Die Bachstraße

Die Bachstraße verbindet den Bischofsweg mit der Nordstraße.

Die Bachstraße verbindet den Bischofsweg mit der Nordstraße.

In grober Anlehnung an das Alphabet stellen wir die Straßen und Plätze der Neustadt vor. Nach wem oder was die Bachstraße benannt ist, geht aus dem sonst so verlässlichen „Namenbuch der Dresdner Straßen und Plätze“ von Adolf Hantzsch nicht hervor. Naheliegend, auch im geografischen Sinn, ist das Flüsslein Prießnitz. Diese wird in jedem Nachschlagewerk jedoch eindeutig als Nebenfluss und nicht -bach der Elbe angeführt, was sie sich mit einer Länge von knapp 25 Kilometern und einem wagemutigen Wasserfall bei Klotzsche auch verdient hat. Bleibt die Frage, woher die Bachstraße seit 1857 ihren Namen hat.

Inspirierte womöglich der große Johann Sebastian zur Taufe des Wegleins? Heute wollen alle gen Hypezig. Dem Orgelvirtuosen schwebte 1730 jedoch der Umzug in die Gegenrichtung vor. Er beschwerte sich in einem Brief an einen Freund über das teure Leipzig, dessen Obrigkeit seine Künste nicht angemessen zu würdigen wüsste und erhielt drei Jahre später tatsächlich die gewünschte Stelle als „königlich polnischer und kurfürstlich sächsischer Compositeur bey Dero Hoff-Capelle“. Ein Mann mit derart ausschweifendem Titel hätte sich wahrscheinlich gewünscht, Patron für eine prunkigere Straße zu sein. So wäre es, um auf die Wurzeln der Neustadt anzuspielen, eben eine punkige geworden. Der „gute alte Ludwig van“ mit seinem wirren Schopf hätte als „Punk der Wiener Klassik“ da wohl besser gepasst. Er bekam eine Straße in der Altstadt zugesprochen. Großer finanzieller Ruhm und Erfolg garantieren Zentrumsnähe.

Tempo 30 ist Pflicht, ist angesichts des Großkopf-Pflasters auch die bessere Wahl.

Tempo 30 ist Pflicht, ist angesichts des Großkopf-Pflasters auch die bessere Wahl.

Es ist nun nach allen Denk-Dehn-Übungen am wahrscheinlichsten, dass die Straße ihren Namen nach dem Rauschen des Wassers und nicht nach dem Tosen des Beifalls trägt. Wenn auch kein großer Komponist je seinen Fuß auf das Kopfsteinpflaster setzte, wohnte 1868 zumindest die Witwe eines Musiklehrers, Betty Kles, dort. In der Nummer 8. Gesellschaft hatte sie von den Gebrüdern Kadner. Einer, der Dr. med., „Director der diaetischen Heilanstalt und Klinik“, der andere „Lehrer der Realwissenschaften der Sprache und Gedächtniskunst“, wie aus einem historischen Adressbuch hervorgeht. Letzterem traue ich seine Fähigkeiten gern zu, denn die Bachstraße ist aufgrund ihres Gingkobaum-Bewuchses seit 1999 offizielles Naturschutzdenkmal. Dem Gingko schrieb bereits die chinesische Medizin eine positive Wirkung auf die Gedächtnisleistung zu. Das wissen heute auch die fürsorglichen Pharmakonzerne.

Die Gingko-Bäume auf der Bachstraße stehen unter Naturschutz.

Die Gingko-Bäume auf der Bachstraße stehen unter Naturschutz.

Unser aller Goethe war begeisterter Bewunderer des mythischen Baumes. Für Beethoven fand er nach ihrer ersten und einzigen Begegnung in Teplitz eher trockene Worte: »Beethoven habe ich in Töplitz kennen gelernt. Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt; allein er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar gar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie dadurch freilich weder für sich noch für andere genußreicher macht« DIE ZEIT Nº 28/2012

Dem Gingko aber schrieb Goethe 1815 ein Gedicht:

    Gingo Biloba

    Dieses Baums Blatt, der von Osten
    Meinem Garten anvertraut,
    Giebt geheimen Sinn zu kosten,
    Wie’s den Wissenden erbaut,

    Ist es Ein lebendig Wesen,
    Das sich in sich selbst getrennt?
    Sind es zwei, die sich erlesen,
    Daß man sie als Eines kennt?

    Solche Frage zu erwidern,
    Fand ich wohl den rechten Sinn,
    Fühlst du nicht an meinen Liedern,
    Daß ich Eins und doppelt bin?

Trotz Herbst noch erstaunlich grün: die Bachstraße

Trotz Herbst noch erstaunlich grün: die Bachstraße

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6 Kommentare zu “Die Bachstraße

  1. Trixie
    26. Oktober 2014 at 15:12

    Alphabeth? Habe ich schon wieder eine Rechtschreibreform verpasst?

  2. 26. Oktober 2014 at 18:30

    Nein. Der Einleitungsschreiber (also ich) hatte vermutlich nur zu viele Ouzo.

  3. Trixie
    26. Oktober 2014 at 18:35

    Ok, das kann man gelten lassen!

  4. Hebräer
    27. Oktober 2014 at 00:12

    Alphabet von Alephbejt, Aleph Bejt, den ersten zwei Buchstaben der ältesten Schriftsprache mit einzelnen Buchstaben, dem Hebräischen. Aleph ist Behelfsbuchstabe zur Kennzeichnung von Vokalen; Bejt kommt von Bajit, Haus (vgl. Bethlehem: dt. „Haus des Brotes“); der Buchstabe Bejt sieht daher aus wie ein alter Grundriss eines Hauses.
    Früher wohnten Leute, die so etwas sprachen und auch schreiben konnten, mitten unter uns, hatten sogar ihren Friedhof hier im Viertel, bis … ja bis …
    Seitdem ist viel Wissen verloren gegangen; vielleicht auch deshalb manche Straßennamen

  5. Ecki
    27. Oktober 2014 at 00:24

    @ Anton: dann lass uns mal zusammen eine Ouzo trinken gehen. Stell aber bitte vorher auf Winterzeit um, damit ich nicht eine Stunde vorglühen muss

  6. 27. Oktober 2014 at 09:58

    @Ecki: Vielen Dank für die Erinnerung mit der Winterzeit. Das Neustadt-Geflüster ist jetzt wieder im UTC+1 Modus.

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