Die Königstraße

Ach ja, da möchte man Tourist sein. Traulich leuchtet es samtig rot und fett golden aus den schicken Läden und Restaurants auf der Königstraße. Hier ist der Name Programm. Die eigenen Füße kommen plötzlich schnöde vor. Eine Kutsche wäre dem Pflaster würdig. In den Schaufenstern tragen die Puppen Spitzendessous und stützende Mieder. Sexy und formvollendet trotz Leber von der polnischen Stopfgans – das muss man sich leisten können.

Die Königstraße als barockes Prachtviertel von August dem Starken befohlen.

Die Königstraße als barockes Prachtviertel von August dem Starken befohlen.

Von der Hauptstraße weht Bratwurstdunst und Glühweindampf herüber. Dort schoben sich im Dezember die Massen und tankten Eierlikörpunsch, als wäre es kalt. Von Besinnlichkeit zu Besinnungslosigkeit in selbstbewussten Schlucken. Derlei Derbheiten verbieten sich auf der Königstraße. Hier präsentiert sich die barocke Hauptstadt im kriegsunversehrten Quartier, die Häuser nach ihren kultivierten Bewohnern klangvoll benannt und gehegt.

Selbst die DDR überlebte die schmucke Straße,  lindenbeschattet, als Prachtmeile im Herzen der Königsstadt geplant und erbaut. Kurfürst August beauftragte seinen Lieblingsarchitekten Daniel Pöppelmann und der reihte die Straße in die sternförmige Anlage um den Albertplatz ein.

Abendlicher Blick auf die Dreikönigskirche.

Abendlicher Blick auf die Dreikönigskirche.

Hier werden stilvoll Blüthner Klaviere feilgeboten, und zierliche Figurinen aus Meißner Porzellan. Anfangs noch, am Albertplatz-Ende, kehren dem Passanten kränklich-gelbe Platten das unansehnliche Hinterteil zu, darüber tröstet nach wenigen Metern schon die nächste Modeboutique hinweg. Zwischen Antiquariaten und edlen Restaurants sitzen die honorarkonsulische Vertretung Koreas und das Landesfunkhaus des ZDF. Die hübschen goldenen Käfige wurden seit den 90er Jahren kostenintensiv saniert,  nicht ganz uneigennützige Denkmalpflege. Hier schlägt nicht das Herz der Inneren Neustadt, es pocht verhalten.
Tut dem barocken Flair doch etwas Abbruch: Platte mit Sprung

Tut dem barocken Flair doch etwas Abbruch: Platte mit Sprung

Allerdings – keine Fassade ohne Kehrseite. Da gibt es graue Hinterhöfe, mit Gras bewachsen, wie erstarrt und doch voll Eigenleben. Unter den Gehwegplatten jauchzt, quietscht und schrammelt es. Wenn auch seit Herbst etwas weniger. Der Jazzclub Tonne, Sesamöffnedich zum Jazz, ist leider ausgezogen. Den Sitz unterm Kulturrathaus gaben die Jazzer auf, nun tönen sie wieder in der Altstadt. Geblieben ist das Amt für Kultur und Denkmalschutz und die Kinder- und Jugendgalerie Einhorn. Einmal im Monat treffen sich die Stadträte hier, zumindest so lange das richtige Rathaus noch saniert wird.
Blick in einen Hinterhof auf der Königstraße, Höhe Nummer 15.

Blick in einen Hinterhof auf der Königstraße, Höhe Nummer 15.

Ein paar Schritte noch, dann steht man auf dem Jorge-Gomondai-Platz. Schnell verfliegt das hochwohlgeborene Gefühl des Königmärchenlandes. Es ist nur konserviert unter den beleuchteten, gestutzten Bäumchen, in Gegenwart der roten Teppiche, den dezent beleuchteten Schaufenstern auf Hüfthöhe. Nicht übertragbar. Über der Dreikönigskirche blutet sich der Himmel aus.

Übersicht der Straßen im Ortsamtsbereich Neustadt

ein König auf der Königsstraße

ein König auf der Königsstraße

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16 Kommentare zu “Die Königstraße

  1. Alraune
    5. Januar 2016 at 17:08

    es ruppt mich nicht vom Hocker, geht so leidlich.

  2. Ecki
    5. Januar 2016 at 18:15

    „Selbst die DDR überlebte die schmucke Straße“ – na eben nicht so ganz: dort, wo jetzt gezeigte Platte steht, befanden sich bis in die 1980er Jahre noch spätbarocke Kleinstadthäuser, u.a. auch eine Schmiede oder Schlosserei. Die Besitzer wurden enteignet, umgesiedelt, die Häuser abgerissen; Protest half damals bekanntlich wenig, wollte man nicht sogar vergitterte Fenster.

    Und das Hotel Bülow Palais ist eine Fassadenrekonstruktion des ehemaligen Dreikönigs-Pfarrhauses (manche erinnern sich bestimmt noch an die seltsame Freifläche dort). Das Haus hatte den Krieg überstanden, aber dann wackelte da wohl im falschen Moment eine Gardine, was den Anlass bildete, das Haus samt seinen Bewohnern mit ein paar Kanistern sowjetischen Benzins niederzubrennen…

  3. turbulent
    5. Januar 2016 at 18:34

    @Philine
    witzig geschrieben, Danke!

