Die Louis-Braille-Straße

Wie so viele Straßen der Neustadt hieß die Louis-Braille-Straße nicht immer so. Ihr vorhergehender Name war allerdings kein einfallsloser Behelfstitel à la Neue Straße, sondern erinnert an ein Event, das 1865 mit viel nationalem Tamtam in Dresden gefeiert wurde.

Louis Braille klingt richtig ausgesprochen so ähnlich wie eine Beilage aus gestampften Kartoffeln, ist aber der Erfinder der Blindenschrift. Zeitlebens arbeitete er an ihrer Vereinfachung, indem er Schriftzeichen und Noten durch geprägte Punkte ersetzte. Den internationalen Durchbruch seiner revolutionären Idee erlebte er nicht mehr. Im Jahr 1879, als die Braille-Schrift in Deutschland eingeführt wurde, war ihr Erfinder schon 27 Jahre tot. Louis Braille hat per se nichts direkt mit Dresden zu tun, dafür aber der Straßenname mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen e.V., der in der Hausnummer sechs seinen Sitz hat.

Sitz des Blinden- und Sehbehindertenverbands in der Hausnummer 6

Sitz des Blinden- und Sehbehindertenverbands in der Hausnummer 6

In den 1960er Jahren wurde die Straße mit lauschigen Villen nach dem selbst erblindeten Franzosen getauft. Damit geriet ihr bisheriger Name in Vergessenheit: Sängerstraße. Sie erinnerte an das erste Sängerbundfest, das in Dresden vom 25. bis zum 27. Juli 1865 von 300 000 Gästen gefeiert wurde.

Glaubt man dem Gedenkbuch aus demselben Jahr, wurde dem „Deutschthum erfolgreich eine schöne Stunde gemacht“ und ein „Schimmer über Germaniens Antlitz gezaubert.“ Zwar hätte es im Vorfeld Behauptungen gegeben, „daß musikalische Völker politisch verlorene seien. Aber doch nur, wo die Musik in’s Virtuosenthum ausartet.“ Das konnte durch straffe Organisation gerade noch verhindert werden. Denn in Dresden „gipfelte sie im Volksgesange“ – wie beruhigend! Ein riesiger Festumzug durchwalzte die beschauliche Elbaue und die Menschen kamen in Scharen, um den anregenden Vibrationen deutscher Männerchöre zu lauschen.

Wandfries auf der Louis-Braille-Straße

Wandfries auf der Louis-Braille-Straße

Eine Festhalle Weltkulturerbetitel gefährdenden Ausmaßes wurde eigens entworfen und unterhalb der Waldschlösschenbrauerei errichtet – glücklicherweise stürzte diese erst einige Tage nach dem Festakt bei einem Sturm zusammen, ohne 20 000 Feier-Insassen unter sich zu begraben. So verlief alles nach Plan und die Erinnerung an den Festakt weitestgehend im Sande.

Ich versuche, die Louis-Braille-Straße als Reminiszenz an den Namensgeber ein Stück mit geschlossenen Augen zu laufen. Die Birken rauschen im Sommer­wind, der Verkehr rauscht über die Bautzner Straße, und Kieselsteine können verdammt hoch sein. Vor meinem inneren Auge steht eine große Festhalle, aus der vielstimmig ein Männerchor von heißem Drängen einer deutschen Brust singt – als ich die Augen öffne, steht dort nur die Waldschlösschenbrücke. Ich pfeife ein Lied aus Siebenbürgen: „Es saß ein klein wild Vögelein auf einem grünen Ästchen …“

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