Wie der Kommerz in die BRN kam

Auf dieser kurzen Strecke nahm der Kommerz seinen Anfang.

Auf dieser kurzen Strecke nahm der Kommerz seinen Anfang. Foto: Lothar Lange

Die Kasse ist leer, die Bierkästen auch. Mir treibt die Wut eine Zornesfalte in die Stirn. Doch keiner ist da, den ich anschreien könnte. Im Hof sitzen fremde Leute. Der Bursche, der eigentlich das Bier verkaufen sollte, schnarcht volltrunken in einer Ecke. Grimmig beginne ich, das Leergut einzusammeln. Vier Kästen werden voll, die packe ich auf einen Leiterwagen und ziehe los.

Wir schreiben das Jahr 1992, auf den Straße der Neustadt wurde zum dritten Mal die Bunte Republik gefeiert. Mit ein paar Freunden besetzten wir spontan ein Haus auf der Louisenstraße. Die Wachtmeister hatten auch schon vorbei geschaut und freundlich darauf hingewiesen, dass wir bitteschön am Montag wieder verschwunden sein sollen. Wir nickten eifrig und fühlten uns geduldet. Die richtige und erfolgreiche Besetzung des Hauses sollte erst später im Jahr erfolgen. Wir verstanden uns als Instandbesetzer. Ziel war, das leerstehende Haus wieder bewohnbar zu machen. Und die knappen finanziellen Mittel wollten wir durch den Verkauf von Gerstensaft etwas aufpeppen. Soweit der Plan.

Nun stehe ich vor den Scherben unserer Anfangsinvestition. Jeder hatte einen Zehner gegeben und wir hatten das Bier gekauft. Doch irgendwie hat das mit dem Verkaufen nicht funktioniert. Wie ich später erfuhr, hatte der inzwischen schnarchende Mitstreiter sämtliche Vorräte verschenkt.

Die Rothenburger Straße Anfang der 1990er Jahre. Foto: Lothar Lange

Die Rothenburger Straße Anfang der 1990er Jahre. Foto: Lothar Lange

Mit dem Leergut im Leiterwagen mache ich mich auf dem Weg. Ein paar Schritte die Straße hinunter befand und befindet sich auch heute noch die Familien-Einkehr Hebeda’s. Damals allerdings gab es im hinteren Bereich der Gast-Wirtschaft noch einen Straßenverkauf. Für kleines Geld tausche ich mein Leergut in volle Flaschen und zuckele zurück zur Louisenstraße. Ich komme nicht weit. Denn inzwischen tummeln sich auf der Rothenburger Straße jede Menge Menschen, durstige Menschen. Mit einer riesigen Gewinnspanne verkaufe ich das Bier für zwei Mark. Es wird mir förmlich aus den Händen gerissen. Bis zur Ecke an der Louisenstraße sind meine vier Kästen wieder leer. Ich kehre um, schnappe mir das herumliegende Leergut und trotte zurück zum Hebeda’s.

Nach etwa zwei Stunden habe ich von diesem Sammel- und Verkauf-Geschäft die Nase voll. Der Gewinn ist insgesamt so hoch, dass jeder seinen Zehner Anfangsinvestition zurück bekommt und trotzdem noch ein erkleckliches Sümmchen den Weg in die Sanierungskasse findet. Das sollte uns später bei der Reparatur der sanitären Einrichtungen von Nutzen sein. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

  • War früher alles besser? Als kleine Erinnerungsstütze an die frühen 1990er Jahre veröffentliche ich in loser Folge ein paar Geschichten über die wilde Zeit von damals.
  • Die Fotos auf dieser Seite wurden zur Verfügung gestellt von Lothar Lange. Vielen Dank.
  • Alle Geschichten unter #Früher-war-alles-besser?

Der Leiterwagen holperte über den Fußweg ... Foto: Lothar Lange

Der Leiterwagen holperte über den Fußweg … Foto: Lothar Lange

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8 Kommentare zu “Wie der Kommerz in die BRN kam

  1. HinzundKunz
    28. September 2014 at 23:39

    Hahaha … ja der Straßenverkauf bei Hebeda’s … spätestens nach einem Blick auf das fleckige Feinripp-Unterhemd, und den darunter hervorquellenden Bauch des Inhabers dieses Feinschmeckerlokals, hatte man richtig durst! ;)

  2. 29. September 2014 at 12:27

    oooooohhhhhhh….danke für den tollen Beitrag…..s war bestimmt Sterni was damals die Runde machte,und für 2 Mark die Flasche einen guddi Reibach erlaubte(die Flasche kam am Anfang noch unter 50 Pfennig ?!)ich habe mir damals immer warmes Dosenbier gegönnt(das aus dem Lidl—bäh)

    grussi….

    • 29. September 2014 at 13:22

      Sterni? Ganz sicher nicht, ich bin mir nicht sicher ob es Felsenkeller oder Feldschlösschen war oder vielleicht doch Coschützer?

  3. Andse
    29. September 2014 at 13:52

    …meine erste BRN. Hebedas-Straßenverkauf, überhaupt Hebedas, war damals irgendwie voll daneben und einzige Anlaufstelle fürs günstige Bier abfassen.

  4. Lenbach
    30. September 2014 at 11:39

    @Anton und alle anderen

    Die Seite von Lothar Lange kenne ich. Gibt es irgendwo noch andere Seiten, auf denen die 90er Jahre der Neustadt dokumentiert sind? Ich denke da speziell ans Nachtleben, Innenaufnahmen von damaligen Kneipen etc.. Leider habe ich das damals auch nicht gemacht, lag wohl daran, daß man jedesmal eine voluminöse Analog-Kamera hätte mitschleppen müssen…

  5. Joris
    30. September 2014 at 12:17

    Wusstet ihr eigentlich, das der Strassenverkauf übers Treppenhaus eigentlich höchst illegal war? Mich hat sogar einmal die ältere Dame, die diesen Strassenverkauf tätigte, darauf hingewiesen, daß man das bitte nicht breittratschen sollte, das es sowas überhaupt gibt. Sonst wären sicher auch noch andere Kneipen oder Geschäfte darauf gekommen.

  6. Lenbach
    30. September 2014 at 16:39

    @Anton

    Ah, Danke!

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