    *Das Haus mit der Nr. 15, ist das einzige unsanierte Haus in der Königstraße?

    *Tut dem barocken Flair doch etwas Abbruch: Platte mit Sprung*
    – wenigstens hat sich der Osten beim Dach etwas Mühe gegeben. Wenn ich mir die heutige „moderne“ Architektur so ansehe, sieht’s bald aus wie Kairo. Einzige Vorteile: – es kommt kein Dachziegel von oben und es braucht keine Schilder „Vorsicht Dachlawine“
    – etwas besser wird in der Böhmischen Straße, aber leider können da nur jene wie auch in der Königstraße wohnen, die vor großen Monitoren sitzen oder Pipetten füllen.

    *Über der Dreikönigskirche blutet sich der Himmel aus.
    – hat die heilige Maria wohl ihre Menstruation gehabt? … wie gut das das nicht hier unten angekommen ist ;-)

    mfg tt

  4. Maria
    5. Januar 2016 at 21:38

    @tt: manche bekommen ihre Menstruation wohl auch zwischen den Ohren

  5. turbulent
    6. Januar 2016 at 07:56

    @Maria da hast Du recht.
    Jedoch das Hirn ist mir noch nicht ausgeblutet, aber von Zeit zu Zeit einen Hirn-Schiss zu haben, sich mal richtig auszukacken, das ist schon ok und allemal gesellschaftskonform …. leider vertrage ich die Abführmittel für den Selbigen nicht mehr und musste sie absetzen ;-)

  6. Andreas
    6. Januar 2016 at 11:13

    @Maria: Das ist Verletzung religiöser Gefühle von MitbürgerInnen. Mich wundert, dass Anton so etwas einfach stehen lässt.

  7. Alraune
    6. Januar 2016 at 11:29

    sehr passend zum Artikel

  8. Karsten
    6. Januar 2016 at 14:34

    Oach, der Artikel war mal wieder sehr nett und informativ. Ebenso witzig und unterhaltsam die Kommentare. Aber eines schockiert mich: kann es wirklich sein, dass die heilige Maria einem Mitbürger mit Nasenbluten droht? :-D

  9. turbulent
    6. Januar 2016 at 17:39

    @Andreas: …ich finde Maria hat hier sehr gut gekontert. Man(n) merkt eine Frau mit Biss, die sich nichts gefallen lässt. Da läuft’s mir gleich ganz kalt den Rücken runter und mir wachsen Hörner ;-)

  10. christoph
    6. Januar 2016 at 19:13

    @turbulent… bestimmt mindestens eins

  11. 7. Januar 2016 at 06:01

    …….danke Philine,war wieder sehr kurzweilig zu lesen und ich habe–ohne zu wissen das du es schriebest–deinen Stiel erkannt……

    grussi……

  12. julia
    7. Januar 2016 at 12:51

    @tt durchweg unpassend, …hirn-schiss, auszukacken … geht#s noch. klares bäh

  13. Paul Neumann
    7. Januar 2016 at 16:23

    Müsste die Straße nicht Königsstraße heißen? Es ist doch die Straße des Königs, nicht eine nach einem Herrn König benannte Straße, was die derzeitige Schreibweise uns glauben macht.
    Kuckst du hier (Stadtplan 1833):
    http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/80931151/df_ld_0021277

    • 7. Januar 2016 at 17:27

      @Paul Neumann: Die Binde-S werden auch an allen Orten geklaut. Allerdings ist das in diesem Fall schon ganz schön lange so, denn selbst in der Karte von 1899 heißt sie König Straße, später dann mit Binde-Strich König-Straße. Zu DDR-Zeiten war sie mit Herrn Friedrich Engels ordentlich durchgekoppelt. ;-)

  14. turbulent
    7. Januar 2016 at 18:14

    …ach @julia, ich will mich nicht verstellen und rede daher wie mir der Mund gewachsen ist, das macht mich und alle anderen hier zu keine schlechteren Menschen…und dich macht es zu keinen besseren Menschen in dem Du dich aufregst…riecht dein Hintern ebenfalls gleich wie alle anderen hier und wirst auch Du am Ende deines Daseins nicht unsterblich sein.

    …das klare „Bäh“ toleriere ich natürlich und entschuldige mich bei dir persönlich in aller Form….aber auch Du wirst an meinem Mundwerk nichts mehr ändern können, es sei denn Du kommst mir so nahe, das ich regelrecht gezwungen bin den Mund zu halten bzw. zu öffnen….denn gegen die Waffen einer schönen Frau bin wohl auch ich machtlos…von daher geht’s noch, Danke ;-)

  15. julia
    7. Januar 2016 at 22:43

    @tt … ach schon gar nicht. und lass diese unterschwellige sexuelle Anspielungen. nahe kommen mit den Waffen einer schönen Frau??? Uff. drei Sätze davor, irgendwas wie mein Hintern riecht … gehts noch?!

    Lustig geht anders.

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