Renate Kruckenberg: „Ich war immer beherrscht“

Renate Kruckenberg kommt aus Zittau und zog 1993 nach Dresden. Sie ist auf ihren Rollstuhl angewiesen. Einmal im Monat verlässt sie mithilfe des Personals das Bett. Auf die Frage, was ihr Kraft gibt erwidert sie: „Ich musste immer Disziplin halten und zurück stecken. Immer die Vernunft walten lassen. Denn das ist ja das. Von mir wird das immer verlangt. Ich war immer beherrscht. Ich konnte mich eben beherrschen. Warten, warten.“

Ein Foto stellt sie mir zum Abfotografieren aus der Heimzeitschrift zur Verfügung. Es zeigt Frau Kruckenberg bei ihrem letzten Ausflug am 16. März. Die Daten ihrer Ausflüge hat sie genau im Kopf, der auch sonst sehr mobil ist. Politisches Zeitgeschehen, Umwelt, ihre Kindheit – Frau Kruckenberg beschreibt und wertet pointiert und klug. Ihre vom Dialekt gefärbten Worte malen szenische Bilder.

Mit der Stimme einer Märchenerzählerin berichtet sie vom Einkochen der Pflaumen, vom Stoppeln der Kartoffeln auf abgeernteten Feldern, vom Weihnachtsfest, an dem das Kind nicht eher Bescherung halten wollte, als bis der Vater endlich durch die Tür getreten wäre.

Aufgewachsen auf einem Bauernhof weiß Renate Kruckenberg um den Wert von Nahrung. Butter, Milch, Tiere sind das heilige Inventar ihrer Kindheits­­­erinnerungen. Aus der Vielzahl ihrer Erzählungen habe ich die Geschichte(n) mit den Schweinchen ausgewählt. „Sagen Sie das den Leuten, dass sie aufhören sollen, wegzuwerfen!“, ruft Frau Kruckenberg mahnend zum Abschied hinterher.

Renate Kruckenberg beim Besuch der Krokusse auf der Hauptstraße

Renate Kruckenberg beim Besuch der Krokusse auf der Hauptstraße

Die Großmutter hatte eine Kuh, eine Ziege und ein Schweinchen. Das hatte so viel Stroh – manchmal sah man es kaum und schaute hinein und dachte: oh weh, wurde es gestohlen? Die Tür zum Stall war immer einen Spalt offen, aber es hing eine dicke Kette davor. Einmal war die Großmutter nicht da und meine Cousine, sie war 18, und ich, hörten wie das Schweinchen quietschte. Man hörte es bis ins Haus, es hatte Hunger. Also gingen wir zum Stall.

Meine Cousine brachte das Melken nicht richtig, aber wir probierten es bei der Ziege. Das Schweinchen war plötzlich ganz still, keinen Mucks sagte es mehr und steckte die Schnauze durch die Stäbe. Meine Cousine zog und drückte und tatsächlich kam etwas Milch. Dann gingen wir zur Kuh. Immernoch war das Schweinchen ganz still. Die Kuh gab nicht gern, aber ein bisschen war es doch. Dann versuchten wir es noch mal bei der Ziege. Und die Ziege, die blöde Ziege, stieg mit dem Fuß mitten in die Milchschüssel! Die Milch war verloren und das Schweinchen begann zu quietschen! Aber dann kam die Großmutter und es bekam seine Milch.

Einmal hatte unsere Sau sechs Ferkel. Vier starben, aber zwei blieben übrig. Die nannte ich Schorschl und Teddy. Teddy war rosa und das Schwänzchen war ganz eng am Körper geringelt. Nicht festgewachsen, aber fest geringelt. Und der Schorschl war etwas heller und das Schwänzchen war länger. Die habe ich mit dem Puppenwagen herum gefahren.

Die Sau war böse und so durften die Schweinchen aus dem Gatter. Die sausten überall auf dem Hof herum. Auch in der Küche. Die war abgeteilt, eine Hälfte war gefliest. Wenn wir am Tisch saßen – wir hatten ja keine Schuhe, wo denken Sie hin? Strohsandalen hatten wir! Ist auch gut, dass das vorbei ist – drückten sie ihre kalten Schnauzen an die nackten Zehen.

