Vernissage: Selbstportraits einer Neustädterin

Sophie Hawaleschka (27) lädt am Freitag zu ihrer ersten Vernissage in die Nikkifaktur

Sophie Hawaleschka (27) lädt am Freitag zu ihrer ersten Vernissage in die Nikkifaktur

Vor ihr liegt ein leeres Blatt Papier, nackt und unschuldig. Sie greift zum Stift. Was mit wenigen Bleistiftstrichen beginnt, wird später von einer Fotografie kaum zu unterscheiden sein. Ein hübsches Gesicht lächelt mir entgegen, ein zweiter Blick wird nötig, um es als das, was es ist, zu identifizieren: ein Portrait, mit Leidenschaft gezeichnet und zum Leben erweckt, von einer jungen Künstlerin aus der Neustadt. Nun steht Sophie Hawaleschkas erste Vernissage bevor. Ihr Herz tanzt, die Hüllen fallen, die Linien werden schärfer – der Traum der 27-Jährigen geht in die nächste Etappe. Am Freitag um Punkt 19 Uhr verwandelt sich die Nikkifaktur in den Spiegel der Künstlerin. Alles beginnt bei ihr selbst. Lest selbst: Ein Gespräch mit Sophie.

Wie bist du zur Kunst gekommen? Hast du als kleines Mädchen schon gern gezeichnet?

Das werde ich in der Tat tatsächlich oft gefragt. Ja, ich habe als kleines Mädchen schon gezeichnet und – wie viele andere – im Kunstunterricht der Schule meine Leidenschaft dafür entdeckt. Später hatte ich Glück und konnte auch den Kunst-Leistungskurs belegen. Da wurde man natürlich intensiver gefördert. Nach der Schule wusste ich nicht so recht wohin mit mir. Entschieden habe ich mich schließlich für eine Ausbildung im Bereich Grafik-Design. Dort wurden wir nicht nur im Layouten geschult, wir arbeiteten auch an unseren zeichnerischen Fähigkeiten: mal stand das Natürliche im Vordergrund, mal das Abstrakte. Beides habe ich gern gemocht. Nicht gern gemocht habe ich Selbstportraits. Generell Portraits, weil ich sie einfach nicht zeichnen konnte.


Irgendwann während meiner Ausbildung habe ich angefangen Skizzenbücher zu füllen. Eines Tages fiel mir auf, dass sich zwischen den anderen Zeichnungen immer mal wieder Portraits rein gemogelt hatten. Wie genau das kam, weiß ich gar nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich zeichnen wollte, was ich sah und faszinierend fand. Zu Landschaften fand ich nie wirklich Zugang, es waren vor allem Portraitaufnahmen diverser Fotografen die es mir angetan hatten.

Dann – zur Zeit des legendären Studi-Vz‘s – erreichte mich ganz plötzlich die Frage eines Mädchens, ob ich sie und ihre beste Freundin zeichnen könnte. Sie hatte sich wohl die Zeichnungen aus meinem Skizzenbuch bei StudiVz angesehen. Das war sozusagen mein allererster Zeichenauftrag. Das Ergebnis hat mich sehr überrascht, umso mehr freute ich mich, dass ich jemand anderen glücklich gemacht habe. Ich stellte auch diese Zeichnung ins Netz, so kam eins zum Anderen. Heute schimpfe ich mich selbst als Portrait-Zeichnerin, Grafikerin und Illustratorin. Verrückt, wo ich doch damals nichts mit Portraits anfangen konnte.

Mit welchen Stolpersteinen hattest du zu kämpfen, was hielt dich trotz jener bei der Kunst?

Die Stolpersteine werden sich erst auf meinem jetzigen Weg aus ihren Schatten wagen. Bisher habe ich das Zeichnen während der Ausbildung und meines anschließenden Studiums in Produkt- und Intermediales Design betrieben. Erst mit der großen Frage, welche auf dann folgte: „Und jetzt?“, entschied ich mich nach einiger Überlegung, meinen eigenen Weg zu gehen, wenn wir kein anderer vor die Füße fallen sollte. Stolpersteine? Doch klar, in dem Sinne, dass man zu unüberlegt Entscheidungen trifft, zu schnell zu viel will und ungeduldig wird. Man sollte seinem Traum die nötige Zeit geben, Gestalt anzunehmen, Hilfe von außen annehmen, aber sich auch nicht verunsichern lassen.

