Die Dr.-Friedrich-Wolf-Straße

Die Straße wurde 1963 nach dem deutschen Arzt, Schriftsteller und Revolutionär benannt

Die Straße wurde 1963 nach dem deutschen Arzt, Schriftsteller und Revolutionär benannt

Wenn der Bahndamm Hempels Sofa ist, so ist die Dr.-Friedrich-Wolf-Straße das Untendrunter. Ungekämmt ballen sich Brombeerranken hinter blauem Metallzaun. Und auch wenn mit der Gartenschere ein bisschen frisiert wurde, ihren ranzigen Charme wird die Straße trotz der ersten Sonnenstrahlen nicht los. Umso schillernder erscheint die Persönlichkeit, nach der sie benannt wurde.

Wo noch vor wenigen Wochen Street-Art zu bestaunen war, fressen sich jetzt die Bagger der USD am Schutt fett. Auf dem Gehweg führt eine Spur aus Eier- und Mandarinenschalen bis zum Neustädter Bahnhof – was vom Proviant übrig blieb. Süß weht ein Duft aus der Fladenbrotbäckerei Rodin herüber und ein Zug quietscht vorbei. Aus dem verlassenen Gelände gegenüber glotzt ein alter Schuppen zwischen McDoof-Tüten und To-Go-Bechern hervor. Urbane Müllromantik.

Maschinenhausstraße hieß die Verbindung zwischen Antonstraße und Dammweg bis 1898 und verwies auf ihre Bedeutung für den Zugverkehr. So wie das Maschinenhaus verschwand der Name. Erich Kästner lief als kleiner Junge über die Schlesische Straße,  wie sie seit 1913 hieß. In diesem Jahr beendete der junge Arzt Friedrich Wolf sein einjähriges Praktikum an der Städtischen Heil- und Pflegeanstalt Dresden und schloss seine Doktorarbeit zum Thema Multiple Sklerose im Kindesalter ab. Er rechnete wohl kaum damit, dass hier eine Straße nach ihm benannt werden würde.

Der Aufstieg auf den Bahndamm

Der Aufstieg auf den Bahndamm

Friedrich Wolf wurde 1888 in Neuwied geboren, arbeitete nach seiner Promotion als Schiffsarzt und mit Beginn des Krieges als Truppenarzt an der West- und Ostfront. Die Erlebnisse und erlittenen Verwundungen entließen ihn 1916 als bekennenden Kriegsgegner. Er verweigerte 1918 den Dienst an der Waffe, um als Lazarettarzt zu arbeiten. Im selben Jahr trat er dem Arbeiter- und Soldatenrat in Dresden bei und gründete die Sozialistische Gruppe der Geistesarbeiter. Neben seiner Tätigkeit als Arzt schrieb Wolf Dramen und Romane. Internationale Aufmerksamkeit erreichte sein Schauspiel Cyankali, das es bis auf die Bühnen von New York, Paris, Moskau und Tokio schaffte. Von den Nationalsozialisten wurde der Kommunist Wolf, der sich in dem Werk mit dem Abtreibungsparagraphen §218 auseinandersetzte, verhaftet, musste nach Massenprotesten in Berlin jedoch wieder frei gelassen werden.

Die Grafitti müssen den neuen Wohnungen des Stadtquartiers weichen

Die Grafitti müssen den neuen Wohnungen des Stadtquartiers weichen

Es folgte die Emigration nach Österreich, die Schweiz, die Sowjetunion und schließlich nach Spanien, bis er nach Kriegsende wieder nach Deutschland zurückkehrte. Wolf war Mitgegründer der DEFA, der deutschen Sektion des P.E.N., der Deutschen Akademie der Künste Ostberlin, Herausgeber der Zeitschrift Volk und Kunst und erster Vorsitzender des Bundes Deutscher Volksbühnen. Als sein bekanntestes Drama gilt Professor Mamlock. Sein Märchen von der Weihnachtsgans Auguste begleitet Groß und Klein als Hörspiel, Film und Puppentheater.

Kein größeres Verbrechen gibt es, als nicht kämpfen wollen, wo man kämpfen muss. Dr. Friedrich Wolf

Ein Spatz pfeift aus dem Brombeerbusch. Neben ihm hängt eine Konservendose im Geäst und vibriert im Takt des röhrenden Baggers. Wissen Sie, wer Friedrich Wolf war, frage ich einen mit Rollkoffer. Prag, antwortet er.

