Der Schlesische Platz

Schild am Hanse-Haus, dem Seniorenpflegeheim am Schlesischen Platz

Schild am Hanse-Haus, dem Seniorenpflegeheim am Schlesischen Platz

Reise, Reise – darum dreht sich am „Neustädter“ alles. Ob End- oder Zwischenstation, der Bahnhofsplatz bietet Schauplatz für diverse Stadien menschlicher Betriebsamkeit.

Für Mitfahrgelegenheiten, gemeinsame S-Bahnfahrten, Demonstrationsstartpunkte, Feier-Abend-Treffpunkte heißt der Schlesische Platz schlicht „am Neustädter“. Denn der Neustädter Bahnhof, oder offiziell in großen gelben Buchstaben Bahnhof Dresden-Neustadt, ist die dominierende Institution am Platz. Er ist das Ergebnis eines Um- und Neubaus sowohl der Halle als auch der Bahnanlagen zwischen 1898 und 1902, während dem der Leipziger Bahnhof und der Schlesische Bahnhof zusammengelegt wurden.

Der Vorplatz des wichtigen Verkehrsknotenpunktes, in den Züge aus Richtung Děčín, Görlitz/Zittau und Leipzig einrauschen, ist seit 1913 als Schlesischer Platz im Adressbuch zu finden. Zu DDR-Zeiten wurde er 1962 in Dr.-Friedrich-Wolf-Platz unbenannt, was 1991 rückgängig gemacht wurde.

Schlesischer Platz: Blick auf die Front des Bahnhofs Dresden-Neustadt

Blick auf die Front des Bahnhofs Dresden-Neustadt


Bahnhöfe sind seltsame Orte der Unbeständigkeit. Wie Ameisen wuseln die Menschen ihren Bestimmungsorten entgegen, hetzen, stolpern. Auch der Romantiker kommt auf seine Kosten: rührende Abschiedsszenen mit flatterndem Taschentuch, heftige Oral-Kollisionen bei der Begrüßung und – auffliegende Tauben. Bastionen der Kontinuität ist der einbeinige, rauchende Rollifahrer und der immer offene Lidl (365 Tage im Jahr!),  in den man sich sonntags „ausnahmsweise“ schleppt und sich nach dem Drehkreuz wiederholt fragt, ob der firmeneigene Slogan bei dem Kauf von einer Paprika und Schlagsahne in Anbetracht der pilgernden Massen wirklich seine Bedeutung behält  … Lohnt sich das?! Zerwühlte Regale, resignierte Kassiererinnen am laufenden Band und ein Andrang wie auf der Fusion.
Die Gedenktafel am rechten Eingang der Halle erinnert an zwei Deportationszüge von Dresden nach Riga (1942) und ein Jahr später nach Auschwitz

Die Gedenktafel am rechten Eingang der Halle erinnert an zwei Deportationszüge von Dresden nach Riga (1942) und ein Jahr später nach Auschwitz


Feine Ohren erlauschen die passende musikalische Unterlegung gleich nebenan aus den Kellern des TBA. Etliche Clubs, von Sputnik über L’Hibou bis Flowerpower, versuchten die Katakomben unter dem Bahnhof bereits zu beleben. Während unten gestampft wird, trämpeln obendrüber die Burgerinnen und Burger für hochgestapeltes Junkfood. Bis auf die Meißner Kacheln mit Schlossverzierung an der Wand ist der Neustädter so genormt ausgestattet wie jeder andere Bahnhof auch. Presse, Tabakwaren, Asia-Nudeln, ein Spar, der seinem Namen spottet. Es murmelt und summt wie in einem Bienenstock. Positioniert man sich direkt unter die Kuppel in der Mitte der Halle und klatscht in die Hände, erschüttert ein Echo den Raum, auf das jeder Alphornbläser neidisch wäre.

Wie in zahlreichen deutschen Bahnhöfen gab es von 1953 bis 1968 im Neustädter ein Zeitkino, in dem kurze Werbe- und Unterhaltungsfilmchen und die DEFA-Wochenschau „Der Augenzeuge“ ununterbrochen dudelten. Diesen Flimmer-Posten übernehmen jetzt, wenn auch mit wenig Charme, Bildschirme. Überpünktlichkeit kommt dem zugute, der sich gern den regelmäßig stattfindenden Fotoaustellungen in der Bahnhofshalle widmen möchte.

Tunnelblick im Neustädter

Tunnelblick im Neustädter

Auf dem Platz laufen mit ruckenden Köpfen Tauben über das winters trockengelegte Wasserfontänenspiel. Ein paar Menschen, die nicht aussehen, als hätten sie ein Zugticket, schlafen auf den Holzbänken. Die Palme vor dem Babos hält tapfer die Stellung und vorbei zieht der Deutschen Bahn schlimmster Konkurrent: ein Fernbus. Er verwehrt kurz den Blick auf das Hansa-Haus. Diesen maritimen Namen trägt das Seniorenpflegeheim am Schlesischen Platz, Endstation des navigatio vitae,  flankiert von Frisör, Reisebüro und Spielcasino.

Gegenüber des Schlesischen Platzes ploppt die antiallergene Zukunft in Form einer ganzen Armada aus hölzernen Bauten auf. Wer sich dagegen nostalgisch den Kopf von den 90ern verdrehen lassen möchte, dem sei der zweite Teil von Michael Krals Doku-Reihe „Dresden-Neustadt“ empfohlen.

