Gisela Cramer: Vorsicht, bissig

Gisela Cramer hat die Aura eines gealterten Rockstars. Sie spielt die größte Trommel in einer Trommelgruppe, sie spielt im Orchester, sie lauscht nicht nur Klassik. „Bleiben Sie der Neustadt treu“, fordert sie zum Abschied. Eine Grande Dame von bestechender Coolness.

"In Pirna bin ich drei Glatzen begegnet. Die fragten: Beißt der Hund? Ichsagte: Nein, aber ich und habe die Zähne gefletscht. Da waren die weg."

„In Pirna bin ich drei Glatzen begegnet. Die fragten: Beißt der Hund? Ich sagte: Nein, aber ich! und habe die Zähne gefletscht. Da waren die weg.“

Ich gehe natürlich viel raus, um andere Menschen zu sehen. Ich meine, ich bin ja selber überfällig. Bin ja selbst … weiß der Kuckuck was. Aber den ganzen Tag Frühstück, dann nächste Mahlzeit, Mittagessen, Rollstuhl fahren. Viele jammern dann auch noch … Ich brauche frische Luft. […]

Da war mal ein junger Schwarzer mit einer Zeitung, die auch mit der Kirche zu tun hat. Stand der vor REWE und verdiente sich was damit. Habe ich mir die angeguckt und da war angekündigt: Gründung einer Trommlergruppe in der Evangelischen Hochschule. Da ich eigentlich Streicher bin, ich hab da hinten meine Geige, habe ich gedacht, das Trommeln wäre das richtige für mich und bin gleich zum ersten Treffen mit der Straßenbahn gefahren und hab da mitgemacht. Natürlich alles jüngere Leute, alle jünger als ich, aber wie die mich in die Gruppe mit hinein genommen haben, ist ein großes Stück Menschlichkeit. […]

"Einmal habe ich Querflöte gespielt und meine Nachbarn meinten, ich solle meinen Hund zur Ruhe bringen"

„Einmal habe ich Querflöte gespielt und meine Nachbarn meinten, ich solle meinen Hund zur Ruhe bringen“

Kontrabass habe ich privat, habe ich aber jemandem aus der Orchestergruppe geborgt. Hier kann ich ihn nicht unterbringen. Was soll’s, das arme Kerlchen muss gespielt werden. […]

In meinem Elternhaus ist immer musiziert worden. Etwas, für das ich dankbar bin und das ich versucht habe meinen Kindern weiterzugeben. […] Bei uns gab es diese blöde Trennung zwischen E- und U-Musik nicht. Wir haben oft Musik gemacht. Mit den Kindern haben wir in der Schweiz gelebt und nach Feierabend in dem Museum, in dem ich arbeitete, wenn zugeschlossen war, denn haben wir in dem großen Entrée musiziert. Ich bin da rein gewachsen. […]

Ich komme aus der Nähe von Lübeck. Mein Vater war Dresdner und meine drei Jungs wollten in der DDR studieren. Die waren gerne in Dresden, haben alle in der Neustadt gewohnt. Wir waren vorher in Bonn und sind dann umgezogen. Der Jüngste, das Cleverle, hat auf dem Weißen Hirsch ein Haus gefunden. Eine ehemalige Dentalklinik samt angeschlossenen Gasflaschen und Equipment. Das wollte keiner haben. Der hat die Ärmel hochgekrempelt und gesagt, wir machen das. Hat dann eine Firma gefunden,mit Internet oder was, die Fachequipment für Zahnärzte verkaufte. Die kamen dann mit LKW an und haben alles mitgenommen und wir waren den Krempel los.

"Ich höre auch gern anderes als Klassik"

„Ich höre auch gern anderes als Klassik“

War schon eine Umgewöhnung. Es gefällt mir schon manches, aber ich fühle mich in Bern oder in Hamburg mehr zuhause. […]

Mir ist Dresden zu barock. […] Neulich war eine Vernissage in Bezug auf die Ausstellung ‚Macht und Mode‘ und da hat der Typ von der Bank mit Abstand als bestes geredet. Da war ich überrascht. Die Rede von Tillich hat mich gelangweilt. Und der Redner sagte, Dresden ist eigentlich weniger eine Barock- als eine Renaissance-Stadt. Er hat vieles gut auf den Punkt gebracht. Mir fehlt das Zeitgenössische. Sowohl in der Musik als auch in der Bildenden Kunst.. […]

