Die Hauptstraße

zwischen Schmuddel-Platte und barocker Opulenz

zwischen Schmuddel-Platte und barocker Opulenz

Auf dem Dorf herrschte auf der Hauptstraße immer der heftigste Verkehr. Weil diese, in anderen Dörfern auch gern Dresdener Straße genannt, nach Dresden führte. Nun, auf der Hauptstraße in Dresden rollen nur Fahrradreifen und manchmal dicke Tränen, wenn Kinder feststellen, dass die lustigen Fontänen das Wasserspiels am Jorge-Gomondai-Platz nicht als Souvenir dienen. Oder wenn wieder ein kulinarisch aufgeschlossener Tourist das Schoko-Chili-Eis des Cafés Venezia unterschätzt hat.

Die Hauptstraße kann sich nicht entscheiden zwischen Schmuddel-Platte und barocker Opulenz. Von des einen Balkonen hängen die Geranien und dahinter manchmal ein bebrilltes Gesicht. Das andere entlockt den schon zum Staunen halb aufgeklappten Mündern der Besucher so manches „Ah“ und „Oh“ – dazwischen schlafen die Obdachlosen auf den Parkbänken.

Versucht seit Jahren die Hauptstraße entlang zu reiten - ist aber in Gold erstarrt.

Versucht seit Jahren die Hauptstraße entlang zu reiten – ist aber in Gold erstarrt.

Die Klassenfahrt damals, vom Dorf über die Hauptstraße zur Hauptstraße nach Dresden, führte ins Kügelgenhaus und hinein in die Dresdner Romantik. Kindliches Staunen galt jedoch eher den Horden von Tauben, die im Gegensatz zu den Spatzen aussahen wie Kampfflugzeuge. Zum Schillerdenkmal, das überirdisch weiß aus dem Gebüsch lugt, durfte man nicht hingehen. Auch nicht zu zweit, denn dort „pullerten die Assis hin“. Die Kindergärtnerin sagte es mit bedauerndem Ton und man fragte sich, denn so viel Verstand war im Kindskopf schon vorhanden, wie die Lehrerin das wissen konnte. Denn immer wenn man hinsah, stand Schiller da ganz allein in seinem marmornen Laufställchen. Außerdem war es schwer, die Urteilssprechung des Erziehungspersonals zu deuten: Ossis, Wessis, Assis – kryptische Artenbestimmungen ohne Bestimmungsbuch, geschossen aus der runden Hüfte.

das Kügelgen-Haus

das Kügelgen-Haus

Im „Buch und Kunst“, das heute Thalia heißt, gab es entsetzlich viele Postkarten und mit Marken waren all die gewünschten Motive so teuer, dass die verführerisch duftende Bratwurst entfallen musste und man wohl oder übel mit dem im erhitzten Rucksack matschig gewordenen Inhalt der Bemmbüchse Vorlieb zu nehmen hatte. Ganz hoch im Kurs stand auch Porzellannippes, zweite Wahl. Eine Unter- ohne Tasse, als Mitbringsel aus der Großstadt Dresden.

Markthalle an der Hauptstraße

Markthalle an der Hauptstraße

Friedlich stehen sich auf dem Pflaster der Flaneure der Mammon (die Markthalle) und die Geistlichkeit (die Dreikönigskirche) gegenüber. Noch pazifistischer wurde die Aura im Jahr 2011 für zwei beglückende Monate, nachdem vier „Trunkenbolde“ am Goldenen Reiter gleichfarbigen Schnitt unternommen und ihm sein Schwert entrissen hatten. Das wurde ordnungsgemäß wieder montiert und jetzt, eingehüllt in Blattgold und fürchterlich bewaffnet, strahlt der  dicke Friedrich Rex* auf seinem adipösen Gaul trotz seines Zwergenwuchses wieder majestätische Autorität aus. Vom Brauhaus Watzke linsen die Bierschlürfer herüber. Das Goldene sticht im Auge.


Im Winter verwandelt sich die Hauptstraße in den Highway-Zubringer zum Striezelmarkt. Direkt von der Neustadt schiebt sich wie eine murmelnde Lawine das Mummel-Massengetummel an Buden voll mit Glas, Schokoladenwerkzeugen, Tiroler Schinken, selbstgezogenen Kerzen, gebrannten Mandeln, großäugigen Kuscheltieren vorbei über die Augustusbrücke bis in den Brandherd der Weihnacht. Benebelt und willenlos bezahlt man dann händeweise Kleingeld für einen schwappenden Becher Glühwein – und von dem braucht es einige, bis die irritierenden Gespräche der Firmenweihnachtsfeiern zu Pulverschnee zerfallen.

* eigentlich Augustus Rex auf einem Lipizzanerhengst, korrekte Bezeichnung: „Friedrich August I. Herzog von Sachsen, Kurfürst und Erzmarschall des Heiligen Römischen Reiches, König von Polen. August II.“

Straßen und Plätze und Brücken im Ortsamtsbereich Dresden Neustadt

Eiscafé Venezia

Eiscafé Venezia

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31 Kommentare für “Die Hauptstraße

  1. Andreas
    24. Juli 2015 um 13:25

    Bebrillte Gesichter gibt es überall (auch bei Jüngeren), nicht nur in Plattenbauten.

