammeln.
So ähnlich war dann auch die Performance: Tanzperformance als Kunst sieht jedenfalls anders aus. Das ganze erinnerte eher an einen rituellen Anfassringelrein, der sich dann nur noch den ganz Harten erschloss.

Esoterisches Anfassen als Erinnerung an 1989

Esoterisches Anfassen als Erinnerung an 1989


Die Ausstellung „OHNE UNS“ findet noch in drei weiteren Dresdner Ausstellungsräumen statt.

  • Prager Spitze und der Motorenhalle: Wichtige, teilweise noch nie ausgestellte Werke aus der Zeit der DDR
  • Lichthof des Dresdner Rathauses: Methoden und Formen staatlicher Unterdrückung anhand von Unterlagen und Dokumenten. Eröffnung am 7. Oktober, 18 Uhr.
  • Der Eintritt für Prager Spitze und die Motorenhalle beträgt insgesamt 5 Euro. Stasi-Gedenkstätte und Lichthof im Rathaus sind umsonst.

67 Kommentare zu „Politpredigt statt Kunst – Die Leiden des Arnold Vaatz“

  • stefanolix sagt:

    Als Mahner sollen sie gern erhalten bleiben — solange sie mich nicht regieren ;-)

    Ich freue mich für das Saarland, dem wohl auch eine Mitregierung der LINKEN erspart bleiben wird. Wahrscheinlich wirkte doch Lafontaines Drohung, sich auf sein Heimatland zu konzentrieren.

    Ob übrigens das Soziale wirklich so sehr abgebaut wird, wäre noch zu überprüfen. Die Ausgaben wachsen seit Jahren stetig und weit schneller als die Wirtschaft.

  • jane sagt:

    Da kann ich mich Anton leider nur anschließen.
    Ich frage mich manchmal, ob sich die Worte “sozial” und “freie Märkte” sich nicht zwangsläufig gegenseitig ausschließen.
    Die Arbeitsmarktsituation unserer sogenannten sozialen Marktwirtschaft ist doch dafür der beste Beweis: die Konkurrenz der freien Märkte realisiert sich mehr und mehr zu Lasten der (arbeitenden) Menschen, Arbeiter bilden heutzutage in den Unternehmen einen potenziellen wirtschaftlichen Hemmschuh, so die Löhne zu hoch und die Kündigungsregelungen zu sozial sind.

  • Kleingärtner sagt:

    Hallo Jane,
    Wenn einer eine Diskussion nicht gefällt, dann sollte sie nicht drann teilnehmen. Aber da Du Dich selbst als bekennende Linkswählerin in Deinem Blog bezeichnest, kannst Du es natürlich nicht lassen, die Ewiggestrigen zu verteidigen. Leider vergisst auch Du, zum ursprünglichen Thema etwas zu sagen. Also nochmal für Dich: Ich bin alt genug, um den real existierenden Sozialismus am eigenen Leib gespürt zu haben. Ich bin gebildet genug, um mit den theoretischen Grundlagen und weiterführenden Schriften des Sozialismus vertraut zu sein. Ich weiß ziemlich genau, wann ich welches Wort wie verwende. Ich erkenne eine revanchistische Meinung, wenn ich sie höre. Und was Du zum Thema “Diktatur des Proletariats” schreibst, ist so Linksrevanchistisch, daß es nur so kracht. Oder liegt es nur an Deiner “mangelnden Klarheit der methodischen Linie sowie der nicht ausreichend erfolgten Abgrenzung der angenommenen Ursache…von möglichen anderen Ursachen…” (Zitat aus Deinem Blog)?
    Es wäre schön gewesen, hättest Du was zum eigendlichen Diskusionsthema beigetragen. Betroffenheitsgelaber hilft uns aber nicht weiter. Und ein Schönreden des Sozialismus ist Angesichts der gezeitigten Resultate nur Revanchismus. Schau Dir einfach an, was der Sozialismus in folgenden Länder den Menschen gebracht hat: Cuba, Rumänien, Bulgarien, Ukraine, Russland, Weißrussland, Nordkorea, Laos, Vietnam, Kambodscha, Myanmar(Burma), China. Nur so als Beispiel. Alles Einzelfälle? Opfer des Imperialismus? Vergiss es! Systemimmanente Fehler sind die Ursache.
    Du darfst gern von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz träumen. Romantische Schwärmerei ist schließlich das Vorrecht der Jugend. Lustig ist es, daß die meisten von Euch Träumern dies ausgerechnet in der Neustadt träumen, dem kapitalistischsten Viertel der ganzen Stadt. Warum ist eigentlich von Euch noch keiner draufgekommen, daß erst der Nichtsozialismus Euch diese angstfreien, selbstbestimmten Freiräume zwischen Prießnitz und Königsbrücker gewährt hat? Schizofrenie oder einfach bewusstes Verdrängen? (Das Wort angstfrei ist zentral. Es gab auch im realexistierenden Sozialismus auf der Görlitzer etc. Freiräume, aber die waren dank Stasi nie angstfrei)

    K.
    PS: Belehre mich nie wieder über die DDR und Sozialismus. Sonst belehre ich Dich über Frauenleiden und Schuhkauf

  • Anton Launer sagt:

    Angstfrei waren die Freiräume nur von November 89 bis Oktober 90.