Die Neustadt ist schon etwas Besonderes. Ich habe neun Semester auf der Kunsthochschule in Hamburg studiert und habe natürlich auch andere Leute und Lebensweisen kennengelernt. Aber ich bin sehr großbürgerlich aufgewachsen und hatte immer das Gefühl, ich müsste aus dieser Feine-Pinkel-Idylle mal raus. Das habe ich in der Neustadt gefunden. Ich finde die BRN gelungen. Einmal kam mein Sohn oben am Weißen Hirsch nachts um zwölf zu mir, die Gäste waren schon weg und sagte: Was denkst du Mama, wollen wir in die Neustadt fahren? Sind wir in die Neustadt gefahren [Anm.: auf die BRN]. Letztes Jahr war das Tanzen verboten, das fand ich schade. Hab immer gern zugesehen.

"Bleiben Sie der Neustadt treu"

„Bleiben Sie der Neustadt treu“

Beim letzten Mal bin ich über zwei Stunden alleine mit dem Rollator durch das Fest gezogen. So viele Leute, alle sehr nett. Ein junger Mann hat mich  gegriffen und hat mit mir, mit Rollator, getanzt. Das ist eben die Neustadt. Das hält mich hier auch. […] Ich fühle mich der Neustadt auch verpflichtet. Die Leute, auch wenn es manchmal seltsame Figuren sind (mein Mann kommt damit nicht zurecht, er fühlt sich unwohl), aber dieses lustige Ambiente – ich wollte, ich wäre jünger und könnte noch mitspielen. Die Trommelei ist aber auch schön.[…]

Ich finde die Benennung des Snowden-Platzes sehr sympathisch. Eigentlich ist es verboten, aber es wird akzeptiert. Das sind Dinge in der Neustadt, die mich interessieren. Ich kann Ihnen eine Geschichte erzählen. Da gab es noch das kleine B14, das ist jetzt Fettboy. Die hatten immer ganz viel Bier, aber ich wollte Wein und stand alleine am Zebrastreifen. Auf der anderen Seite standen drei junge Männer. Die kuckten nach mir. Ich hatte ein bisschen – ich kann nicht sagen Angst, aber es ging in die Richtung. Aber dann dachte ich, Heilanddonner, jetzt nicht immer Angst haben, einfach weiter. Kann mich ja wehren.

Und als ich fast drüben war, habe ich die angesprochen. Zwei auf der einen, einer auf der anderen Seite. Und ich sagte: Is was? Was steht ihr denn hier? Und die sagten: ‚Wir haben gesehen, dass Sie hier alleine im Dunkeln über den Zebrastreifen gehen wollen und wollten gucken, dass sie gut drüben ankommen. Falls Sie Hilfe bräuchten, wären wir da.‘

Ist das nicht goldig? Das ist eben Neustadt. Das war gut. Das verbindet einen. Einmal hat mich einer belästigt, der kam von vorne. Da bin ich dem mit dem Rolli voll vor’s Schienbein gesaust. Da war der weg. Die Leute haben gelacht. Man wehrt sich halt.


Memento

Die Neustadt ist Kult, Szene und vor allem eines: jung. Doch im Viertel leben auch Menschen mit Geschichten aus einer Zeit, da in Dresden-Neustadt an Szene noch nicht zu denken war. Mit freundlicher Unterstützung der Seniorenresidenz Kästner-Passage stellen wir in der Serie „Memento“ immer sonnabends Persönlichkeiten und ihre Viertelgeschichten vor.

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5 Kommentare zu “Gisela Cramer: Vorsicht, bissig

  1. Kinola
    20. Mai 2017 at 10:17

    Eine wunderbare Frau
    Ein schönes Leben
    So schön das ich ein Tränchen verdrückt hab
    Danke

  2. Jens
    20. Mai 2017 at 10:30

    So wil ich als Opa auch mal sein…

  3. Karsten
    20. Mai 2017 at 12:42

    So gottverdammt cool…. :-)

  4. Elly Brose-Eiermann
    22. Mai 2017 at 10:47

    Das ist einfach nur herrlich! Ja, selbst eine so betagte Dame vermisst in Dresden frischen Wind für das Zeitgenössische in Musik und Bildender Kunst!!

  5. asa
    22. Mai 2017 at 21:58

    feine Anleitung zum WachBleiben!
    Danke!…auch für die Serie
    (mir gegenüber wohnt die Krügern, da brauchste 4 Seiten mindestens-
    oder muß die zum erzählen erst ins Heim?)

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