  2. Kaiser
    24. Juli 2015 um 14:59

    „Der dicke Friedrich Rex“?
    Hieß er nicht August (bzw. Augustus)?

  3. 24. Juli 2015 um 17:43

    Friedrich August I.

  4. spätshopkunde
    24. Juli 2015 um 18:18

    den Spätshop gibt es nach wie vor, vom Albertplatz kommend am Venezia links abbiegen und dann hinter’m Reisebüro. Nicht zu verfehlen… ;)

  5. Alraune
    25. Juli 2015 um 08:17

    Wie mit einer überwürzten Suppe, man will es besonders gut machen und es geht trotzdem oder gerade deshalb in die Hose.

    “ Mummel-Massengetummel „, völlig sinnloses Geschreibsel.

  6. axel
    25. Juli 2015 um 09:17

    Das Reiterstandbild von „Friedrich“ Rex steht Unter den Linden in Berlin und ist im Gegensatz zu dem schön vergoldetem von „August“ Rex nur aus Bronze. Die Initialien AR (für Augustus Rex) sind die Schnörkel auf der Rückseite des Sockels. http://www.neustadt-ticker.de/wp-content/uploads/2014/06/2008-02-16-GoldenerReiter.jpg

  7. ein anderer Stefan
    25. Juli 2015 um 09:57

    Ach, Alraune, ohne Deine sinnlosen Verrisse würde echt was fehlen. Hat schon was von Folklore.

  8. Cato
    25. Juli 2015 um 13:08

    @Alraune: ceterum censeo Karthaginem esse delendam –
    Durch permanente Wiederholung wird es weder besser noch richtiger. Lass das doch mal!

  9. Alraune
    25. Juli 2015 um 18:47

    @ Cato, mal davon abgesehen, dass Cartago schon immer mit C geschrieben wurde, bin ich der Meinung dass die Artikel permanent derart überwürzt sind. Philine ist offensichtlich nicht willens oder in der Lage einen interessanten Artikel durch seine Details der Recherche und / oder echt literarisch gekonnte Attribute spannend und zugleich unterhaltend zu fabrizieren, statt auf alle mögliche Wortkreationen zurückgreifen zu müssen, die vom eigentlichen Thema nur ablenken. Das kann doch auch dem Lektoren nicht verborgen bleiben.
    Ich werde jede Änderung hin zu einem vernünfig lesebaren Artikel wohlwollend kommentieren, denn die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

    In diesem Sinne

  10. Alraune
    25. Juli 2015 um 20:08

    hat jemand ein H übrig ?

  11. Cato
    25. Juli 2015 um 21:54

    ach Alraune: im Lateinischen gibt es drei Worte, die mit K geschrieben werden. Karthago ist eines davon. Neu-Lateiner ignorieren das oft. Und was im Netz steht, ist ohnehin zweifelhaft (siehe Deine Kommentare – das musste jetzt mal sein). Also vertrau mal einem alten Latriner, auch wenn ich schon über MM Jahre tot bin. Si tacuisses, philosophus manisses.

  12. Ecki
    25. Juli 2015 um 22:20

    Philine, sonst schreibst Du immer so schön was über die Historie. Das hätte sich doch auch bei der Hauptstraße angeboten! Von Augusts weitblickender Idee bis zu Walters und Erichs kurzsichtigen Plänen. Holst Du das noch nach? Wäre echt lohnend!

  13. Alraune
    25. Juli 2015 um 22:25

    Klasse Kommentar auf Deutsch !!!!!!

  14. axel
    25. Juli 2015 um 22:41

    @Anton: Im Artikel steht immer noch >Friedrich Rex political correct< sein sollte. http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-im-fluss/160216/warum-friedrich-ii-dresden-zerstoerte?p=all

    Dieser Post muss nicht 1:1 auf deiner Seite erscheinen, ich bitte nur um Berichtigung im Artikel, da das "für immer" im Netz steht, und so einfach falsch ist. Was wenn deine Nachkommen sich in Geschichte auf "das Netz" berufen, wenn sie doch ne 5 bekommmen…

    Ach und noch was: es muss Bemm`büchse heissen, das "en" wird sprachlich verschluckt, aber drinnen sind Bemmen, nicht Bemm.

    Bitte einen lieben Gruss an Philine, weiter so!

  15. 26. Juli 2015 um 11:46

    @axel: ich habe das mal durch eine Anmerkung klar gestellt. Und wenn nachrückende Abschreiber keine Fußnoten lesen, haben sie die „5“ auch verdient. ;-) Mit der Bemmbüchse und dem verschluckten „en“ habe ich kein Problem. Die kann man durch ein Apostroph andeuten, muss man aber nicht.

  16. Philine
    27. Juli 2015 um 10:52

    Danke spätshopkunde! Das letzte Mal, als ich da lang lief, war dicht! Aber das freut doch zu hören!