In der Nacht kamen die Schweinchen in einen großen Korb, in dem man auch das Futter für die Kuh holte und wurden mit einem leichten Tuch zugedeckt, damit ihnen nichts passierte. Sie standen in der Küche. Daneben stand der Stuhl der Großmutter. Dreimal am Tag musste man mit einem Besen oder Rechen die Sau umschubsen und nach unten halten, damit die Schweinchen trinken konnten. Wenn sie quietschten, hatten sie ja Hunger.

Eines abends, es wurde laut gelacht, mahnte die Großmutter, wir sollten leise sein, damit die Schweinchen in der Küche nicht aufwachten und Hunger hätten. Sonst müssten wir noch einmal hinaus die Sau umschubsen. Dann wollte sie sich auf ihren Stuhl setzen – aber plötzlich! Der Stuhl gab nach und die Großmutter verschwand im Korb! Das gab ein Gequietsche! Die Schweinchen flitzten davon und wir lachten, lachten, lachten. Hilft mir den keiner heraus, sagte die Großmutter. Sie schaffte es dann schon, der Korb war ja gekippt.

Den Schweinchen war nichts passiert und es waren ja die Männer da. Die schubsten die Sau um und die Schweinchen gingen wieder schlafen.


Memento

Die Neustadt ist Kult, Szene und vor allem eines: jung. Doch im Viertel leben auch Menschen mit Geschichten aus einer Zeit, da in Dresden-Neustadt an Szene noch nicht zu denken war. Mit freundlicher Unterstützung der Seniorenresidenz Kästner-Passage stellen wir in der Serie „Memento“ immer sonnabends Persönlichkeiten und ihre Viertelgeschichten vor. Haben Sie auch eine spannende Viertel-Geschichte zu erzählen? Nehmen Sie mit uns Kontakt auf.

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6 Kommentare zu “Renate Kruckenberg: „Ich war immer beherrscht“

  1. 3. Juni 2017 at 12:39

    lovely

  2. Mia
    5. Juni 2017 at 13:03

    Eine tolle Geschichte. Musste auch schmunzeln. Danke

  3. Emilia
    6. Juni 2017 at 16:05

    Einmal im Monat verlässt sie mit Hilfe des Personals das Bett? Das lässt mich sehr erschrecken!!! Was ist das denn? Mehr ist wohl nicht drin???
    Die Serie mag ich ansonsten auch sehr.

  4. Pro Seniore Residenz Kästner Passage
    7. Juni 2017 at 11:30

    Liebe Emilia,

    Bewohner welche ihr Bett täglich verlassen möchten, bekommen selbstverständlich auch jeden Tag die Unterstützung dafür.

    Manchen Bewohnern ist es aufgrund von verschiedensten Krankheitsbildern leider nicht mehr möglich, täglich ihr Bett zu verlassen. Oft ist der Transfer mit starken Schmerzen verbunden und setzt, für die Betroffenen trotz Hilfsmittel, körperliche Höchstleistung voraus. So ist es unsere Aufgabe, dennoch einen schönen Tagesablauf zu gewährleisten. Regelmäßig finden auch am Bett Massagen, Geschichten, Tierbesuche, musikalische Umrahmungen statt.

    Frau Kruckenberg verlässt auf eigenen Wunsch einmal im Monat ihr Bett. Allerdings bekommt sie dann ganztägig eine Mitarbeiterin gestellt, welche sich nur um ihre Belange bemüht. So finden Spaziergänge, Einkäufe, Stadtrundfahrten etc. nach ihrem Wunsch statt.

    Ich möchte darauf hinweisen, dass diese Antwort im Beisein (telefonisch) von Frau Kruckenberg formuliert wurde.

    Ich hoffe sehr Ihnen mit dieser Antwort weitergeholfen zu haben.
    Ganz liebe Grüße aus der Kästner Passage

  5. Emilia
    7. Juni 2017 at 17:29

    Danke für die Info und die oft spannenden Geschichten!

  6. Klahra
    8. Juni 2017 at 12:54

    Vielen Dank für die rührenden Geschichten, bitte weiter berichten. Frau Kruckenberg wünsche ich alles, alles Gute.

    Ich möchte später auch einmal in der Kästner Passage leben, aber wahrscheinlich werde ich es mir nicht leisten können ….

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