  • Advocatus Diaboli sagt:

    Kleingärtner,

    erst, wenn Du den letzten Andersdenkenden persönlich angegriffen hast, wirst Du merken, daß man mit Mundtoten nicht diskutieren kann.

    Legitimation ergibt sich nicht daraus, daß man gebetsmühlenartig behauptet, man besäße sie.

    Es ist schade, denn Du bist ganz bestimmt ein interessanter Mensch und sicher kein hohler Dummschwätzer. Aber arrogant und respektlos. Das kann manchmal von Vorteil sein, aber als Dauerkanonade in Meinungsforen angewandt, verliert man die Lust, dahinter den klugen Kopf zu sehen.

    PS Wenn Dir bei Cultural Studies nur Gramsci einfällt, empfehle ich Dir Stuart Hall. Ist wesentlich hilfreicher, gerade auch für das Verständnis von Subkulturen.

  • jane sagt:

    Kleingärtner:

    Deine Tiraden offenbaren einen sehr verbitterten Menschen, das entschuldigt aber noch lange nicht deine katastrophalen Umgangsformen, und an denen musst du dich messen lassen, ebenso an dem, was du über die DDR schreibst. Und nein, die DDR war KEINE “Diktatur des Proletariats”, siw war eine Diktatur, aber diktiert hat nicht der Arbeiter.
    Anscheinend hast du ja nicht einmal was parat, um diese Phrase irgendwie zu erklären bzw. zu belegen, stattdessen kommen wieder nur persönliche Angriffe.

    Und wer mir “Schönreden des Sozialismus” vorwirft, der hat meine Beiträge augenscheinlich nur stichprobenartig oder gar nicht gelesen, so viel vielleicht zu deiner Auffassung von einer Diskussion. Was du nicht begreifst, ist der Unterschied zwischen Sozialismus und einer totalitären Diktatur. Beides muss nicht zwangsläufig miteinander kombiniert in Erscheinung treten. Der beste Beweis dafür sind unter anderem die Weimarer Republik, als die Sozialdemokraten u.a. in Preußen jahrelang eine Politik des demokratischen Sozialismus etablierten, Spanien oder auch Italien oder Frankreich. In allen genannten Staaten wurden Elemente des demokratischen Sozialismus erfolgreich etabliert, OHNE dass es zu einer Diktatur kommen musste. Der Sozialstaat als solcher, die Gewerkschaften, das Frauenwahlrecht – alles sozialistische Elemente, die noch heute anerkannt sind.
    Es wird Zeit, dass du Idee und realpolitische Ausformungen unterscheidest.

    Zu deiner Information: Mir ist es egal, wer mich über “Frauenleiden” und “Schuhkauf” belehrt: Ich stehe beidem prinzipiell offen gegenüber, denn die traditionellen Frauenleiden sind mir ebenso fremd, wie Schuh- und Taschenwahn und im Gegensatz zu dir lege ich Wert auf anderer Leute Ansichten. Zu dumm, dass du so wenig über die Person weißt, die du angreifst.

  • jane sagt:

    Anhang:

    Gegenläufige Trends können sich übrigens nur in Abkehr oder Infragestellung der lokalen sozialen und ökonomischen Bedingungen bilden.
    Denn wie beginnen wir, von neuen Formen des Zusammenlebens zu träumen? Indem wir die Welt, in der wir leben, hinterfragen und ihre Schwächen, ihre Nachteile offenlegen.
    Vor diesem Hintergund ist es überhaupt nicht abwegig, dass vor allem in der so komerziell gewordenen Neustadt solche gegenläufigen Trends hin zu mehr Gemeinsinn, zu weniger Kommerz entstehen – gerade, wenn man um die Entwicklung der letzten Jahre weiß und die Neustadt vor 20 Jahren noch kennt.

    Und dann: “Angstfreie, selbstbestimmte Freiräume”? Die wenigen Freiräume, die es hier in der Neustadt gibt, haben sich die Menschen hier mühevoll und in GEMEINSCHAFTLICHER Eigenorganisation erkämpft und sie kämpfen täglich um deren Erhalt! Es ist nicht der Nichtsozialismus, der auf Gemeinschaft und Gemeinschaftsgut fußt. Und von “angstfrei” kann wohl kaum eine Rede sein.

