Wenn Träume fliegen lernen…

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Wer fliegen will, darf vor dem Fall keine Angst haben…Foto: Erik Groß

Alles ist möglich

Ein Hund, der träumte, ein Bär zu sein. Ein Baum, der träumte, davonlaufen zu können. Eine Mauer, die träumte, für Frieden zu sorgen. Ein Mensch, der träumte, fliegen zu können. Alles hochmütiger Unsinn? Alles kindliche Illusion?

Nur ein Hund? Nur? Hör nicht auf ihn, Porthos. Porthos träumt davon ein Bär zu sein, und du nimmst ihm seine Illusion und sagst, er ist nur ein Hund. Mit so einem Wort stiehlt man anderen den Mut. Das ist wie: er kann keine Berge besteigen, er ist nur ein Mensch oder das ist kein Diamant, das ist nur ein Stein. Nur. (Film: Wenn Träume fliegen lernen – 2004)


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Sebastian Linda (1984) ist selbstständiger Filmemacher und arbeitete neben der „Beasts-Serie“ u.a. an Projekten für Redbull, Saturn, ARD, ZDF und PRO7 – Foto: Sophia Maier
Lieber im Herzen ein Bär, als ein Hund ohne Träume. Wie man das scheinbar Unmögliche Realität werden lässt, also ein Hund eben auch ein Bär sein oder der Mensch gar der Schwerkraft trotzen kann, zeigen die „Beasts from the East“ in ihrer neusten Skateboard-Dokumentation „The Journey of the Beasts“. Dem Regisseur Sebastian Linda gelingt es, dem Traum der jungen Skater mit bewegenden Bildern ein künstlerisches Gesicht zu verleihen. Spätestens zur Filmpremiere am Sonnabend in der Schauburg wurde jedem im Kinosaal klar: Ein Skateboard ist nicht einfach nur ein Skateboard, es ist weit mehr als das. Für manche eben auch der gelebte Traum vom Fliegen.


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Vier Monate Schnittmarathon vergingen bis Sebastian sich wieder unter Menschen wagte. Nun aber liegt die Zeit der Einsamkeit hinter ihm.

Das Kind in uns

Sonnabend: Der Kinosaal in der Schauburg erstrahlt in bunten Farben, schnell sind alle Plätze gefüllt, der Sauerstoff wird knapp. Statt Rucksäcken haben einige Besucher ihre Boards geschultert als sie die Treppe im Saal hinunter schreiten. Handshakes und Umarmungen werden eifrig ausgetauscht, schnell wird klar: zur Filmpremiere von „The Journey of the Beasts“ sind Freunde gekommen, um einen Film über Freundschaft zu sehen. Ein grandioses Schauspiel, ein lebendiges Treiben. Plötzlich richten sich alle Augen auf die Bühne vor der Leinwand, Sebastian und sein Mikrofon battlen sich im Beatboxen. Die Menge tobt, der erste Clip aus dem Jahr 2011 „The Beasts from the East“ stachelt das Publikum noch weiter an. „Ich habe gedacht, er ist verrückt, aber am Ende hat alles Sinn gemacht“, beschreibt Beast-Protagonist und Fotograf Erik Groß sein erstes Zusammentreffen mit dem Filmemacher Sebastian Linda, der seit drei Jahren Dresden sein Zuhause nennt. Die Musik zum ersten Teil stammt von David Raderecht, welcher ebenfalls nicht mehr aus der Beast-Familie wegzudenken ist. Ihm fehlen schlicht die Worte als Sebastian jenen Moment in Erinnerung ruft, als er zum ersten mal die Symbiose seines Sounds und der actionreichen Bilder im fertigen Clip zu Gesicht bekommt; Schließlich fällt ihm doch noch etwas ein, dass er mit den Anfängen seiner – mittlerweile international erfolgreichen – Skateboard-Crew in Verbindung bringt, nämlich: „krass“.