Bahnhof Neustadt durch die Ruinen-Wand gesehen.

Bahnhof Neustadt durch die Ruinen-Wand gesehen. Foto: Archiv/2009

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12 Kommentare zu “Der Schlesische Platz

  1. Ulli
    12. März 2016 at 23:24

    Ein treffliches Portrait! :)

  2. nepumuk
    13. März 2016 at 00:49

    Klasse Portrait, da ist es mir auch egal ob Hanse oder Hansa.
    Viel ist im Bahnhof historisch geblieben, so genormt ist nun dieser gerade nicht, würdigt man z.B. die Prunkdecke des Entrées, die Baulichkeit der Fassaden und der mehrschiffigen Halle sowie die (gottseidank) denkmalgeschützten Wartehäuschen auf den nunmal auf zeitgenössische Ansprüche getrimmten Bahnsteigen. Bewegte man beim sonntäglich-verkaterten Ausnahmeeinkauf mal den Nischel gen Firmament, so offenbarte sich ein kaumgeahnter Stuckreichtum hinter schäbigst abgehängter Lidl-Decke. Dabei brauchts diese Zwischendecke gar nicht.
    Vielleicht gesellt sich bald ein Radparkhaus an des Bahnhofs Seite – quasi als ein weiteres Kontinuum. An Bahnhöfen kann man vermutlich alles auf den einen Nenner bringen: mobil oder immobil. Und der mobile Fernbus, gleichsam immobiler Dauerzustand, zieht mobiles Leben aus des Bahnhofs Immobilität.

    • Bautzender Bewohner
      13. März 2016 at 11:09

      „Bewegte man beim sonntäglich-verkaterten Ausnahmeeinkauf mal den Nischel gen Firmament, so offenbarte sich ein kaumgeahnter Stuckreichtum hinter schäbigst abgehängter Lidl-Decke“

      Allein für diesen famosen Satz hat sich die sonntägliche Lektüre des Neustadt-Geflüsters gelohnt – Schön‘ Dank! :)

    • 13. März 2016 at 16:42

      Danke nepumuk für den Hinweis, ich hab es mal korrigiert.
      Dass die Qualitäten des Sonntagseinkaufes auch mit Risiken verbunden sind, konnte ich schon 2003 feststellen.

  3. nike
    13. März 2016 at 09:25

    den rauchenden Rollifahrer sollte man mal als Neustadt Original interviewen, der hat bestimmt ne Menge zu erzählen :)

  4. christoph
    13. März 2016 at 11:43

    Gegenüber des Schlesischen Platzes ploppt die antiallergene Zukunft in Form einer ganzen Armada aus hölzernen Bauten auf.

    ???? was ist hiermit gemeint?

    • 13. März 2016 at 12:36

      Geh mal die Friedrich-Wolf-Straße lang und studiere die Bauschilder.

  5. 13. März 2016 at 14:50

    Vielen Dank für´s Verlinken! Es handelt sich aber nur um einen kleinen Ausschnitt aus einer Dokumentationsreihe von 1990. ;)

  6. asa
    13. März 2016 at 18:27

    Eigentlich schön, dass der Bahnhof noch als solcher erkannt werden kann und nicht in eine Einkaufswüste (ähnlich Leipzig Hbf) verwurstet wurde. Schön wärs, wenn der erste deutsche Fernbahnhof (hinterm Neustädter) im Zuge der Neugestaltung der Pieschener Vorstadt /Hafenstadt oder wie das Alles genannt wird, wieder in die Aufmerksamkeit kommt. Immerhin war die Strecke Leipzig/Dresden nach der Nürnberg/Führt Spaßprobe dank weitsichtiger Denke in Sachsen die erste erfolgreiche Bahnverbindung Deutschlands. Und das kann man heute noch sehen! Warum hat der Gedanke, das Verkehrsmuseum dort anzusiedeln keine Verfechter? Wo wäre das besser angesiedelt als dort? Da könnte man den geschichtsvergessenen Dresdnern auch gleich noch das GLEIS 1 vor Augen halten. Das Gleis, von dem aus die Dresdner Juden nach Auschwitz geschafft wurden- hat ja aber keiner gewusst.

  7. asa
    13. März 2016 at 18:45

    freu mich, dass an dem Denkmal von Marion Kahnemann immer mal wieder Blumen dran sind!

  8. 14. März 2016 at 12:17

    Als mich meine Eltern im Sommer 1984 in die Ferien bringen wollten, ist vor dem Neustädter Bahnhof eine Taube gegen die Windschutzscheibe unseres Trabbis geknallt (bis heute ist ungeklärt, ob die Taube zu tief oder wir zu hoch waren). Jedenfalls war für mich der ganze anschließende Aufenthalt bei meinen Großeltern in Thüringen sehr traurig, weil ich nicht wusste, ob die Taube überlebt hat. Wie empfindlich Kinder sein können … und Tauben erst.

    • E-Haller
      14. März 2016 at 13:14

      Du warst das… Ich hab es damals auch gesehen, die Taube hat überlebt. Zum Glück: weil sie dann `89 dem Dresdner Polizeichef auf die Uniform gekackt hat (absichtlich????), war der Sauberwischen beschäftigt und konnte den Schießbefehl nicht erteilen.

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