  • Advocatus Diaboli sagt:

    Das größte Frauenleiden überhapt sind solche Machosprüche!

  • jane sagt:

    Es sind vor allem solche Leute, die den DDR-Widerstand mit ihrem hochneurotischen “Ich-war-dabei-und-ihr-habt-alle-keine-Ahnung!” in ein fragwürdiges Licht zerren. Mit solchen Freunden brauchen Leute wie Richter und andere keine Feinde mehr.

  • stefanolix sagt:

    Eine differenzierte Diskussion gab es gestern bei der Ausstellungseröffnung und ich hätte mir gewünscht, dass mehr Blogger dort gewesen wären. Da hätte es mal mehrere Sichten auf die gleiche Veranstaltung in Blogs aus DD gegeben. Die Elbnymphe hatte ja eigentlich darauf hingewiesen, aber sie war nicht zu sehen ;-)

  • Elbnymphe sagt:

    @Stefanolix: Na, na! Augen auf beim Vernissagen-Schaulauf! ;-)

  • stefanolix sagt:

    Ist das nicht bald der meistkommentierte Artikel auf diesem Blog? Würde man alle Fäden aufnehmen, könnte man ein Buch darüber schreiben!

  • Zuerst muß ich zugeben, daß Revanchismus der falsche Begriff ist, den ich weiter oben verwendete. Richtig ist Revisionismus. Bitte selbstständig ersetzen.
    Wenn ich wen beleidigt habe, bitte ich um Vergebung, das war nicht beabsichtigt. Wenn sich wer beleidigt f ü h l t, tut mir leid, selber schuld. Ich bin nicht arrogant, ich bin selbstbewusst. Mein Diskussionsstil hier ist offensiv, da ich weiß, daß Extremisten damit
    nicht klarkommen. Dann müssten sie nämlich aus der Deckung kommen und Klartext reden. Welcher Extremist will das schon in der Öffentlichkeit? Und ich habe damit ja auch recht gehabt. Keiner von euch hat sich mit meinen ursprünglichen Inhalten auseinandergesetzt. Lieber zieht ihr Euch an meiner Art hoch. Da wird gefühlt und gemeint und die
    schwere Seelenlast thematisiert, die ich euch auflud. Novalis hätte seine helle Freude. Könntet ihr mich sehen, wäre euch auch meine Kopfbehaarung nicht recht oder mein Blick oder meine Schuhe. Warum? Weil ihr nicht mehr argumentieren könnt. Die BRD-Schulen haben euch das nicht beigebracht. Eurer gutmenschliches Konsensgekuschel lässt nichts anderes mehr zu als nach vorn rumzudrucksen, als zu lavieren, als sich erst auf die Mehrheitsmeinung einzustimmen und dann etwas zu
    äußern. Hintenrum wird dann intrigiert und gehetzt, was das Zeug hält, logisch. Zu diesem Thema hat ganz zufällig der kluge Zettel anhand eines prominenten Beispiel alles (und das viel besser als ich) gesagt://zettelsraum.blogspot.com/2009/10/die-spd-bei-20-prozent-von-der.html

    Und @Jane:
    Verbitterung ist der falsche Ausdruck für meinen Gemütszustand. Eher gelassene Wachsamkeit gegenüber dem politischen Extremismus, ab und zu gepaart mit Anfällen von fassungsloser Heiterkeit. Z.B. wenn ich wiedermal coloradio höre oder “junge welt” lese. Oder wenn ich Deine atemlosen Ergüsse lese, offensichtlich aus der Lameng geschrieben und triefend vor Richtigkeit. Ich widme Dir diese Zeilen, weil ich Mitleid mit der TU habe. Wer solche Politologie-Studierende hat, braucht sich nicht zu wundern, daß es im Uni-Ranking nicht nach oben geht.
    Außerdem nehme ich Dich als linke RevisionistIn schon ernst. Die Definition, von der ich rede, steht hier: ww.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Diktatur_des_Proletariats – Das ist Wissen aus erster Hand! Bitte erst lesen, dann drüber nachdenken und dann erst …was auch immer. Und nun zum Teil mit der fassungslosen Heiterkeit: “Sozialismus und eine totalitäre Diktatur müssen nicht zwangsläufig miteinander kombiniert in Erscheinung treten.” sagst Du. (Das ist einfach Klasse. Nach solchen Sätzen fühle ich mich immer wie nach dem Genuß eines Pangalaktischen Donnergurglers.) Natürlich müssen sie das nicht. Weil sie es gar nicht können. Weil das Synonyme sind! Alle Deine angeführten Länderbeispiele haben, wie Du sehr richtig anmerkst, nur E l e m e n t e des Sozialismus eingeführt. Aber eine LinksrevisionistIn wie Du kann es da nicht so genau nehmen. Es geht schließlich um die Sache. Wieviel Millionen Tote habt ihr für den nächsten Fehlversuch vorgesehen?
    Hier noch ein paar Literaturtipps für die interessierte Leserschaft: Eugen Richter, Sozialdemokratische Zukunftsbilder- frei nach Bebel, Berlin 1892/ Ludwig von Mises, Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen, Berlin 1920 (download hier: ww.mises.de/public_home/article/94) als Buch: Gemeinwirtschaft (engl. Socialism)/Hayek, Der WEg in die Knechtschaft – als Comic hier //mises.org/books/TRTS/