Dann wird es auch schon wieder ruhig im Saal, „The Epic and the Beasts“ fesselt die Blicke aller, Gänsehaut bahnt sich ihre Wege, Schnappatmung setzt ein: Während im ersten Teil die Beasts die Stadt auf ihren Rollbrettern unsicher machen und eine Energiebombe explodieren lassen, stehen in der Fortsetzung die Liebe zum Sport und die damit verbundenen Freundschaften im Mittelpunkt. Die Message des Filmemachers ist klar: Skateboarding erfordert Mut wie Leidenschaft und lässt sich nicht auf die bloße Ausführung von Tricks reduzieren. Das freundschaftliche Band hält die Truppe zusammen, macht es einfacher nach einem Fall wieder aufzustehen und weckt Motivation seine eigenen Grenzen zu überwinden. In Sebastians Sprache bedeutet „Grenzen überwinden“ nicht nur physischen oder psychischen Widerständen zu trotzen, sondern sich von dem Wahrheitsanspruch der Naturwissenschaft zu verabschieden – mit anderen Worten: Es ist die Phantasie eines unschuldigen Kindes in uns, welche uns jeden Tag unseren Träumen ein Stück näher bringt, nicht die erwachsene Rationalität.

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Skateboarding ist Leidenschaft. Diese Leidenschaft machte die Beasts zu Freunden.

Mit solchen Augen, mein Freund, wirst du wohl keinen Bären sehen. Hingegen mit einer winzigen Prise Vorstellungskraft, kann ich mich jetzt umdrehen und sehe den großen Bären Porthos. Tanz mit mir. (Film: Wenn Träume fliegen lernen – 2004)

Augen schließen, Kräfte sammeln, Augen öffnen und plötzlich fliegt man durch die Luft. Für einen kurzen Augenblick scheint der Schwerkraftschalter umgelegt, „Unsterblichkeit“ heißt das Gefühl. In „The Revenge of the Beasts“ wird das „kleine Kind“ zum Helden der Lüfte erklärt.

Die Reise beginnt…

Immer in Bewegung bleiben, der Drang etwas Neues auszuprobieren – diese Philosophie ist ein ratterndes Uhrwerk im Herzen der Beasts. Außerhalb von Grenzen denken, sich in der eigenen Verrücktheit verlieren und im Wahnsinn etwas noch nicht Dagewesenes kreieren – das ist der Hut, den Sebastian Linda niemals abzusetzen scheint, sobald er eine Kamera in den Händen hält: Seine filmische Handschrift ist unverkennbar. Als die Skate-Abenteurer im April ihre Koffer packten, wusste keiner von ihnen, was sie am anderen Ende der Welt erwarten würde. In einem konnten sie sich jedoch sicher sein: Zuhause würden Freunde, Familie und andere Unterstützer gespannt auf ihre Rückkehr warten und einer neuen Beast-Geschichte entgegenfiebern. Der Wahnsinn des „verrückten Skateboard-Professors“, wie Sebastians Freunde ihn auf der Premiere scherzhaft tauften, trieb die Beasts nach Indonesien – ein Land, in dem die Sportart auf Rollen vermutlich staunende Gesichter hinterlassen wird, so der Hintergedanke.

Erneute Stille. Zum Luft holen bleibt kaum Zeit, mit einem unerwarteten Schlag ins Gesicht wird der Zuschauer wachgerüttelt, nachdem ein romantisches Strand-Panorama seine wahre Identität zu erkennen gibt. Aus den Tiefen des Meeres springen sie hervor: Die Beasts sind zurück, sie sind bereit ein neues Land zu erobern. Sie rasen davon, sind nicht zu fassen. Die ersten Szenen in Jakarta, Bandung und Kuta erinnern an den ersten Teil der Beasts from the East. Waghalsige Tricks getreu dem Motto „Alles ist skatebar“ reißen das Auge in ihren Bann. Auch die örtlichen Ordnungshütern können die Beasts nicht stoppen: Ihre monströse Holzbrett-Aura lehrt den Polizisten das Fürchten, die Freunde kommen mit einer Verwarnung davon.

Der Sturm legt sich. Die Beasts ziehen weiter, ihr Lebenslauf ist nun um einige Action-Spots reicher. In jungfräulicher Frühe treibt Sebastian die gesamte Crew aus ihren Federn. Nächster Haltepunkt: Bali. Um richtig wach zu werden, braucht ein Beast natürlich erstmal Feuer unter dem Hintern. Mount Batur, ein aktiver Schichtvulkan auf der indonesischen Insel Bali, ist freundschaftlich gestimmt: Freimütig stellt er seine ganze Schönheit für eine rollende Entdeckungstour bereit. Doch dann heißt es auch schon wieder „Lebewohl, Batur“. Abschied heißt: Blutsbrüderschaft Skater-Art. Downhill stürzen sie sich dem Tal entgegen, rote Tropfen hinterlassen spurenförmig ihr beastisches Abbild bis zum Fuße des Vulkans.

