Die Lößnitzstraße

Die Lößnitzstraße ist als nächtlicher Heimweg düster und trist, bei Tageslicht eine abwechslungsreiche Grafitti-Galerie und seit 2015 offiziell das reanimierte kulturelle Herz des Scheunenhofviertels.

Die Lößnitzstraße trägt ihren Namen seit 1842 nach den einstigen Ortschaften Ober- und Unterlößnitz

Die Lößnitzstraße trägt ihren Namen seit 1842 nach den einstigen Ortschaften Ober- und Unterlößnitz

Als Heimweg in der Nacht war mir die Lößnitzstraße immer unheimlich. Laut, dunkel und nicht wirklich unterhaltsam. Tröstliches Kneipenlicht leuchtete nur aus Richtung des Goldenen Pfeils, der 2014 seine Pforten schloss und aus dem gelegentlich ein zünftiges Gröhlen zu vernehmen war. Aber man kann sich schlecht aussuchen, wo die Freunde wohnen. Unter der Bahnbrücke war vermintes Gebiet. Jetzt liegen die Häufchen ganz vorbildlich in schwarzen Tüten herum und sind ihrer profilverklebenden Wirkung beraubt. Während Züge und S-Bahnen den Boden zum Vibrieren bringen, lässt es sich wunderbar die wohl schmuddligste Galerie der Neustadt entlang wandeln. Hier markieren des nachts Streetartisten ihr Revier. Wütende Kritik, philosophische Fragen und kryptische Kritzeleien versüßen dem Lößnitzgänger den Weg.

Intime Bekenntnisse unter der Bahnbrücke

Intime Bekenntnisse unter der Bahnbrücke

Im Gewerbehof Lößnitzstraße 14 regt sich nichts, höchstens ein laues Lüftchen. Eine Herde Kabelrollen ruht friedlich vor dem Zugang zum Haus Sieben, Heimatsitz der Nikkifaktur. Busse und Verkaufswagen warten auf ihren nächsten Einsatz. Der Schein trügt. Hinter den Türen wird gekünstlert und gewerkelt, was das Zeug hält – am Hotspot der Neustädter Kulturschaffenden, der Lö14. Seit Frühling letzten Jahres dürfen die ansässigen Künstler offiziell auf dem ehemaligen Drewag-Gelände bleiben. Ein Blick auf die Briefkästen verrät das Spektrum des kreativen Netzwerks: Fotografen, Architekten, Webdesigner, Textildesigner. Ateliers, Verkaufsräume, Wohnungen. Ein einsamer Biker kurvt über den Hof und verschwindet rollenderweise hinter einer Tür.

Abgeschossen: die ehemalige Kneipe Goldener Pfeil

Abgeschossen: die ehemalige Kneipe Goldener Pfeil

Gegenüber des Hofes liegen einige Schrebergärtchen unterhalb des Bahndammes – Kleingartenidyll versus Schienenquietschen. Diese Kombination wirft immer wieder Fragen auf. Die beiden benachbarten Grundstücke wirken wie ein sehr einfach zu lösendes Finde-den-Fehler-Rätsel. Links wuchert Gestrüpp und ranken Schlingpflanzen, rechts hüpft ein Amselmann über den perfekt gestutzten Rasen. Ein paar Meter weiter vergeht langsam der Goldene Pfeil. Das Viertel holt sich den leblosen Raum mit Aufklebern und Tags an Türen und Scheiben zurück. Gegenüber ein Schaufenster ohne Laden: selten so viel in eine Auslage ohne Angebot geschmunzelt. Ein Zettelchen weist daraufhin, das von der Tür und den großen Glasfenstern nichts zu erwarten sei außer Unterhaltung. Ich stecke zufrieden meinen virtuellen Kassenbon in eine unsichtbare Tüte und werfe sie mir pfeifend über die Schulter. Hinter mir schnaubt ein Berlin-Linienbus.

Schotten dicht im ehemaligen "Dynamohaus" mit dem schwarzen Schriftzug "So tief mit dir verbunden"

Schotten dicht im ehemaligen „Dynamohaus“ mit dem schwarzen Schriftzug „So tief mit dir verbunden“

Auf dem Rückweg gen Königsbrücker steht die Tür zum Dynamischen Geistertreff halb offen und ein Streifen Tageslicht fällt auf zwei gebeugte Gestalten, die regungslos am Tisch sitzen. Sieht tatsächlich etwas spukig aus, da drin. Nebenan wühlt sich der Bagger dynamisch durch Schuttberge, die einmal das Haus Nummer vier waren. An der Fassade bröselt der teerschwarze Spruch von der ewigen Fußball-Liebe. Na ja. Marmor, Stein und Eisen bricht … Hier entsteht ein Seniorenheim. Vielleicht gibt’s da Nachwuchs für den Geistertreff.

Übersicht der Straßen im Ortsamtsbereich Neustadt

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3 Kommentare zu “Die Lößnitzstraße

  1. Alraune
    13. Januar 2016 at 14:41

    zumindest lesbar

  2. 13. Januar 2016 at 15:38

    Nicht zu vergessen, dass Mimikrihaus, das nachts leuchtet und so tut als wäre es bewohnt. Dort drin klemmte übrigens die Cateringbar als im Scheunenhofviertel vor sechs, sieben Jährchen der Langweiler, äh Zweiteiler, „Dresden“ gedreht wurde.

  3. Simon
    27. Januar 2016 at 13:02

    Sehr schön, danke.

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