Dein Herz schlägt fürs Portrait-Zeichnen und Illustrieren, richtig? Das sind doch eigentlich zwei komplett verschiedene Welten, oder? Während das eine durch winzige Details zum Leben erweckt wird, überzeugt das andere durch seine Abstraktion. Wie passt das zusammen?

Ich würde sagen mein Herz schlägt ganz klar fürs Portrait-Zeichnen. Das Illustrieren habe ich für mich neu entdeckt und steckt noch in den Kinderschuhen. Es interessiert mich sehr und ich werde meine Fähigkeiten auf diesem Gebiet weiter ausdehnen. Das Portrait-Zeichnen mache ich nun schon so lange und kann über die Jahre selber zusehen, wie meine Zeichnungen stetig an Qualität gewinnen. Das macht nicht nur Spaß, sondern gibt auch das nötige Selbstbewusstsein, um sich auf dem Gebiet zu spezialisieren. Mein Vorbild in dieser Hinsicht ist der Fotorealismus: Bleistift-Zeichnungen sehen von Weitem tatsächlich aus wie eine Fotografie, erst bei genauerem Herantreten erkennt man, dass sie tatsächlich gezeichnet worden sind. Genau aus diesem Grund leben meine Bleistift-Portraits von ihren Details, welche sie zum Leben erwecken. Jede Fläche ist mit dem Bleistift ausgearbeitet, nichts wird verwischt, nichts dem Zufall überlassen – ich setze jeden Schatten dort hin, wo er hingehört.

Die Illustration hingegen lebt von ihrer Abstrahierungsfähigkeit. Sie ist sehr viel freier als das fotorealistische Portrait und genau das macht den Reiz aus, um es miteinander zu kombinieren. Das Kontrollierte, Genaue und das Freie, Wilde. Bleistift und Farbe. Präzision und Willkür. Wenn all das zusammenkommt, treffen Wirkung und Gegenwirkung aufeinander. Ein unheimlich interessanter Kontrast entsteht und diesen möchte ich nutzen – nutzen, um meinen Zeichnungen noch mehr Ausdruck zu verleihen, um wieder freier zu arbeiten, um das geschulte Auge mit der euphorischen Intuition zu verbinden.


Deine 1. Vernissage in der Nikkifaktur steht bevor. Dafür hast du eine eigene kleine Portrait-Serie angefertigt, die nicht nur das Schöne der Person widerspiegeln soll, sondern dem Betrachter auch Freiraum zur Interpretation lässt. Auf was dürfen wir uns freuen?

Auf eine spannende kleine Reise, auf die ich mich mit mir selbst begeben habe. Mit dem Ziel eben Erwähntes zum Leben zu erwecken und damit zu experimentieren, was aus Präzision, Willkür und Intuition entstehen kann, darauf dürft ihr euch freuen.

Ich bin schon sehr aufgeregt – gerade weil es die 1. Vernissage zu meinen Portrait-Zeichnungen ist. Die Themenwahl, welche mir persönlich sehr wichtig war, fiel mir anfangs nicht so leicht. Ich wollte nicht wahllos irgendwelche Portraits zeigen, sondern eine Zusammengehörigkeit schaffen. Was zeigt am besten, wofür ich meine Leidenschaft hege und was ich alles kann? So entschied ich mich schließlich, mich selbst als Thema zu wählen. Mit mir hat alles begonnen. Nämlich damit, dass ich mich selbst nicht zeichnen konnte. Damit, dass ich es aber musste. Damit, dass ich es tat. Und damit, dass ich begann andere Menschen zu zeichnen, ihnen eine Freude bereiten konnte. Das ist es, was ich tun möchte. Ich möchte zeigen, was ich kann und liebe, um mich und andere damit glücklich zu machen. Sehr träumerisch, ich weiß. Aber beginnt nicht jede große Reise mit einem Traum und einem Ziel vor Augen?

Was sind deine Pläne für die nächsten Monate, was möchtest du noch loswerden?
Große Stolpersteine meiden, kleine sind gut, lassen dich deinen Blick fokussieren, aber nicht blind geradeaus gehen; viele Leute Teil meiner Reise werden lassen und mich auf meine Intuition und Fähigkeiten verlassen. Dann kann doch nicht viel schief gehen, oder?

Lernt die Künstlerin kennen, löchert sie mit weiteren Fragen – Sophie freut sich auf euren Besuch am Freitag in der Nikkifaktur.

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