Straßen und Plätze im Ortsamtsbereich Neustadt

Die nun abgerissene Steinfassade gegenüber des Neustädter Bahnhofs wurde 2004 als drehort für den Film "Dresden" genutzt

Die nun abgerissene Steinfassade gegenüber des Neustädter Bahnhofs wurde 2004 als drehort für den Film „Dresden“ genutzt

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9 Kommentare zu “Die Dr.-Friedrich-Wolf-Straße

  1. 17. Februar 2017 at 11:11

    Schön geschrieben.

  2. ein anderer Stefan
    17. Februar 2017 at 13:27

    Wirklich schön geschrieben.
    Nach seinen beiden Söhnen wird man wohl eher keine Straße benennen…

    • SHARP
      17. Februar 2017 at 14:38

      Hm, kann ich bei Markus vielleicht noch nachvollziehen (außer die Zeiten ändern sich mal wieder, wer will das heute schon voraussagen?), aber Konrad?
      Was ist Dein Problem mit dem Regisseur? Das war und ist im wörtlichen Sinne großes Kino…

    • ein anderer Stefan
      17. Februar 2017 at 17:57

      SHARP: Ich habe weniger ein Problem. Aber ich habe mitunter den Eindruck, dass „systemnahe“ Künstler (trotz kritischer Werke) der DDR heutzutage in der Öffentlichkeit einen eher schweren Stand haben, bzw. dann lieber nicht öffentlich thematisiert werden.
      Aber ich sehe gerade, dass das bei Konrad Wolf offensichtlich nicht zutrifft – vergiss mein Geschwätz von weiter oben…
      https://de.wikipedia.org/wiki/Filmuniversit%C3%A4t_Babelsberg

    • SHARP
      17. Februar 2017 at 22:34

      Hallo Stefan, dann teilen wir offensichtlich unsere Beobachtungen, wahrscheinlich auch unser Unverständnis über jene…
      Nun ja, auch die liberale, westliche Welt, zu der wir jetzt gehören ist nicht frei von Ideologie :-)
      Schönen Abend!

  3. hantz
    17. Februar 2017 at 13:44

    „MAMLOCK vor ihr: Nie müssen sie das, nie, hören Sie!! Verstehen Sie mich!! Nie!! Wie können Sie als junger Mensch so reden?! Unfaßbar!! Kasematten, Festungen, also Mauern, Mauern, Mauern, Gitter, Stacheldraht, Schießschartenlicht, Moder- und Zwielicht, wer muß das, wer will das, fragen Sie doch bloß alle, die hier um uns stehen, sehen Sie sich doch bloß um, diese Menschen, jeder ein Individuum, das seine Gedanken, seine Meinung, seine Zweifel, seine Sprache, seine Möglichkeit zu reden und zu schreiben braucht, so wie der Vogel die Luft und der Fisch das Wasser… PACKT Seidel. Sag selbst, könntest du existieren ohne deine Meinung, dein Wort, deine Äußerungen, deine Artikel, deine Zeitung?“

    Ganz netter Anriss einer durchaus interessanten Biographie. Mammlock kann man auch heute noch lesen. Es hat eine Menge Wendungen welche wohl mitlerweile recht befremdlich erscheinen. Was es aber nicht schlechter macht.

  4. Marcus
    18. Februar 2017 at 09:51

    War wie immer eine Freude zu lesen, der Text von Philine!
    Auf dem dritten Bild sieht es übrigens so aus, finde ich, als hätte das Skelett links einen mechanischen Baggerarm. ^^
    Friedrich Wolf war mir noch kein Begriff, aber der Artikel hat mich zum Stöbern gebracht.

    Falls es noch jemanden interessiert:
    Die Werke sind zwar noch nicht gemeinfrei (Erst 2023) aber mit einer Suchmaschine findet man schnell „Cyankali“ auf marxist org.
    Auf Youtube gibt es „Die Weihnachtsgans“ als Hörspiel.

    • 18. Februar 2017 at 13:51

      @Marcus: Ich hoffe, in der Variante mit Theo Mack als Luitpold Löwenhaupt. Da hab ich die Schallplatte noch zu Hause.

  5. 21. Februar 2017 at 15:42

    Danke Philline………etwas spät zwar weil ich lange nicht hier war….(soeineWocheetwa), es war wieder nett und kurzweilig zu lesen…

    grussi…..

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