    @Ecki: ich kann nicht immer historisch ;) Grad bei mit Geschichte überladenen Straßen bietet sich doch manchmal ein Schlenderportrait an!

  17. julia
    27. Juli 2015 um 11:40

    … bei aller Sachlichkeit, habe auch ich vereinzelt den Eindruck, die Autorin hopst auf fünf Springbällen gleichzeitig durch die Welt, und die beschriebenen Straßen … wurden zuvor mit Acid gereinigt …was den alles ist so neu und aufregend und mit pazifistisch trunkenen Worten gekleideten Sprachstiel, von selbst erklären würde. Wahrscheinlicher evozieren sich fünf keifende Hund oder menschenverachtende Untergrundmusik im Hintergrund, in die Gedanken der Schreiberin. Aber das bleibt wohl, reine Spekulation. Kicks.

  18. 27. Juli 2015 um 12:04

    Meine Mutter und ich suchten im Plattenladen neben dem Eiscafé Kristall mit Kopfhörern nach schönen Märchenplatten und Hits aus Ost und West. Und kauften dann drei Schallplatten von Helga Hahnemann. Die schickten wir als Revanche für abgetragene West-Shirts, auf denen vorne immer „WOLFGANG“ stand, in den Westen. Am Abend saßen wir im „Äbörlausitzor Däbb’l“ und ich sah Toni Krahl am Fenster Abendbrot essen. Ein Mann aus der BRD erzählte uns etwas über die SPD und den hohen Anteil der Mercedes-Fahrer unter den Genossen. Hinter dem Laden der Union (später DNN) verkaufte ein Bäcker Baises. Es roch nach Herbst.

  19. 27. Juli 2015 um 12:06

    @Torsten: Witziges Detail am Rande … einen Laden der Union gibt es auf der Hauptstraße noch immer. Nur dass es sich um ein Gasthaus handelt und mit Union keine Zeitung mehr gemeint ist.

  20. Meg
    27. Juli 2015 um 16:04

    @ Julia: d’accord :-)

    Was übrigens für alle Ihre Beiträge gilt.

    @ Philline: mal bissel die Aufregung rausnehmen, Poetengeflüstersprechtiradengeschwurbel kann auf Dauer nämlich auch nerven…

  21. Alraune
    27. Juli 2015 um 19:31

    „Poetengeflüstersprechtiradengeschwurbel“, grööööhhhhhl.

    es schein zumindest bei ihr schwer zu sein sich normal und gleichzeitig interessant auszudrücken. EINFACH gut zu schreiben ist eben nicht jedem gegeben. Da muß schon eine Menge Hochmut mit im Spiel zu sein und dem Lektor schein es schiet egal zu sein, wenn der eigene Ruf langsam ruiniert wird.

  22. 27. Juli 2015 um 19:48

    Nun ja, @julia, wenn der Sprachstiel der eigenen Schaufel im Bergwerk der Wörter abbricht… dann waren diese vielleicht zu schwer.

  23. 27. Juli 2015 um 19:49

    @Alraune: Wenn ich der Ansicht wäre, dass Philines Texte nicht ins Neustadt-Geflüster passen würden, würde ich sie nicht veröffentlichen. Ich habe mich beim Lesen des Hauptstraßen-Textes jedenfalls so köstlich amüsiert, dass mir noch nicht mal der falsche Friedrich aufgefallen ist.

  24. Alraune
    27. Juli 2015 um 21:25

    sie passen ganz sicher, vielleicht ist der Kommentar von Peter Macheli doch mal Anlaß für dich darüber nachzudenken, was hier doch einige zu dem STIL meinen.

    nämlich Poetengeflüstersprechtiradengeschwurbel

  25. 27. Juli 2015 um 21:43

    Hallo Alraune, auch was Wortwitz betrifft, gibt es verschiedene Geschmacksrichtungen. Eine Leserin hat auf Facebook den Artikel wie folgt kommentiert: „Wie genial ist das denn geschrieben?! „Adipöser Gaul“ – ich hau‘ mich wech!!! Klasse!“

  26. 27. Juli 2015 um 22:30

    @Anton: Das erinnert mich an die Geschichte von der Hochsee-Kapitänin, die sich bei einem pöbelnden blinden Passagier dafür entschuldigte, dass sie seine Stammkneipe aus persönlichen Gründen nicht ansteuern kann.

  27. Alraune
    27. Juli 2015 um 22:32

    aber eben nur EINE Leserin !!!!!!

  28. 28. Juli 2015 um 07:34

    Nee, @Alraune, ich habe kein Problem mit Philines Stil. Ich lese nur gern stilkritisierende Kommentare, vielleicht lernt man ja was. Schreib doch mal ein Vorbild.

  29. ML
    28. Juli 2015 um 12:11

    Tja, Alraune, das ist eben das neue intellektuelle Niveau.

  30. julia
    29. Juli 2015 um 10:08

    @ML (etc.) bleib(t) mal auf dem Teppich …

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