    Und wie war das jetzt eigentlich mit meiner Ausgangsthese bezüglich der
    unterschiedlichen Wertung von bürgerrechtlichem Widerstand in einem Rechtsstaat und in einer Diktatur?

  • Jane sagt:

    Kleingärtner:

    Ich habe weder etwas gegen selbstbewusst vorgehende Diskutanten (so agiere ich oft genug selbst), noch gegen einen offensiven Diskussionsstil. Ich finde aber im Gegensatz zu dir, dass beides ohne beleidigende Elemente und vorschnelle Verurteilungen auskommt.

    Offensiv bedeutet meiner Ansicht nach nicht, dass ich anderen grundlos Kompetenz, Sachverstand und Redlichkeit abspreche, ohne das redlich begründen zu können. Und genau das tust du aber für meine Begriffe, wenn du den hier Versammelten geschlossen “Extremismus” unterstellst, weil sie deine Ansichten zum Sozialismus nicht teilen.

    Im Gegenteil, muss ich dir attestieren, dass du dich fortwährend weigerst, hinsichtlich des Sozialismus zu differenzieren nach Idee, einzelnen Elementen dieser Idee und den wiederum sehr verschiedenen Ausprägungen ihrer möglichen Verwirklichung.
    Du hast das Extrembeispiel DDR vor Augen, das am Ende für mich aber nur noch wenig mit wahren sozialistischen Idealen zu tun hatte, denn Totalitarismus und Diktatur zählen ganz sicher nicht dazu.

    Und schon deshalb kann deine Behauptung, ich würde hier in irgendeiner Weise DDR-Revision betreiben wollen, nicht stimmen.
    Woran machst du das fest? Habe ich bestritten, dass die DDR eine Diktatur war? Habe ich bestritten, dass Menschen unterdrückt und verfolgt wurden? Nein, ich habe lediglich die Perspektive hin zu einer globaleren geöffnet, denn alles, was seinerzeit geschah, muss auch vor dem Hintergrund des Kalten Krieges gesehen werden, so wie dieser Kalte Krieg auch schlagartig vorbei war, als der Eiserne Vorhang mit den Revolutionen in den an die SU gebundenen Staaten fiel, darunter auch die DDR.

    Übrigens brauchst du kein Mitleid mit der TU zu haben, ich studiere in Hagen, neben dem Beruf – und das nicht gerade unerfolgreich. Vielleicht solltest du das auch mal erwägen, es könnte dir mehr Weitsicht verschaffen und so manche ideologische Scheuklappe ablegen helfen. Denn das Erste, was man im wissenschaftlichen Studium lernt, ist Distanz zum untersuchten Objekt zu wahren und das Sample der Beispielfälle möglichst umfangreich zu gestalten.

    Zur “Diktatur des Proletariats”: Ich würde dir Marx empfehlen und dann bitte mit den Verhältnissen in der DDR vergleichen. Ich habe nie bestritten, dass nach AUFFASSUNG DER SED-IDEOLOGIE in der DDR das Proletariat “geherrscht” hätte. Ich habe bestritten, dass diese Ideologie der Realität entsprochen hat. Ich bin also schon ein Stückchen weiter als du, der noch an Ideologien und propagandistischen Konstrukten hängt, ich vergleiche Ideologie mit Wirklichkeit.
    Und die Wirklichkeit in der DDR sah so aus, dass das Proletariat massenweise raus aus diesem Staat wollte, weil es die Gängelei der Elite satt hatte.
    Marx sah für die “Diktatur des Proletariats” Räte der Arbeiterschaft vor, die gemeinsam Entscheidungen treffen sollten, bis eine klassenlose Gesellschaft etabliert sein würde, die auf Gemeinwesen basierte.
    Der Staat und somit eine herrschende Elite sollte bei Marx über die vorübergehende Diktatur des Proletariats ja gerade überwunden werden. Die SED hätte hingegen niemals freiwillg ihre Vormachtstellung geräumt, ihren charismatischen Führungsanspruch und ebenso wenig ihre privilegierte Stellung in Sachen Besitz, Konsum und Einkommen gegenüber dem Rest der Arbeiterschaft.

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