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Best friends forever! – Foto: Erik Groß
Das kleine Kind macht sich bemerkbar: Spielzeit – „Beasts vs. Affen“ ist ein Duell, dass für die Jungs nicht zu gewinnen ist, auch wenn Sebastians „Uuuuhh uuhh aaaahh ahhh“ an tierische Perfektion grenzt. Steffen Krones ist verzaubert, für ihn ging heute ein Herzenswunsch in Erfüllung: „Hammer, das war genau das, was ich immer wollte: einmal mit Affen abhängen!“

Ein weiterer Plan wird ausgeheckt: Das Haus eines alten Freundes scheint für Sebastian genau der richtige Ort zu sein, neue Energie für den Rest der Reise zu sammeln. „Mr. Elektro“, ein balinesischer Wunderheiler, lässt die schmerzhaften Bruchlandungen der letzten Tage auf magische Weise in Vergessenheit geraten. Elektrische Stöße durchströmen den Körper, sobald Mr. Elektro seine Hände auflegt. Wieder wird klar: Die rationale Vernunft vermag nicht für jedes Phänomen auf Erden eine plausible Erklärung liefern zu können. Die Beasts zeigen sich dankbar: Sie entführen den Meister mysteriöser Energiereserven in eine ihm unbekannte Welt, die nur im tosenden Fahrtwind sichtbar wird. Furchtlos macht er seine ersten Schritte auf einem Skateboard. Mit der ersten Sekunde als seine Füße das Brett berühren, erstrahlt sein ohnehin unermüdliches Lächeln noch heller als zuvor. Im stolzen Alter von über fünfzig Jahren hat auch Mr. Elektro sein kindliches Ich aus dem Schlaf erweckt.

Lachende Herzen

In den verbleibenden Minuten der Beast-Reise entlädt sich ein emotionales Freudenfeuer. Unbeschwertes Kinderlachen treibt dem Betrachter Tränen in die Augen. Ein tiefsitzender Frosch verschlägt einem die Sprache. Freunde reisten tausende Kilometer weit, um ihre Liebe zum Skateboarding mit anderen zu teilen. Die Bilder, die sich in den Kinderaugen widerspiegelten, als sie zum ersten mal ein Skateboard sahen und die Euphorie, die sie versprühten, als sie schließlich lernten das wackelige Gefährt zu kontrollieren, beschreiben die Beasts als jene Momente, die ihnen noch immer Gänsehaut bereiten. Man muss jene Abschluss-Szenen selbst gesehen haben, um zu verstehen, welche Intention Sebastian Linda mit „The Journey of the Beasts“ verfolgt. Den kompletten Clip kann man seit heute online anschauen.

Mit „The Journey of the Beasts“ hat der wahnsinnige Professor ein Monster geschaffen, welches alle Elemente aus den Vorgängerteile auf sich vereint: Action, die Liebe zum Sport und den Traum vom Fliegen. Mit Hilfe ihres Abenteuergeistes, lüfteten die „Beasts from the East“ so manch kulturelles Geheimnis Indonesiens. Auf die Frage, wohin die nächste Reise gehen wird, wagt Sebastian Linda noch keine Antwort zu geben. „Auf keinen Fall jedoch, wird das nächste Projekt sein, wie eines der anderen zuvor“, so der Dresdner Filmproduzent.

Du musst einfach an etwas Schönes denken und dann hebst du ab und fliegst. (Film: Wenn Träume fliegen lernen – 2004)

Man muss nur die Augen schließen, dann scheint alles möglich. Wenn man sie dann wieder öffnet, ist alles möglich. Mut zum Träumen ist der Schlüssel zum Unmöglichen. Die „Beasts from the East“ haben es vorgemacht.

Noch bis Donnerstag, den 7. August, kann die Fotoausstellung zu „The Journey of the Beasts“ von Erik Groß in der Bar „Hoteldebotel“, Görlitzer Straße 15, bestaunt werden. Die Schwarzweißbilder entstanden mit einer Nikon FM2 und die Farbfotos mit einer Canon AE-1. Weitere Informationen gibt es auf Facebook.

2 Kommentare zu “Wenn Träume fliegen lernen…

  1. Hallo Sebastian, der Text macht mich sehr neugierig. Wir werden uns das Abenteuer heute Abend anschauen u. können dich und die Beasts schon im Voraus dazu nur beglückwünschen! Liebe Grüße Jeanne

  2. Geniale Bilder von Erik! „Mauern überwinden“ und „Regentropfen“ sind meine Favoriten. Kompliment – für das Einfangen der Stimmung. LG Uta

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